Erwachsenenbildung wird inklusiv

In der Erwachsenen-Bildung gibt es noch nicht sehr viele Angebote für Menschen mit und ohne Behinderung. Aber es werden immer mehr.

Ein großes altes Werks-Gebäude. Davor Sträucher und Bäume. Auf dem Gebäude steht: VHS Bamberg

Früher war das Gebäude ein Elektrizitäts-Werk. Heute ist es die Volkshochule der Stadt Bamberg.

Text: Eva Keller
Übersetzung: Astrid Eichstedt
Fotos: Marian Lenhard

Oft bieten Einrichtungen der Behindertenhilfe inklusive Kurse an. So wie das Zentrum für Inklusion in Weinheim. Anne-Kathrin Keuk ist Leiterin des Zentrums für Inklusion am Pilgerhaus in Weinheim. 2017 veranstaltete Anne-Kathrin Keuk zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung einen Informations-Abend zur Bundestagswahl. Sie erwarteten fünf bis zehn Besucher. Doch dann kamen 60 Frauen und Männer. Anne-Kathrin Keuk erinnert sich: „Da haben wir gemerkt: Der Bedarf an Bildung ist riesengroß.“ Deshalb beschloss das Zentrum, sein Angebot zu vergrößern.

Heute gibt es dort Beratung für Menschen mit Behinderung. Und ein Büro für Leichte Sprache. Und es gibt auch Kurse für Menschen mit und ohne Behinderung. Zum Beispiel einen Kurs zum „Umgang mit sozialen Medien“, wie Facebook oder Instagram. Oder einen Kurs mit dem Titel „Frau-Sein“. Wer Englisch lernen will, kann den Kurs „Englisch verstehen leicht gemacht“ besuchen. Für die Zukunft hat das Zentrum einen Wunsch: Es möchte gerne mit der VHS in Weinheim zusammenarbeiten.

Michael Hemm hatte die Idee zur inklusiven VHS in Bamberg

In Bamberg können Menschen mit Lernschwierigkeiten oder anderen Behinderungen schon seit 2017 inklusive Kurse in der VHS besuchen. Dafür gab es eine finanzielle Förderung von der Aktion Mensch. Die Idee zu einer inklusiven VHS hatte Michael Hemm. Er ist Leiter der Offenen Behindertenarbeit der Lebenshilfe Bamberg. Die Leitung der VHS fand seine Idee gut. Michael Hemm kümmerte sich um die Finanzierung. Er sprach mit Behinderten-Verbänden, Selbsthilfe-Gruppen und Einzel-Personen. Das weitere Vorgehen besprach er mit seinen Kollegen von der Lebenshilfe.

Zuerst musste ein Programm-Heft in Leichter Sprache her. Außerdem ein Anmeldebogen, in dem Kurs-Teilnehmer ihren Bedarf an Assistenz eintragen können. Und den Bezug von Grundsicherung. Denn wer Grundsicherung bekommt, zahlt eine ermäßigte Kursgebühr. Menschen mit Lernschwierigkeiten können sich auch in Einrichtungen der Lebenshilfe für VHS-Kurse anmelden. In den Einrichtungen bekommen sie auch Beratung. Und sie bekommen Hilfe beim Ausfüllen der Anmelde-Formulare. An jedem Kurs sollen nicht mehr als drei Menschen mit Behinderung teilnehmen. Michael Hemm erklärt das so: „Die anderen Teilnehmer sollen sie nicht als eine Gruppe wahrnehmen.“

Ein Mann mit grauen Haaren im blau karierten Hemd

Michael Hemm

Ein Man mit kurzem dunklen Haar und Brille. Er trägt ein helles T-Shirt.

Markus Dorbert

Im VHS-Rat  arbeiten sechs Menschen mit Lern-Schwierigkeiten

Ein wichtiger Schritt war die Einrichtung eines VHS-Rats. Dort arbeiten sechs Menschen mit Lern-Schwierigkeiten. Sie sammeln die Wünsche und Beschwerden von Teilnehmern mit Behinderung. Dann  besprechen sie diese mit der VHS-Leitung. Außerdem wählt der VHS-Rat in jedem Semester aus dem Gesamtprogramm 50 Kurse aus. Diese Kurse kommen in das Programmheft in Leichter Sprache. Dabei sind immer viele Sport-Angebote. Und auch Koch-Kurse. Und Englisch-Kurse. Oder auch Computer-Kurse.

Markus Dorbert ist Mitglied im VHS-Rat. Er war einer der ersten Teilnehmer mit Behinderung an der VHS in Bamberg. Am Anfang besuchte er einen Englisch-Kurs. Markus Dorbert sagt: „Das ist wichtig, wenn ich mal nach London reise.“ Der Kurs war schwer für ihn. Der Lehrer redete nur Englisch. Oft ging alles sehr schnell. Aber ein Assistent half ihm. Er schrieb englische Wörter auf. Die konnte Markus Dorbert dann zuhause lernen. Der Assistent half ihm auch bei Übungen aus dem Englisch-Buch. Markus Dobert hielt durch. Er lernte viele Sätze, die im Alltag wichtig sind. Am Ende lobte ihn der Kurs-Leiter für seine gute Aussprache.

Michael Hemm sagt: „Die Assistenzen sind sehr wichtig. Sie geben den Teilnehmern Sicherheit. Aber auch den Kurs-Leitern.“ Am Anfang waren manche Kurs-Leiter unsicher. Sie fragten sich: Wie gehe ich mit Teilnehmern mit Behinderung um? Und wie gehen die anderen Teilnehmer mit der neuen Situation um?"

Die Assistenzen arbeiten ehrenamtlich

Mitarbeiter der Lebenshilfe und die VHS-Leitung versuchten, ihnen die Unsicherheit zu nehmen. Sie erzählten den Kurs-Leitern von ihren eigenen Erfahrungen. Sie versprachen, dass es in den Kursen Assistenzen gibt. Sie machten deutlich, dass die Kurs-Leiter keine spezielle Ausbildung brauchen. Und sie schrieben einen Ratgeber mit dem Titel: „So gelingt Verständigung“.  

Die Assistenzen haben verschiedene Aufgaben. Sie erklären den Teilnehmern vieles. Sie machen den Teilnehmern Mut. Sie sorgen dafür, dass sich die Teilnehmer untereinander kennenlernen. Sie helfen bei Problemen oder Missverständnissen. Wenn es nötig ist, begleiten sie die Teilnehmer zur Toilette. Und sie übernehmen Fahrdienste. All das sind Aufgaben der Assistenzen. Ihr Einsatz ist ehrenamtlich. Sie bekommen nur einen kleinen Geldbetrag dafür.

Das gemeinsame Lernen an der VHS Bamberg klappt inzwischen gut. Die Angebote werden von Menschen mit und ohne Behinderung sehr gut angenommen. In jedem Semester gibt es allein 100 Anmeldungen von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Probleme gibt es selten. Einmal drückte zum Beispiel ein Teilnehmer im Mal-Kurs die teuren Farb-Tuben ganz aus. Ein anderes Mal schleckte eine Teilnehmerin an einer selbst hergestellten Seife. Über diese Geschichten können heute alle lachen.

Zwei Frauen mit Nordic-Walking-Stöcken. Sie wandern über einen Wiesen-Hügel.

Auch beim Wander-Ausflug ist eine Assistenz dabei

Eine junge Frau steht mit einem Mann mit grauem Haar in einer Küche.

Eine Assistenz hlft beim Koch-Kurs

Das Essen muss am Ende fertig sein

Es gibt Teilnehmer, die ihre Lieblings-Kurse mehrmals hintereinander besuchen. Wie zum Beispiel eine junge Frau, die asiatische Küche liebt. Schon mehrmals belegte sie einen asiatischen Kochkurs. Sie bekommt jedesmal eine Assistenz. Die hilft ihr, wenn es schnell gehen muss. Die Kurs-Leiterin Kristin Klein sagt: „In meinen Kursen muss jeder bestimmte Aufgaben übernehmen. Das Essen muss ja am Ende fertig sein.“ Auch bei der Wasser-Gymnastik gehören Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten fest dazu. Kurs-Leiterin Renate Schlichting sagt: „Die meisten von ihnen sind sehr offen. Für unsere Gruppe sind sie eine echte Bereicherung.“ Das finden auch die übrigen Teilnehmer.

Bei Kursen zum Kochen, Schwimmen, Basteln und auch bei Stadt-Führungen  gibt es kaum Probleme. In inklusiven Lern-Kursen ist es manchmal schwierig, alle Teilnehmer zu berücksichtigen. Das bestätigt auch Ann-Kathrin Keuk. Sie erzählt von ihrer Erfahrung im Zentrum für Inklusion in Weinheim: „In unserem Englisch-Kurs waren einige ältere Frauen, die schon vieles wussten. Sie haben manches schneller begriffen als einige Teilnehmer mit Behinderung. Diese waren dadurch verunsichert. Da haben wir in unserem Team überlegt, was wichtiger ist: Geht es vor allem darum, den Menschen etwas beizubringen? Oder geht es vor allem darum, dass die Menschen gemeinsam lernen?“

Die meisten Teilnehmer machen in den Kursen gute Erfahrungen

Michael Hemm von der Lebenshilfe Bamberg hat dazu eine klare Meinung. Er sagt: „Wir müssen den Menschen mit Behinderung Inklusion auch zumuten. Vielleicht werden manche auch mal enttäuscht. Und dann merken sie: Das ist nicht das Richtige für mich. Das kann ja jedem passieren.“ Ein Problem ist auch: Manche VHS-Kurse finden tagsüber statt. Da müssen einige Menschen aber eigentlich in der Werkstatt arbeiten. Und im Wohnheim ist vielleicht gerade Zeit fürs Mittagessen. Aber die meisten Teilnehmer machen in den Kursen gute Erfahrungen. Zum Beispiel Mareike Gottschalk. Sie arbeitet auch im VHS-Rat mit. Sie sagt: „Mir machen die Kurse großen Spaß. Ich habe schon viele Leute kennen gelernt.“

Damit inklusive Erwachsenenbildung klappt, gibt es viel zu regeln. Vor allem dann, wenn sehr viele Teilnehmer mitmachen. So wie in Bamberg. Hier funktioniert die inklusive VHS sehr gut. VHS, Lebenshilfe, Behinderten-Verbände und Selbsthilfe-Verbände arbeiten gut zusammen. Dabei wirken viele Menschen mit. Wichtig sind zum Beispiel die Sekretärinnen. Sie prüfen bei der Anmeldung den Bedarf an Assistenz. Und sie informieren die Kursleiter. Wichtig ist auch der Hausmeister. Er bringt den Koffer mit der Induktions-Schleife für Menschen mit Hörgeräten zu den Kursen. Wichtig sind natürlich auch die Kursleiter. Sie müssen bereit sein, sich auf Menschen mit Behinderung einzustellen. Wichtig ist auch die Koordinations-Stelle. Dort arbeiten Menschen, die alles im Blick haben müssen.

Ein Problem ist: Das alles kostet Geld. Bislang bekam die VHS genügend Förder-Gelder. Doch die Förderung war auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt. Jetzt muss sich Michael Hemm um neue Förderer kümmern. Dafür wirbt er bei Stiftungen und Kommunal-Politikern. Eine dauerhafte Finanzierung wünscht sich auch Anne-Kathrin Keuk vom Zentrum für Inklusion in Weinheim. Sicher ist aber: Der dortige Englisch-Kurs wird im Januar fortgesetzt. Und sowohl die älteren Frauen als auch die Teilnehmer mit Lernschwierigkeiten sind wieder dabei.

Eine junge Frau mit kurzem dunklen Haar. Sie trägt eine Brille.

Meike Gottschalk

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