Menschen wegen ihrer Behinderung beleidigen: Das nennt man Mobbing. Menschen wegen ihrer Behinderung ausgrenzen: Das nennt man Diskriminierung. Beides ist sehr schlecht für das Selbstwertgefühl. Es kann zum Beispiel am Arbeitsplatz passieren. Oder im Internet. Oder in der Öffentlichkeit. Aber man kann sich dagegen wehren. Und man kann lernen, wie man sich dagegen wehrt.

Zeichnung: Eine Perso streckt abwehrend ihre Hand aus

Text: Till Schröder
Übersetzung: Astrid Eichstedt
Bilder: Romualdo Faura

Im Jahr 2016 fand eine bundesweite Befragung zum Thema Mobbing statt. Auftraggeber war die staatliche Anti-Diskriminierungsstelle. Das Ergebnis: Jeder dritte Mensch in Deutschland fühlte sich schon mal diskriminiert. Ein Viertel davon wegen einer Behinderung. Die Aktion Mensch führt gerade eine Kampagne gegen Diskriminierung durch. Sie hat viele Beispiele für Ausgrenzung und Demütigung von Menschen mit Behinderung gesammelt.

Dazu gehört etwa  die Beschimpfung von anderen Menschen als „Spasti“. Oder die Beschimpfung als „Mongo“. Ein anderes Beispiel: Ein Arzt rät einer Frau mit Behinderung, ihr Kind abzutreiben. Seine Begründung: Sie kann sich nicht gut genug darum kümmern. Diskriminierung findet auch in der Öffentlichkeit statt. Zum Beispiel: Eine Frau mit Geh-Behinderung will in einen Bus einsteigen. Aber der Busfahrer will den Bus nicht absenken.

Viele Menschen trauen sich nicht, sich zu wehren

Ausgrenzung passiert oft da, wo Menschen nicht auf Barrierefreiheit geachtet haben. Zum Beispiel wenn eine Arzt-Praxis nur über Treppen erreichbar ist. Oder wenn Assistenzhunde nicht mit in ein öffentliches Gebäude dürfen. Oder in der Schule. Klassenausflüge sollten eigentlich barrierefrei sein. Das ist aber nicht immer so. Manchmal müssen Schüler mit Behinderung zu Hause bleiben. Zum Beispiel, weil es viel zu wenige barrierefreie Spielplätze gibt. Das sind nur einige wenige Beispiele von vielen.

Wie gehen Menschen mit solchen Erfahrungen um? Dazu hat die Aktion Mensch 2019 eine Untersuchung beauftragt. Einige Ergebnisse zeigen: 44 Prozent der Menschen versuchen, ähnliche Situationen zu meiden. Nur sechs Prozent der Befragten sprechen öffentlich über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung.

Viele Menschen trauen sich nicht, sich zu wehren. Sie wagen es nicht, ihre Rechte einzufordern. Vor allem wenn sie Diskriminierung und Mobbing am Arbeitsplatz erleben. Und gerade das kommt bei Erwachsenen mit Behinderung oft vor. Es ist besonders verletzend für das Selbstwertgefühl. Denn es passiert meistens immer wieder.

Zeichnung: Mann hebt ein Stop-Schild hoch

Schweigen hilft nicht

Betroffene wehren sich oft nicht. Sie haben Angst, dass es dann noch schlimmer wird. Aber Schweigen hilft nicht. Denn Diskriminierung und Mobbing machen krank. Die Betroffenen leiden seelisch. Aber sie leiden oft auch körperlich. So war es auch bei Jennifer Sonntag. Sie sagt: „Ich konnte nicht mehr gut hören. Deshalb musste ich mehrmals ins Krankenhaus.“ Jennifer Sonntag hat eine Sehbehinderung. Deshalb ist sie besonders auf ihr Gehör angewiesen.

Jennifer Sonntag wollte sich wehren. Deshalb startete sie ihr Projekt stop.mobb.handicap. Auf ihrer Internet-Seite hat sie Informationen über Diskriminierung und Mobbing zusammengestellt. Sie gibt Tipps, wie man ein Mobbing-Tagebuch schreibt. Sie nennt Ansprechpartner. Und sie stellt kostenlos Info-Material für Vorträge bereit.

Gegen Ausgrenzung aufgrund von mangelnder Barrierefreiheit kann man sich wehren. Man kann sich an folgende Stellen wenden: Antidiskriminierungsstellen, Gleichstellungsbeauftragte, Inklusionsämter, Integrationsfachdienste. Wenn es aber um Mobbing geht, können diese Stellen meistens nicht weiterhelfen. Denn  dafür sind allgemeine Mobbing-Beratungsstellen zuständig. Aber die sind nicht auf Menschen mit Behinderung spezialisiert.

Monika Hirsch-Sprätz arbeitet bei der Mobbing-Beratung Berlin-Brandenburg. Sie sagt: „Wir haben sehr viele schwerbehinderte Menschen in der Beratung.“ Zu ihr kommen Betroffene, die aufgrund ihrer Behinderung gedemütigt und geärgert wurden. Es kommen auch Menschen, die keine Hilfsmittel und  passende Arbeitsplätze bekommen haben. Und Menschen, die länger krank waren. Als sie wieder zur Arbeit kamen, war vieles anders. Sie durften frühere Aufgaben nicht mehr erledigen. Sie durften nicht mehr bei allen Aktivitäten dabei sein. Kollegen beschimpften sie. Sie waren neidisch, weil Menschen mit Behinderung  mehr Urlaubstage oder andere Vergünstigungen bekommen. Monika Hirsch-Sprätz und ihre Kollegen helfen den betroffenen Menschen. Sie sagen ihnen was sie in solchen Situationen tun können. Außerdem wollen sie das Selbstwertgefühl dieser Menschen stärken.

2018 trat das Bundesteilhabe-Gesetz in Kraft. Seitdem gibt es bundesweit unabhängige Teilhabe-Beratungen. Dort arbeiten Menschen mit Behinderung als Berater für andere Menschen mit Behinderung. Man nennt das Peer-Beratung. Die Berater haben selbst Mobbing und Diskriminierung erlebt. Sie kennen deshalb Lösungen. Genauso ist das auch in den Zentren für selbstbestimmtes Leben. Das ist ein Netzwerk von bundesweit aktiven Selbsthilfe-Vereinigungen.

Zeichnung: Frau hebt eine Hand hoch

Es ist wichtig, das Selbstwert-Gefühl der Betroffenen zu stärken

Jennifer Sonntag hat ein solches Zentrum für selbstbestimmtes Leben sehr geholfen. Inzwischen ist sie ehrenamtliche Inklusions-Botschafterin des Netzwerks. Durch die Zentren für selbstbestimmtes Leben können sich Betroffene austauschen. Die Zentren vermitteln auch den Kontakt zu anderen Netzwerken. Außerdem bieten sie Schulungen an. Und sie empfehlen ausgebildete Fachkräfte weiter.

Auch in den Zentren für selbstbestimmtes Leben geht es nicht nur um Konflikt-Lösungen. Es geht auch darum, das geschwächte Selbstwert-Gefühl der Betroffenen zu stärken. Jennifer Sonntag findet das besonders wichtig. Sie sagt: „Für Menschen mit Behinderung ist es schwer, sich zu wehren. Wir haben gelernt anderen Menschen zu gefallen. Wir wollen die Erwartungen von anderen Menschen erfüllen“. Dabei spielen eigene frühe Erfahrungen eine große Rolle. Haben die Eltern einem ein gutes Selbstwert-Gefühl vermittelt? Hat man Mobbing schon in der Schule erlebt? Hat man damals Unterstützung erfahren? Hat man schon früh gelernt, stop zu sagen?

Die Betroffenen sollen ihre Ohnmacht überwinden

Kathrin Blaha arbeitet bei der „Antidiskriminierungs-Beratung Alter oder Behinderung“. Das ist ein Projekt der Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin (e.V.). Auch sie findet die Stärkung des Selbstwert-Gefühls von Betroffenen sehr wichtig. Sie sagt: „Wir unterstützen die Betroffene. Wit helfen ihnen, ihre Ansprüche durchzusetzen. Denn mit einer offiziellen Stelle an der Seite klappt das viel besser.“ Kathrin Blaha hat Sozialpädagogik und Soziale Arbeit studiert. Zur Zeit studiert sie nebenbei noch Rechts-Wissenschaften. Dadurch ist sie gut auf die Probleme der Ratsuchenden vorbereitet. Sie zeigt ihnen, wie sie sich gegen Diskriminierung wehren können. Sie sollen ihre Ohnmacht überwinden. Und sie sollen sich hinterher stärker fühlen.

Beratung in einzelnen Fällen kann sehr nützlich sein. Gut sind aber auch Kurse, die Menschen stark machen. Dort lernen sie, wie sie mit Diskriminierung und Mobbing selbstbewusst umgehen. Dadurch sind sie gut auf schwierige Situationen vorbereitet. Das nennt man Empowerment. Übersetzt heißt das: stark machen. Der Ansatz stammt aus der US-amerikanischen Bürgerrechts-Bewegung. Er richtet sich an Menschen, die ausgegrenzt werden. Zum Beispiel wegen ihrer Hautfarbe. Oder wegen ihrer Religion. Oder auch, weil sie eine Behinderung haben. Diese Menschen werden gestärkt. Sie lernen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Empowerment-Kurse gibt zum Beispiel der Tübinger Verein adis (Antidiskriminierung – Empowerment – Praxisentwicklung). Die Sozialpädagogin Borghild Strähle gibt hier Kurse für Menschen mit Behinderung. Sie hat selbst eine Behinderung. In jedem Kurs erzählen die Teilnehmer zuerst, was ihnen Schlimmes passiert ist. Dann suchen alle gemeinsam nach Lösungs-Möglichkeiten. Borghild Strähle sagt: „Wer andere Menschen diskriminiert, urteilt über sie. Sein Urteil lautet: „Du bist anders. Du gehörst nicht dazu.“ Deshalb ist es wichtig, das Selbstwert-Gefühl der Betroffenen zu stärken. Borhild Strähle meint: „In Deutschland gibt es bisher leider zu wenige Empowerment-Kurse für Menschen mit Behinderung.“

Im Internet gibt es immer öfter Beleidigungen gegen Menschen mit Behinderung

In Zeitungen, im Radio und im Fernsehen merkt man, wie sehr Diskriminierung zum Alltag gehört. Da heißt es dann zum Beispiel: Sie leidet an Blindheit. Oder: Er ist an den Rollstuhl gefesselt. Oder: Er geht tapfer mit seinem Schicksal um. Oder: Sie macht das trotz ihrer Behinderung. Durch solche Formulierungen werden Menschen mit Behinderung ausgegrenzt. Der Sprecher blickt mitleidig auf sie herab.

Im Internet gibt es immer öfter Beleidigungen gegen Menschen mit Behinderung. Oft sind diese Äußerungen sogar bedrohlich. Auch auf den Internet-Seiten der Aktion Mensch wollen immer wieder Menschen ihren Hass zeigen. Aus diesem Grund hat die Aktion Mensch jetzt eine Kampagne gestartet. Besonders stark richtet sich der Hass vieler gegen Menschen mit Behinderung, die sich im Internet engagieren. Menschen, die zum Beispiel für ihre Rechte eintreten.

HateAid“ ist eine Organisation, die Menschen mit Behinderung in solchen Fällen Hilfe anbietet. „HateAid“  heißt übersetzt Hilfe gegen Hass. Die Organisation bietet kostenlose Beratung. Sie beobachtet Äußerungen von Hass im Internet. Sie erstattet Anzeigen. Und sie übernimmt Prozess-Kosten. Denn man kann Täter verklagen.  Allerding passiert das noch viel zu selten. „HateAid“ bietet hierbei Unterstützung. Das Ziel aller Unterstützer ist: Sie wollen helfen. Sie wollen die Betroffenen stärken. Sie zeigen: Es muss keiner alleine gegen Diskriminierung kämpfen.

Zeichnung: Person hält eine Hand an den Mund

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