Ehrenamtlich arbeiten mit Behinderung

Menschen mit Behinderung, die ehrenamtlich arbeiten: Das gab es bisher ganz selten. Aber langsam ändert sich das.

Zwei Frauen lehnen in ländlicher Umgebung lächelnd an einem Baum

Nadja Maluscha (links) versorgt am Wochenende ehrenamtlich die Tiere auf einem Bauernhoft in Weilheim. Gabi Hager-Königbauer (rechts) hat iht geholfen, dieses Ehrenamt zu finden.

Text: Dagmar Puh
Übersetzung: Stefanie Wulff
Fotos: Constantin Mirbach

Es ist ein schöner Morgen im Herbst. Es ist Samstag. Susanne Bund, Nadja Maluscha, Martina Gebhardt und Hubert Rainer haben heute eigentlich frei. Aber sie ruhen sich trotzdem nicht aus. Denn sie sind heute als „Tier-Kümmerer“ im Einsatz. Das bedeutet: Sie arbeiten ehrenamtlich auf dem „Gmünder Hof“. Das ist ein Bauernhof des Vereins „Brücke Oberland“ in Weilheim. Die vier Personen versorgen dort heute ehrenamtlich die Tiere. Alle vier leben mit einer Lernbehinderung.

Professorin Martina Wegner von der Hochschule München erklärt, weshalb das etwas Besonderes ist: „Viele Menschen denken heute: Man muss Menschen mit Behinderung helfen. Man muss sich für Menschen mit Behinderung ehrenamtlich einsetzen. Die wenigsten Menschen denken: Menschen mit Behinderung können sich auch selbst ehrenamtlich für andere einsetzen.“ Martina Wegner meint, dass sich das ändern muss. Man muss anerkennen, dass auch Menschen mit Behinderung ein Ehrenamt haben können. Sie haben sogar ein Recht darauf.

Martina Wegner hat fünf Jahre lang bei einem Projekt der „Bundes-Arbeitsgemeinschaft der Freiwilligen-Agenturen“ (bagfa) mitgearbeitet. Das Ziel des Projekts war: Mehr Menschen mit Behinderung sollten die Möglichkeit erhalten, ehrenamtlich zu arbeiten.

Freiwilligen-Agenturen und Inklusion

Eine lächelnde Frau mit geistiger Behinderung, die ein Kaninchen trägt

Susanne Bundt weiß, wie man mit Tieren umgeht.

Freiwilligen-Agenturen helfen Menschen, ein passendes Ehrenamt zu finden. Tobias Kemnitzer ist Geschäftsführer der bagfa. Er meint: Auch schon früher hatten einzelne Menschen mit Behinderung ein Ehrenamt. Aber die meisten Freiwilligen-Agenturen haben bisher wenig auf Inklusion geachtet. Das heißt: Sie haben zu wenig daran gedacht, dass Menschen mit und ohne Behinderung ein Ehrenamt haben können. Bei dem Projekt mit Martina Wegner wurde deutlich: Es gibt noch viele Barrieren für Menschen mit Behinderung, die ehrenamtlich arbeiten wollen. Es gibt Probleme bei den Freiwilligen-Agenturen. Es gibt Probleme bei den Projekten, in denen Menschen mit Behinderung ehrenamtlich arbeiten könnten. Und Menschen mit Behinderung wissen auch nicht genug über das Thema Ehrenamt.

Die bagfa will das ändern. Dazu hat sie verschiedene Maßnahmen gestartet. Die bagfa hat zum Beispiel einen Beirat gegründet. Das ist eine Gruppe von Menschen, die die bagfa beraten. In diesem Beirat arbeiten auch Menschen mit Behinderung mit. Außerdem gibt es Fortbildungen und Info-Veranstaltungen. Und die bagfa erstellt Materialien zum Thema Inklusion. Man kann sie herunter laden unter https://bagfa-inklusion.de.

"Anpacken mit Herz"

Eine Frau und ein Mann stehen auf einer Wiese, die Frau streichelt ein Huhn, das der Mann trägt

Martina Gebauer (links) genießt die Zeit auf dem Bauernhof. Sebastian Gut (rechts) unterstützt die enhrenamtlichen Mitarbeiter.

In Weilersheim gibt es auch eine Freiwilligen-Agentur. Sie heißt „Anpacken mit Herz“. Die Freiwilligen-Agentur „Anpacken mit Herz“ hat die Informationen der bagfa zu Inklusion genutzt. Dadurch arbeiten jetzt mehr Menschen mit Behinderung ehrenamtlich in Weilersheim. Viele Einrichtungen in Weilersheim unterstützen das. Zum Beispiel die Behindertenbeauftragte des Landkreises. Oder der Caritas-Verband Weilheim-Schongau e.V.. Und verschiedene Organisationen für Menschen mit Behinderung und Vereine.

Die Freiwilligenagentur „Anpacken mit Herz“ erstellte auch Info-Material in Leichter Sprache. Und sie kümmern sich um neue ehrenamtliche Aufgaben. Dazu gehören zum Beispiel die „Tier-Kümmerer“ auf dem „Gmünder Hof“. Die ehrenamtliche Arbeit kann man erst mal unverbindlich ausprobieren. Man muss sich nicht sofort  verpflichten. Außerdem veranstaltete die Freiwilligen-Agentur „Anpacken mit Herz“ einen „Freiwilligen-Tag“.

All diese Maßnahmen sind dazu da, mehr Menschen mit Behinderung ein Ehrenamt zu ermöglichen. Die Freiwilligen-Agentur „Anpacken mit Herz“ tut also viel für mehr Inklusion im Ehrenamt. Deshalb erhielt sie auch einen Preis. Sie wurde mit dem zweiten Platz beim bundesweiten Sozial-Preis „Innovatio“ ausgezeichnet.

Beim Projekt „Tier-Kümmerer“ auf dem „Gmünder Hof“ macht auch die Lebenshilfe Weilheim Schongau mit.  Die „Tier-Kümmerer“ Susanne Bund, Nadja Maluscha, Martina Gebhardt und Hubert Rainer leben in einer Einrichtung der Lebenshilfe. Als „Tier-Kümmerer“ haben sie viel Verantwortung. Sie schließen die Stalltürenauf. Sie begrüßen die Tiere. Sie füllen Wasser in die Tröge. Sie verteilen das richtige Futter. Es ist wichtig, nicht zu viel und nicht zu wenig Futter zu verteilen. Sonst könnten die Tiere krank werden. Später schließen sie die Stalltüren wieder ab. Seit eineinhalb Jahren sind die „Tier-Kümmerer“ schon im Einsatz. Es hat noch nie Probleme gegeben.

"Tier-Kümmerer" im Einsatz

Ein Mann gießt mit einer Gießkanne Wasser in eine Tränke

Hubert Kainer füllt frisches Wasser in die Tränken.

Miriam Folda vom Verein „Brücke Oberland“ ist froh, dass es die „Tier-Kümmerer“ gibt. „Ohne sie hätten wir an den Wochenenden ein Problem“, sagt sie. Der Verein hat keine Vorurteile gegenüber Freiwilligen mit Behinderung. Der Verein hatte die „Tier-Kümmerer“ vor ihrem Einsatz geschult. Und die „Tier-Kümmerer“ können weiterhin jederzeit Fragen stellen, wenn sie etwas nicht verstehen.

So gut wie bei den „Tier-Kümmerern“ klappt es aber nicht immer. Bei anderen Projekten ist es schwieriger für Menschen mit Behinderung, die ehrenamtlich arbeiten wollen. Zum Beispiel, weil die Räume nicht barrierefrei sind. Oder weil Menschen Vorbehalte haben. Sie denken: Ehrenamtliche Mitarbeiter mit Behinderung brauchen zu viel Unterstützung. Das können wir nicht leisten. Manchmal haben auch Menschen mit Behinderung selbst Vorurteile. Sie denken zum Beispiel: Es gibt kein Ehrenamt für mich, das mir Spaß macht.

Gabi Hager-Königbauer von der Freiwilligen-Agentur „Anpacken mit Herz“ will etwas gegen diese Vorbehalte tun. Gute Beispiele wie die „Tier-Kümmerer“ können andere am besten überzeugen. Und es gibt noch mehr gute Beispiele: Zum Beispiel einen Mann mit psychischer Krankheit, der für eine Seniorin einkauft. Oder Menschen mit Lernschwierigkeiten, die bei einem Handballverein ehrenamtlich mitarbeiten. Sie sorgen dort dafür, dass es immer genügend Kühl-Pads für verletzte Sportler gibt.

Gabi Hager-Königbauer meint: Es ist wichtig, dass es auch viele kleine Aufgaben für ehrenamtliche Mitarbeiter mit Behinderung gibt. Denn nicht jeder kann große Aufgaben mit viel Verantwortung übernehmen.

Diese Erfahrungen haben auch andere Freiwilligen-Agenturen gemacht. Fünf Jahre lang die bagfa ein Projekt für mehr Inklusion im Ehrenamt durchgeführt. Viele Freiwilligen-Agenturen machten mit. Und fast alle arbeiten jetzt inklusiver also vorher.

Viele Freiwilligen-Agenturen planen jetzt einen nächsten Schritt. Sie möchten, dass es mehr „Freiwilligen-Tandems“ gibt. Das bedeutet: Jeweils ein Freiwilliger mit Behinderung und ein Freiwilliger ohne Behinderung arbeiten zusammen. In Weilheim hat man mit solchen „Freiwilligen-Tandems“ schon gute Erfahrungen gemacht. Beim letzten Weihnachtsmarkt haben „Freiwilligen-Tandems“ an einem Stand zusammen gearbeitet. Auch geflüchtete Menschen und Migranten haben mitgemacht. Alles lief gut. Alle hatten viel Spaß. Und am Ende haben alle zusammen auch etwas Geld für einen guten Zweck verdient.

Das könnte Sie auch interessieren

Eine Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung, die lachelnd vor einem Gebäude stehen

Eine andere Perspektive

Manche Menschen mit Behinderung arbeiten als Lehrer, Trainer oder Dozent. Sie geben ihr Wissen an andere weiter. Warum machen sie das? Und wie fühlen sie sich dabei? Wir haben sechs Menschen gefragt.

zum Beitrag „Eine andere Perspektive“
Eine Person hält ein Plakat hoch. Darauf steht unter anderem: Ich bin hier, um lesen zu lernen.

Lesen und schreiben für politische Teilhabe

Wer lesen und schreiben kann, der kann seine Interessen besser durchsetzen. Zum Beispiel im Werkstatt-Rat. Oder im Behinderten-Beirat. Angebote der Erwachsenen-Bildung können dabei helfen.

zum Beitrag "Lesen und schreiben für politische Teilhabe"
Schwarz-weißes Porträtfoto einer Frau mitteleren Alters

Ein Recht auf Erwachsenenbildung

Menschen mit Behinderung sollen an allen Bildungs-Angeboten teilhaben können. Der Staat muss das möglich machen. Marianne Hirschberg meint: Bisher können zu wenig Menschen mit Behinderung mitmachen.

zum Beitrag „Ein Recht auf Erwachsenenbildung“