Aktion Mensch-Blog

Zwischen Briefkastenonkel und Kampagnenmacher

Die Aktion Grundgesetz, das Gleichstellungsgesetz, den Internetwettbewerb BIENE, die Abkehr vom „Sorgenkind“: Christian Schmitz hat als stellvertretender Pressesprecher wichtige Meilensteine der 50-jährigen Geschichte der Aktion Mensch begleitet. Wann er am liebsten im Boden versunken wäre, wieso er die Lotteriebestimmungen ganz genau kennt und wie er in die BILD-Zeitung kam, verrät dieser Blogbeitrag.

Christian Schmitz: „Jeder sollte eine Antwort erhalten“ Foto: Carmen Molitor

Christian Schmitz ist ein Mann des geschliffenen Wortes. Als gelernter Journalist kam er im Mai 1998 vom Ruhrwort, der damaligen Zeitung des Bistums Essen, und wurde PR-Redakteur und stellvertretender Pressesprecher der Aktion Mensch, als die noch „Aktion Sorgenkind“ hieß. Seine Welt waren die Printmedien. Er war einer, der sich anfangs immer wünschte, „dass sich der Boden auftut und man wie Rumpelstilzchen versinkt“, wenn das Rotlicht an einer Fernsehkamera, die bei einem Interview auf ihn gerichtet wurde, anging. Der erst mal einen Kloß im Hals besiegen musste, wenn ein Radioreporter ihm ein Mikrophon vor die Nase hielt. „Mit der Zeit und viel Übung ging es dann“, erinnert er sich lächelnd.

Schmitz gehörte zu einem fünfköpfigen Team der damaligen Abteilung „Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung“. „Warum hat mein Los noch nicht gewonnen?“, war die Frage, die ihm in der ersten Zeit am häufigsten gestellt wurde. Lotteriebestimmungen und Wege, wie er sie den ungeduldigen Lotteriespielern am anderen Ende der Leitung erklären konnte, waren das Erste, was er sich in seinem neuen Job draufschaffen musste. Seine Abteilung war auch ein Kummerkasten: Viele Menschen mit Behinderung wandten sich mit seitenlangen, handgeschriebenen Briefen an ihn und seine Kollegen, schilderten ihr Schicksal und baten um Hilfe oder Rat. „Jeder, der hier anfragte, sollte eine Antwort erhalten, hatten wir uns vorgenommen“, sagt Schmitz. „Unser Anspruch war, für die Leute zumindest die Verbindung zu Beratungsstellen im Wohnort zu recherchieren oder Anwälte zu benennen, die eine kostenlose Erstberatung machten.“

Aktion Sorgenkind wird Aktion Mensch

Eine wahre Postflut schwappte bei der Namensänderung von „Aktion Sorgenkind“ auf „Aktion Mensch“ im Jahr 2000 ins Haus. „Menschen haben uns geschrieben, warum sie die Namensänderung entweder toll oder verdammenswert fanden. Ich wurde auserkoren, Brief für Brief zu lesen und eine Antwort darauf zu entwerfen.“ Die Gegner fürchteten durch die Änderung des Markennamens einen Einbruch der Lotterieeinnahmen und damit einen Rückgang der Förderung für Projekte. Längst nicht alle hielten „Sorgenkind“ für einen negativ besetzten Begriff. Christian Schmitz versuchte, die inhaltlichen Argumente für die Namensänderung zu erklären; er sprach darüber, Menschen mit Behinderung als selbstbestimmte Personen ernst zu nehmen, ihnen Rechte zu geben statt nur Fürsorge. „Ganz leicht war das nicht“, sagt er.

Keine Extrawürste, sondern einklagbare Rechte

Dabei flammte die politische Diskussion um Gleichstellung von Menschen mit Behinderung um die Jahrtausendwende gerade richtig auf. Keine Extrawürste, sondern einklagbare Rechte verlangte die „Aktion Grundgesetz“, die die Aktion Mensch anschob. Jedes Jahr am 5. Mai gehen seither in Deutschland Menschen mit Behinderung auf die Straße und demonstrieren. Schmitz spielte dazu über viele Jahre die mediale Begleitmusik, betreute Aktionen vor Ort, machte Medienvertreter darauf aufmerksam, wo spannende Veranstaltungen stattfinden. „Ich empfand es als großen Erfolg, dass man zeigen konnte, wie Menschen mit Behinderung nicht nur Zuwendungsempfänger sind, sondern für ihre Rechte auf die Straße gehen – und lokale Medien und Politiker das würdigen.“

Neben der „Aktion Grundgesetz“ sieht der Medienprofi auch das „unterschätzte SGB IX, das im Jahr 2001 erstmals die Teilhabe von Menschen mit Behinderung als zu erreichendes Gut für den Gesetzgeber festschrieb“, und das Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, das ein Jahr später in Kraft trat, als Meilensteine. „An den Themen haben wir bei Aktion Mensch in ihren Publikationen – namentlich dem Magazin „Menschen“ – sehr viel gearbeitet und immer wieder über den Stand der Gesetzgebung berichtet.“

Und plötzlich war alles anders ...

Schmitz weiß aus Erfahrung, dass vor allem das Unerwartete die Medien anzieht. So wie beim Wettbewerb BIENE, in dem die Aktion Mensch seit 2003 besonders gute, barrierefreie Internetseiten prämierte. Mit der BIENE wollte man darauf aufmerksam machen, dass viele Webseiten für Menschen mit Behinderung nicht nutzbar sind. „Es ging uns um die Offenheit der Internetseiten für alle Ein- und Ausgabegeräte auf dem Markt – also nicht nur PC, Tastatur, Bildschirm, sondern auch Braillezeile und andere, auf die Behinderung zugeschnittene Systeme.“ Das coole und topmoderne World Wide Web und Menschen mit Behinderung? Diese ungewöhnliche Kombination und der gute Ruf, den sich der Wettbewerb in der Programmierszene schnell erwarb, machten Journalisten neugierig. „Ich bin so das erste Mal mit meinen Themen in die BILD-Zeitung hineingekommen, und zwar in einem sehr positiven Kontext“, erzählt Schmitz. „Der Wettbewerb hat über die Jahre viele gute Anstöße für die Weiterentwicklung barrierefreier Seiten gegeben.“

2010 veränderte sich Christian Schmitz‘ Leben von einem Moment auf den anderen radikal: Er hatte eine schwere Hirnblutung, ist seitdem halbseitig gelähmt und sitzt im Elektrorollstuhl. Zwei Tage die Woche arbeitet der 49-Jährige nach einer längeren Pause wieder bei der Aktion Mensch. Wie wichtig und richtig die behindertenpolitische Arbeit war und ist, erfahre er jetzt „am eigenen Leib“. „Man bekommt viele Dinge, auf die man auf dem Papier ein Recht hat, eben nicht so leicht. Niemand kommt vorbei und sagt: ,Jetzt könntest du doch einen E-Rolli brauchen!‘“, sagt er. „Man muss sich um alles selber kümmern, und wenn man das nicht mehr kann oder keinen hat, der einem dabei hilft, hat man ein wirkliches Problem.“ Schmitz kämpft: Seinen Elektrorollstuhl hat er bei der Krankenkasse erstritten. Menschen mit Behinderung müssen ihre Rechte notfalls auch vor Gericht einfordern, sagt er. Dass diese Rechte heute verbrieft sind, dazu hat auch seine Arbeit ein kleines Stück beigetragen.


Linktipp:
Schon viel erreicht: Die Meilensteine aus 50 Jahren Aktion Mensch in unserer Chronik

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