Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Zwischen allen Stühlen

Die Berufschancen für mehrfachbehinderte blinde und sehbehinderte Menschen sind erschreckend schlecht.

Es gibt sie, die Positivbeispiele von beruflich erfolgreichen blinden und sehbehinderten Menschen – zum Glück. Sie arbeiten in akademischen Berufen wie Richter oder Rechtsanwalt. Sie haben ihre eigene psychologische Praxis, sind Journalisten oder arbeiten im öffentlichen Dienst.

Häufig muss dieser Personenkreis, zu dem wohl auch ich gehöre, in Medienberichten und der Interessenvertretung als Botschafter in eigener Sache fungieren. Die Botschaft lautet: Wir sind ebenso leistungsfähig wie ihr Sehenden. Unsere Behinderung ist kein Hindernis in unserer Arbeit. Immer häufiger werden sogar die Stärken betont, die sich durch die Behinderung ergeben.

Gewinn für alle

Und in der Tat ist es so, dass noch viel mehr von uns erfolgreich und für das Unternehmen gewinnbringend arbeiten könnten, wenn Arbeitgeber uns ließen. Wenn diese ihre Unsicherheiten und Vorurteile überwinden würden, aber auch wenn die Bürokratie der Kostenträger in Deutschland keine Hindernisse in den Weg legen würde, dann könnte die Arbeitslosenquote unter Menschen mit Behinderung noch deutlich sinken.

Aber es gibt auch eine Gruppe, die zwischen allen Stühlen sitzt. Und für diese Gruppe wird, meiner Meinung nach, in unserem Land bisher zu wenig getan. Ich spreche von der Gruppe der mehrfachbehinderten blinden und sehbehinderten Menschen. Gerade unter jugendlichen Sehbehinderten ist ihr Anteil hoch. Zum eingeschränkten Sehen kommen bei Ihnen weitere körperliche oder geistige Behinderungen, Lernschwierigkeiten oder psychische Erkrankungen hinzu.

Kein Platz in unserer Leistungsgesellschaft

Während ein „nur“ blindes Kind noch relativ unkompliziert integriert werden kann – hier gab es bereits seit den 70er Jahren Schulen in Deutschland, die dies erfolgreich umsetzten –, schrecken viele Eltern davor zurück, ihre mehrfachbehinderten Kinder inklusiv zu beschulen. Die Folge: An vielen Förderschulen für blinde und sehbehinderte Kinder gibt es inzwischen fast nur noch mehrfachbehinderte Schüler.

Und häufig fallen diese Jugendlichen nach der Schulzeit in ein Loch. Für eine Werkstatt für behinderte Menschen sind sie oft überqualifiziert, auf dem ersten Arbeitsmarkt hingegen wären sie überfordert.

So finden diese Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz, selbst Praktika sind schwer zu bekommen. In unserer Leistungsgesellschaft ist für sie kein Platz. Dabei – so ist meine Erfahrung mit Praktikanten bei uns im Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg – können auch sie eine große Bereicherung für ein Unternehmen sein. Dabei ist aber Flexibilität gefragt. Arbeitsprofile sind zu verändern, Aufgaben müssen in kleinere Teilaufgaben gegliedert werden. Bei der Anleitung ist vom 08/15-Schema abzuweichen.

Andere Maßstäbe anlegen

Am Ende läuft es auf eine Kernforderung der Inklusion hinaus: Maßstab müssen die Fähigkeiten des Einzelnen sein. Die Gesellschaft – und damit auch der Arbeitsmarkt – muss sich so verändern, dass auch Menschen mit einer Mehrfachbehinderung eine Chance haben, sich beruflich zu entfalten. Nicht zuletzt das in einer Marktwirtschaft selbstverständliche Profit-Interesse von Unternehmen steht diesem Anspruch eines inklusiven Arbeitsmarktes bisher entgegen. Somit ist auch der Staat gefordert, die Eingliederungsleistungen so anzupassen, dass niemand durchs Rost fällt.

Schätzungen gehen davon aus, dass nur 30 % der blinden Menschen im berufsfähigen Alter einer regulären Arbeit nachgehen. Die Übrigen werden strukturell ausgegrenzt. Ihnen wird ein Menschenrecht verweigert. Diese Menschen fühlen sich diskriminiert. Häufig fehlt es ihnen nach zig, nach hunderten von Ablehnungen bei Bewerbungen und Bewerbungsgesprächen, nach nicht gewährten Fördermaßnahmen oder nach Entlassungen an Selbstbewusstsein, was ihre Berufschancen noch einmal verringert. Diese Menschen dürfen wir in der Inklusionsdebatte nicht vergessen.


Linktipps:
Das Inklusionsbarometer der Aktion Mensch zum Thema Arbeit von Menschen mit Behinderung (PDF-Datei)
Infos zum Thema Berufstätigkeit von Menschen mit Behinderung beim Familienratgeber
"Ich möchte anderen Menschen Mut machen, ihren Weg zu finden". Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über die blinde Erzieherin Silja Korn und ihren beruflichen Werdegang
Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche
Jobsuche als blinder Akademiker: Ein Erfahrungsbericht. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über seinen beschwerlichen Weg auf den ersten Arbeitsmarkt

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