Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

„Zweimal von der Erde zur Sonne und wieder zurück“

von Astrid Eichstedt

Wie werden Künstliche-Intelligenz-Forschung, Medizin und Neurowissenschaft das Leben auf unserem Planeten verändern? Was haben wir unzulängliche, gehandicapte, verletzliche Menschen den rasanten Rechenleistungen robuster Roboter entgegenzusetzen? Ist der biologische Mensch ein Auslaufmodell? Was ist das Besondere an menschlicher Intelligenz? Solchen Fragen widmet sich der 80-jährige Autor, Produzent und Filmemacher Alexander Kluge in seiner zwölfstündigen Filmdokumentation „Mensch 2.0“. Für das diesjährige Filmfestival der Aktion Mensch hat er daraus eine 90-minütige Leinwandfassung erstellt. Im Gespräch über seinen Film verbreitet der kritische Geist Optimismus.

Foto: Kirchgessner

Sein Umfeld hatte mich gewarnt. Herr Kluge sei überaus beschäftigt, für Interviews bleibe so gut wie keine Zeit. Einen Gesprächstermin zu vereinbaren, sei nicht möglich. „Am besten versuchen Sie, ihn einfach am Telefon zu überrumpeln.“ Überrumpeln kann man Alexander Kluge zwar nicht. Dazu ist er zu wach. Aber man kann sein Interesse wecken. Und dann ist er sofort da. Er hebt nach dem ersten Klingeln ab, ist auf der Stelle gesprächsbereit und wirkt kein bisschen gestresst. Das Thema seines Films ist ihm wichtig. Die Zusammenarbeit mit der Aktion Mensch auch: „Bei der geringen Aufmerksamkeit, die man für sachliche Themen im Kino hat, bin ich froh, wenn wir eine Öffentlichkeit bekommen. Durch die Zusammenarbeit der Aktion Mensch mit uns entsteht auf diesem Sektor ein zusätzliches Interesse“, sagt er.

„Mensch 2.0“, das ist einer von sechs ausgewählten Dokumentar- und Spielfilmen zum Thema Inklusion und Grenzüberschreitung, die auf dem diesjährigen Filmfestival der Aktion Mensch in 40 Städten gezeigt werden. Kluge und sein Co-Autor Basil Gelpke führen darin vor, was möglich erscheint und teilweise schon verwirklicht wird: die „Optimierung“ des Menschen durch Genmanipulation und Computertechnik, der Ausgleich von Handicaps dank fortschreitender Medizintechnologie, der Einsatz von Robotern in der Pflege, die Verlängerung von Lebenszeit. Aber auch die Verschmelzung von Mensch und Maschine sowie die Erschaffung künstlicher Wesen, die womöglich irgendwann mit dem Menschen in Konkurrenz treten werden. Wir sind an einem schicksalhaften Punkt der Entwicklungsgeschichte des Menschen angelangt. Erstmals können wir selbst entscheidend auf die Evolution einwirken. Wer könnte darüber besser Auskunft geben als Experten, die täglich mit dieser Einwirkung befasst sind?

In ausführlichen Gesprächen haben Kluge und Gelpke weltweit Stellungnahmen führender Informationstechnologen, Naturwissenschaftler und Philosophen eingeholt. Um die Vorstellungskraft der Zuschauer anzureichern, haben sie die Interviewszenen durch fiktionale Sequenzen, Musik und wohl dosierte Kommentare ergänzt. So erfahren wir, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir womöglich gehen. Einige Experten entwerfen Szenarien, in denen die Menschheit in absehbarer Zeit von Robotern verdrängt sein wird. Kluge selbst, das macht er ganz unmissverständlich klar, glaubt nicht an das „Auslaufmodell Mensch“. Er sagt stattdessen eine friedliche Koexistenz von Mensch und Maschine voraus. Das Wesen des Menschen, so Kluge, sei nicht bloß Körper und Geist, sondern auch Kooperation, also die wunderbare Fähigkeit, einander zu helfen sowie ausgesprochen flexibel auf Widrigkeiten zu reagieren und diese auszugleichen. Somit stellt auch die neue Technologie selbst einen Beweis menschlicher Flexibilität und Fähigkeit dar. Die Konkurrenz von Maschinenwesen brauchten wir somit nicht zu fürchten.


Hier ein Auszug aus dem Gespräch mit Alexander Kluge. Das vollständige Interview erscheint am 21. September 2012 in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „MENSCHEN. das magazin“.

Wir sehen in Ihrem Film unter anderem, wie menschliche Intelligenz, die in Medizin und Computertechnik einfließt, dazu dient, Menschen mit einer Behinderung künftig noch mehr zu unterstützen und fehlende Organe oder Sinne auszugleichen.
Das ist eine wirkliche Bereicherung. Der Mensch ist, seit er existiert, ein so genanntes Mängelwesen. Wenn er auf die Welt kommt, ist er ungeschützter als die meisten Raubtiere. Er hat eigentlich keine natürlichen Waffen, etwa Reißzähne oder Krallen. Und dieses Mängelwesen hat in seinem Inneren eine Art Prothesengott entwickelt. Das heißt, er hat Hilfsmittel entwickelt. Dazu zählen aber auch die Hilfe anderer Menschen und die Kooperation als Gemeinwesen. Dadurch hat sich der Mensch über das, was sein Körper kann, hinaus verstärkt. Es ist vor allem diese Eigenschaft, die wir Intelligenz nennen, und nicht das Abfragen von Wissen.

Ihr Film zeigt, dass Intelligenz nicht zuletzt in der Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Bedingungen besteht.
Diese Plastizität der menschlichen Intelligenz, die ungewöhnlich anpassungsfähig ist, positiv und negativ, stellt ja einen ganz eigenen Wert dar. So, dass es gar nicht um die objektive Beschaffenheit unserer Organe und Sinne geht, sondern darum, wie wir damit umgehen. Insofern sagt Hans Magnus Enzensberger in unserem Film: „Wir Menschen haben nicht fünf, sondern 24 Sinne.“ Es gibt ja zum Beispiel schreckliche Verletzungen. Diese werden auf eine oft wunderbare Weise beantwortet von den Menschen. Auch mit Hilfe der Medizin. Und diese Flexibilität, die Anpassungsfähigkeit des Menschen, die mag viel stärker noch Intelligenz repräsentieren als logisches Denken oder auch die Vollständigkeit und Sportlichkeit aller Glieder.

In früheren Jahrhunderten galten Menschen ohne Arme oder Beine nicht als vollwertige Menschen. Heute ist die Definition des Menschen weniger eng, bzw. engstirnig. Wird sich diese Definition in Zukunft noch mehr erweitern?
Ja, das glaube ich. Der Mensch ist immer das Lebewesen, das mit dem auskommen muss, was es hat. Es gibt ja hässliche Menschen. Und es gibt schöne. Es gibt große und kleine. Es gibt starke und schwache. Das heißt also, auch ohne dass einer verletzt wird, sind die Menschen höchst ungleich. Und gleichzeitig haben wir doch so etwas wie eine natürliche Tendenz, diese Ungleichheiten auszugleichen. Auch indem man anderen behilflich ist. Mit jeder Schwäche eines Menschen kann man umgehen. Zum Beispiel Homer, der war ein großer Dichter. Und er war blind. Ich kenne keine Bilder, die so poetisch gelungen sind und so stark, dass sie über die Jahrtausende hinweg noch bis James Joyce' Ulysses reichen. Dann ist es doch auf mächtige Weise ausgeglichen, dass Homer nicht sehen kann. Das zeigt, wie flexibel, plastisch und ausgleichsfähig Menschen sind.

Hans Moravec, ein angesehener Pionier der Robotik, behauptet in Ihrem Film, der biologische Mensch sei ein Auslaufmodell und in gar nicht so ferner Zukunft beherrschten Roboter unseren Planeten.
Das ist die eine Ansicht. Und die entgegengesetzte finden Sie in anderen Sequenzen unseres Filmes. Etwa wenn der renommierte Neurowissenschaftler Detlev Linke sowie auch einige Evolutionsbiologen die tiefen Wurzeln unserer Gehirne beschreiben. Wenn Sie die DNA eines Menschen aneinanderknüpfen zu einem langen Faden, dann ist das ein Weg, der zweimal von der Sonne zur Erde und wieder zurück reicht. Etwas, das so komplex ist und ein solch langes Netz bildet, noch dazu ein so altes – die menschliche DNA ist ja älter als 500 Millionen Jahre – das hat schon eine sehr große Stärke. In Kenntnis dessen, was die Evolution an Reichtümern besitzt, können wir sehr stolz sein auf diese eigenartige und von uns Menschen nicht immer voll in ihren Potenzialen verwendete Intelligenz, die uns angeboren ist.


Die zwölfstündige DVD-Fassung von „Mensch 2.0.“ von Alexander Kluge und Basil Gelpke, produziert von dctp.tv und NZZFormat, kostet 69,90 Euro und kann bestellt werden auf www.menschzweinull.com.

Vom 20. September 2012 bis Juni 2013 tourt das Filmfestival der Aktion Mensch unter dem Titel „überall dabei“ durch 40 deutsche Städte. Gezeigt werden sechs internationale Dokumentar- und Spielfilme, darunter auch Alexander Kluges 90-minütige Kinofassung von „Mensch 2.0.“. Er selbst wird zum Start des Filmfestivals am 21. September in Berlin anwesend sein. Alle Spielstätten sind rollstuhlgeeignet und uneingeschränkt zugänglich. Für die Filme gibt es neben Audiodeskriptionen und Untertiteln eine speziell bearbeitete Tonspur für schwerhörige Menschen. Publikumsdiskussionen mit Regisseuren, Schauspielern und Experten werden von Gebärdensprachdolmetschern und von Schriftdolmetschern begleitet.


Mehr Infos zu „überall dabei“ – dem inklusiven Filmfestival der Aktion Mensch:
Alle Spielorte, alle Termine, alle alles
Darum geht's: Das Thema der „überall dabei“-Tournee

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