Inklusion

Zurück in die Zukunft

Wenn man schon alles an seinem Rollstuhl hat, dann fehlt nur noch ein Gerät für Zeitreisen, um mit seinem 14-jährigen Ich zu reden. Blogger Raul Krauthausen hätte gerne mal die Chance, mit sich selbst vor 20 Jahren zu sprechen und sich ein paar Sätze mit auf den Weg zu geben.

Raul Krauthausens jüngeres Ich: Raus aus der Komfortzone!

Raul Krauthausen

An meinem Rollstuhl habe ich schon einige Gimmicks nachgerüstet: unter anderem einen USB-Adapter mit dem ich mein Handy aufladen kann und ganz neu eine Halterung für einen mobilen Klapptisch. Wenn ich gerade so aus dem Fenster über Berlin schaue und meine Kaffeetasse auf den praktischen Klapptisch stelle, dann hätte ich gerne noch ein weiteres Gadget an meinem Rollstuhl. Wie gerne würde ich einen Fluxkompensator einbauen, damit ich zurück in die Vergangenheit wie Marty McFly reisen kann, um meinem 14-jährigen Ich ein paar Tipps mit auf den Weg zu geben. Denn im Laufe meines Lebens habe ich viele Dinge zu meiner Behinderung erkannt, die ich gerne schon vor 20 Jahren gewusst hätte.

Hier mein Notizzettel, was ich dem jungen Raul sagen würde, wenn das mit dem Fluxkompensator klappt:

Lasse dir von niemandem sagen, was du nicht kannst! Erforsche, was dir Freude bereitet

Lieber 14-jähriger Raul, in deinem weiteren Leben wirst du öfters als deine nicht behinderten Freunde damit konfrontiert werden, was du alles (angeblich) nicht kannst, beispielsweise ein Fußballstar oder Dachdecker werden. Das ist auf der einen Seite manchmal realistisch, aber auf der anderen Seite wirst du auch viele Sachen kennenlernen, die dir Spaß machen, und davon sollte dich niemand abhalten. Nicht deine Eltern. Nicht deine Lehrer. Nicht deine Bekannten. Glaub an deinen Traum. Wenn du gerne beim Radio arbeiten willst, dann bewirb dich auf Stellen und nimm in deinem Zimmer eigene Podcasts auf. Denn aus Freude entspringt Motivation, es häufiger zu tun. Und wenn du es häufiger praktizierst, an deinem Hobby arbeitest, dir Feedback einholst, dann wirst du Erfolge sehen. Behinderung hin oder her.

Verlasse deine Komfortzone

Menschen werden dich oft hilfsbedürftig anschauen und allein wegen deiner Körperstatur, deiner Stimme und dem furchteinflößenden Wort „Glasknochenkrankheit“ in deiner Behinderungsart schon kleine „Erfolge“ bei dir feiern. Was gut gemeint ist, wird dich aber nicht viel weiter bringen, sondern eher in deiner Komfortzone verharren lassen. Es ist einfach, den niedrigen Ansprüchen, die von dir erwartet werden, gerecht zu werden, aber wirst du damit auch dir selbst gerecht? Wenn du dich langweilst, fordere mehr und scheitere auch mal, bekomme Kritik und verbessere dich dadurch. Verlass deine Komfortzone, reise, so oft und so weit du kannst, und probiere neue Sachen aus!

Es ist okay, nach Unterstützung zu fragen

Wenn du merkst, dass du manche Dinge nicht alleine schaffst, dann kannst du auch jemanden um Rat und Unterstützung fragen. Du musst nicht immer der Held sein, der alles alleine schafft, um dich zu beweisen. Das macht jeder Mensch, und du musst da keine Ausnahme sein.

Tausche dich mit anderen Menschen aus, die auch (d)eine Behinderung haben.

Du wirst hoffentlich auch Freunde haben, die keine Behinderung haben. Das ist für deine eigene Entwicklung sehr wichtig. Denn so lernst du andere Perspektiven kennen – und sie deine. Natürlich gibt es auch Sachen, die du lieber mit Freunden besprechen willst, die auch eine Behinderung haben. Denn nicht behinderte Freunde können sich in bestimmte Themen wie z. B. wie es ist, sich als behinderter Mensch in einen nicht behinderten Menschen zu verlieben, nicht so gut reinversetzen. Wichtig ist einfach die Mischung aus behinderten und nicht behinderten Freunden, um deinen Horizont zu erweitern.

Zieh so schnell es geht von zu Hause aus!

Der Rat ist auf keinen Fall eine Kritik an deinen Eltern, sondern nur ein wichtiger Tipp für deine Selbstständigkeit. Wie bei allen Jugendlichen ist es einfach ein Luxus, im „Hotel Mama und Papa“ zu leben, aber auch hier entwickelt sich schnell eine Komfortzone, die deine Entwicklung und das Leben deiner Eltern stark beeinflussen kann. Mit einem Persönlichen Budget und Assistenz ist es möglich, dass du auch mit Behinderung in eine eigene WG ziehen oder auch alleine wohnen kannst. Rückblickend ist das eine der wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben gewesen, dass ich früh von zu Hause ausgezogen bin. Oh sorry, junger Raul, dass ich dir das jetzt verraten habe, aber du wirst es lieben!

Bleib du selbst

Ja, der Satz klingt jetzt ein bisschen so, als ob ich ihn auf einem Teebeutel gelesen habe, aber wenn du 14-jähriges Ich mal in meinem Alter bist, dann wirst du mir vielleicht zustimmen. Denn deine Behinderung wird dich dein ganzes Leben lang begleiten, also steh zu ihr. Sie gehört zu dir wie deine Haarfarbe. Und das ist gut so! Es bringt nichts, sich zu verstellen, so zu tun, als ob du alles alleine kannst und deine Behinderung nie eine Rolle spielt. Denn das zehrt an deinen Kräften. Deine Behinderung ist nicht an allem schuld, was du (nicht) erleben wirst. Meistens ist es die Gesellschaft, die einen behindert. Vergiss nie: Du hast es selbst in der Hand, ob du ein guter Typ oder ein Idiot wirst. Eine Behinderung kann auch Chancen bieten, die dich alternative Wege entdecken lässt, z. B. einen Job zu finden, in dem deine eigene Perspektive als Rollstuhlfahrer als bereichernd empfunden wird.

In unserer Gesellschaft musst du leider immer noch mehr leisten und arbeiten, als es vielleicht deine nicht behinderten Freunde müssen, weil wir einfach noch keine inklusive Gesellschaft haben. Deswegen ist es so wichtig, dass du dich immer wieder selbst kontrollierst, ob du noch der bist, der du sein willst. Sei charmant-respektlos den Menschen gegenüber, die nicht an dich glauben.

Lehne niemals Süßigkeiten ab!

Wenn dir Schokolade angeboten wird, nimm sie an! Denn sie ist lecker. Ach ja, Raider heißt nun Twix, aber sonst ändert sich nix.

So, jetzt muss ich aber schnell los. Um Punkt Mitternacht schlägt der Blitz in der Kirche ein, und ich brauche den Strom, um zurück in die Zukunft zu kommen! Ciao, junger Raul!

Eines noch: Die bunte Leggings sieht witzig aus, das wird 2014 wieder in Mode sein.

Zurück in der Gegenwart: Welche Tipps hättet ihr für euer jüngeres Ich, wenn ihr eine Zeitreise machen könntet?

 

Linktipps:

Die iNklusion ist da. Überlegungen von Raúl Krauthausen, Menschenrechte endlich mal genauso zu präsentieren wie das neueste technische Produkt

Gib dem anderen eine Chance! Plädoyer von Margit Glasow für einen offenen Umgang zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.

Überall nur blaue Autos. Raúl Krauthausen über Menschen, die noch nie von Inklusion gehört haben – und die Konsequenzen für die, die sich ständig damit beschäftigen


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Franziska Appel

Was ich meinem früheren mit auf dem Weg geben würde? Ziemlich genau das, was ich heute für meinen kleinen Sohn in einem Text verfasst habe:
Wir beginnen als unbeschriebene Blätter,
doch es kommen stetig neue Farben und Formen dazu.
Welche Wege du findest, dein Kunstwerk zu gestalten, ist dir überlassen.
Andere können ihre Meinung sagen, aber du entscheidest, was passt.
Es ist dein Bild, das du erschaffst.
Achte darauf, dass niemand dieses Bild zerstört.
Und achte die anderen Kunstwerke um dich herum.
Betrachte sie wohlwollend und lass dich inspirieren,
aber versuche nicht, sie zu verändern oder zu beschädigen
- oder sie nachzuzeichnen.
Die Galerie unserer Zeit wird nur dadurch interessant, wenn es in jedem Bild etwas Neues zu entdecken gibt.
Anderes, als Kopien von etwas, wovon gesagt wird, es sei gut oder optimal,
denn ein Kunstwerk wird es nur, wenn es authentisch ist.
Dann wird es Menschen geben, die es wegen der individuellen Gestaltung, Farb- und Formgebung lieben.
Das Leben ist ein Kunstwerk – Dein Kunstwerk!

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