Inklusion, Aktion Mensch-Blog

„Zur Not schreibe ich eine WhatsApp“

Offenheit, Handy und ein paar Gebärden: Das reicht den gehörlosen und hörenden Jugendlichen in einem Frankfurter Ausbildungsprojekt schon, um im Küchen-Alltag miteinander klar zu kommen. Trotzdem bleibt das Ziel, dass sich alle in Gebärdensprache verständigen!

Azubis im Gehörlosenzentrum: Eine große Chance Foto: Evangelischer Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main

Die Gebärde für „Schnitzel“ hatte Batu Baykan nach wenigen Tagen drauf. Sie ist leicht zu merken: In die Hände klatschen und diese gleichzeitig hin und her bewegen – als würde man ein Stück Fleisch rundum panieren. Auch das Gebärdensprachalphabet hat er schnell gelernt, „viel schneller als ich gedacht hätte“. Seit April geht der 17-Jährige in der Gastronomie des Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrums in die Lehre, als einer von zwei hörenden Azubis, gemeinsam mit zwei gehörlosen Azubis. Von den sechs Jugendlichen, die hier eine berufliche Qualifizierung machen, ist ebenfalls die Hälfte gehörlos. Und während die Küchenmeisterin hörend ist, trägt ihr wichtigster Helfer ein Cochlea-Implantate. Wer die Gebärdensprache noch nicht beherrscht, muss sie lernen – so steht es in den Arbeitsverträgen. Und deshalb kommt zwei Mal pro Woche eine Gebärdensprachlehrerin.

Für Batu Baykan war die Ausbildungsstelle ein Sprung ins kalte Wasser – aber auch eine große Chance, nachdem er trotz guten Hauptschulabschlusses lange vergeblich nach einer Lehrstelle als Koch gesucht hatte. Anfangs war er unsicher, „aber es haben mich alle nett aufgenommen“, sagt er. Wenn das kein Zeitenwandel ist: Ein junger Mann ohne Behinderung ist froh und dankbar, dass die Kolleginnen und Kollegen ihn nicht ausschließen ...

Kooperation mit Hotels und Restaurants

Eine dieser netten Kolleginnen ist Lena Schmul, 32 Jahre alt und seit Jahresbeginn im Team. Damals startete der Evangelische Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V. das Gastro-Projekt. Lena Schmul ist vor einigen Jahren aus Russland gekommen, berufliche Erfahrungen hat sie in einer Zahnarztpraxis, als Näherin, Bäckerin und Kellnerin gesammelt – aber eine Lehrstelle ist nie daraus geworden. Jetzt absolviert sie hier eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe, mit dem Ziel, später im Service zu arbeiten. Damit für die (gehörlosen) Azubis die berufliche Laufbahn nicht nach der Ausbildung gleich wieder endet, sucht das Projekt die Kooperation mit Hotels und Restaurants. So bereiten sich im Hotel Spenerhaus in der Nähe des Frankfurter Doms derzeit einige Mitarbeiter in Gebärdensprachkursen auf die möglichen künftigen Kollegen vor ...

Im Gehörlosenzentrum, wo wegen der vielen Vereine im Haus die gehörlosen Gäste in der Mehrzahl sind, arbeiten hörende und gehörlose Azubis immer als Tandem, sowohl in der Küche als auch beim Service. Zur Mittagszeit bewirtet das Team täglich bis zu 40 Gäste, außerdem sorgen die Mitarbeiter bei Vereinstreffen ebenso wie bei Weihnachtsfeiern und Faschingspartys für Speisen und Getränke, und sie machen das Catering für Veranstaltungen außer Haus.

Ruhe statt Hektik, Kommunikation statt Kommandos

Die Hektik und den Lärm, der in Gastro-Küchen oft üblich ist, gibt es hier trotzdem nicht. „Weil wir keinen Kommando-Ton wollen“, stellt Teamleiterin Stefanie Horn klar. Zudem ergibt sich der etwas ruhigere und gemächliche Betrieb aus der Zusammenarbeit von Hörenden und Nicht-Hörenden: „Einfach mal eine Anweisung in den Raum rufen, geht eben nicht“, sagt Horn: „Man muss zu den Kollegen hingehen und sich Zeit nehmen, wenn man etwas erklären oder fragen möchte.“

Und wenn dann die Gebärden fehlen oder Marcel Tuchtenhagen nicht da ist – der Mann mit dem Cochlea-Implantat, der in beide Richtungen dolmetschen kann und schon mehrere Jahre Küchen-Erfahrung hat –, dann werden eben die Handys gezückt. „Zur Not tippe ich das Wort in mein Handy oder schreibe eine WhatsApp an Lena“, sagt Batu Bayhan und lacht.

In der Qualifizierung sind noch drei Plätze für gehörlose Jugendliche frei. Außerdem sucht das Team dringend noch eine Köchin oder einen Koch, der die Gebärdensprache beherrscht.


Linktipps:
Mehr Infos über das Ausbildungsprojekt in der Gastronomie des Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrums
Das Handlungsfeld „Am Arbeitsplatz“ der Aktion Mensch
Jemand, der sich kümmert ... Ein Blogbeitrag von Eva Keller über eine Fachtagung zur Inklusion in Ausbildung und Arbeit
Potenziale nutzen – mit Aktionsplänen. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Rainer Wallbruch über Aktionspläne von Unternehmen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

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