Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Zum Tanzen in den Keller gehen

Ist Inklusion nicht dann erfolgreich, wenn man sie nicht mehr benennt? Und führen manche gut gemeinte Inklusions-Aktionen nicht sogar zur Exklusivität? Raúl Krauthausen hat in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht.

Tanz mit Andreas Bourani Foto: Aktion Mensch / Sven Stampe

Nach der Veröffentlichung meines letzten Artikels wurde ich öfter gefragt, was mir denn an dem Inklusionstanz nicht gefällt? In dem Artikel hatte ich es am Ende schon angedeutet, aber die Antwort war sehr verkürzt, und ich habe deswegen ein bisschen länger darüber nachgedacht. Seitdem das Wort "Inklusion" die Welt erblickte und zu einem politischen Baby geworden ist, werden besonders oft Menschen mit Behinderungen gefragt, was für sie denn Inklusion bedeutet. Ich antworte dann gerne, dass auch zu mir Busfahrer unfreundlich sein sollen oder ich auch mal in einer Schlange stehen will. Denn nur weil ich im Rollstuhl sitze, möchte ich nichts Besonderes sein. Weder im Alltag noch in der Politik. Daher sind Busfahrer manchmal "inklusiver" als einige gut gemeinte Veranstaltungen.

Ein bisschen Unverständnis

Deswegen ist auch der Inklusionstanz für mich ein bisschen unverständlich. Denn der Inklusionstanz ist ein Tanz, den es nicht geben dürfte. Denn es geht hier um Alltag und nicht um eine Tanzveranstaltung. Ich habe dann Bedenken, dass daraus eine Exklusivität entsteht: eine "Randgruppe" (schlimmes Wort) tanzt dafür, um damit ihren Willen zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe zu demonstrieren. Der Tanz und das Video sind toll gemacht, der Song von Andreas Bourani passt dazu, aber genau diese exklusive Rolle möchte ich nicht einnehmen. Ich frage mich dann immer, ob es auch einen Bartträgertanz oder einen Arbeitslosentanz gibt?
Der Tanz ist nur ein Beispiel, und natürlich kann man auch argumentieren, dass in dem Tanz auch Nicht-Behinderte vorkommen und per Definition auch Inklusion für alle da ist. Aber je mehr man nur diesen Begriff betanzt und dabei Behinderte auftreten, umso mehr werden sie mit dem Begriff definiert werden, als Nicht-Behinderte.

Homer Simpson sagte mal in einer Folge: "Was soll mir schon passieren? Ich bin gelb, männlich und im besten Alter. Ich regiere die Welt!", und leider hat er damit Recht (bis auf die gelbe Hautfarbe). Verschiedene Gruppen (wie zum Beispiel Männer) werden nie einen Tanz brauchen, um ihren Anspruch in der Gesellschaft geltend zu machen. Die Gruppen, die um Anerkennung in der Gesellschaft kämpfen müssen, können durch Veranstaltungen, Tänze, Demonstrationen noch mehr auf ihr Defizit beschränkt werden oder ihr auch ein Alibi geben á la: "Ja schaut mal, es gibt doch Veranstaltungen für euch."

Gratwanderung zwischen "gut" und "gut gemeint"

Doch was will ich eigentlich? Es ist immer einfach zu schreiben, was einen an anderen Projekten stört, und mir ist es auch ganz wichtig festzuhalten, dass es gut ist, wenn es überhaupt Projekte gibt und Personen oder Gruppen etwas machen, weil nur Aktionen uns weiterbringen, die nicht schon in der Planung sterben. Wir bei den Sozialhelden probieren deswegen auch vieles aus und arbeiten dann mit dem konstruktiven Feedback weiter. Uns fällt dabei auch auf, wie schwer die Gratwanderung zwischen einem "guten" inklusiven Projekt und einer "gut gemeinten" eher exklusiven Idee ist. Gerade war ich mit meinen Kollegen Lili und Andi an der d.school in Potsdam, bei der zwei Studentengruppen Projekte entwickeln sollten, die Behinderungen kommunizieren, die im Alltag oder in den Medien vorkommen könnten. Die Ergebnisse sollten aber nicht als Projekte für Behinderte erkennbar sein.

Viele Ideen

Eine Idee war die Veranstaltung eines komplett barrierefreien Festivals, was ja eigentlich schon so der Anspruch an ein Festival wäre, aber wir wissen ja, wie weit Anspruch und Realität auseinander liegen können. Wir kamen jedoch auch schnell zu den Fragen: Ist das dann nicht exklusiv, oder kann es zu sehr die Diskussion nur auf Menschen mit Behinderung konzentrieren, anstatt die Kunst und Kultur zu zeigen? Nach vielen Diskussionen wollten die Studenten dann eher den Weg verfolgen, wie man bestehende Festivals barrierefreier machen kann, also wie man den Eventmanager dazu bringt, überhaupt über die Frage nachzudenken, und wie man es mit anderen künstlerischen Darbietungen, wie einem Deaf Slam, bereichern kann. Als ein kleines Puzzleteil in dem großen Festival. Das Wort Inklusion würde nirgends fallen, aber vielleicht wäre das der Erfolg?

Nun gut, genug gegrübelt. Ich gehe jetzt weiter tanzen. ;-)


Linktipps:
Die Aktion Mensch-Städtetour mit dem inklusiven Tanzvideo zum Song "Wunder" von Andreas Bourani
Manchmal bin ich genervt. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über Dinge, die ihn nerven
Sätze, die man als Rollstuhlfahrer ständig hört. Raúl Krauthausen vergibt den Floskar für die skurrilsten Sprüche

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