Aktion Mensch-Blog

Wo soll die Reise hingehen? Oder besser gesagt, wo kann die Reise hingehen?

von Maria Schwarze

Der Sommer ist da, und die Urlaubszeit beginnt. Abschalten, entspannen, vom Alltag erholen und einfach mal eine neue Umgebung kennenlernen. Menschen mit Behinderung stehen jedoch für einen entspannten Urlaub oft Barrieren im Weg. Angefangen bei den Reiseinformationen, über die An- und Abreise, die Unterkünfte bis hin zur Finanzierung und Betreuung vor Ort. Was ist eigentlich wichtig, um barrierefrei zu reisen?

Barrierefreie Angebote für Rollstuhlfahrer sind noch keine Selbstverständlichkeit, aber man findet sie mittlerweile im Internet immer häufiger. Barrierefreiheit bedeutet aber nicht nur, dass es eine Rampe gibt oder Türen breiter sind als sonst. Oft wird vergessen, dass es viele verschiedene Behinderungen und damit auch verschiedene Bedürfnisse gibt. Auf die Bedürfnisse von Menschen, die sehbehindert, blind, gehörlos sind, oder auf die Belange von Menschen mit einer geistigen oder seelischen Behinderung wird noch wenig Rücksicht genommen. Die blinde Silja Korn, der gehörlose Ralph Raule und Petra Groß, die eine Lernbehinderung hat, haben von ihren Erfahrungen berichtet.

Kleine Dinge helfen weiter

Die Berlinerin Silja Korn ist blind. Für sie ist es kein Grund, auf einen Urlaub im Ausland zu verzichten. Oft fliegt sie nach Spanien in das Haus ihrer Eltern. Barrierefrei ist das nicht eingerichtet, aber im Laufe der Jahre hat sie es in und auswendig gelernt. Sie kennt nun alle Hindernisse und weiß mit ihnen umzugehen. Die 47-Jährige hatte aber auch schon andere Reiseziele. Wenn sie in ein großes Hotel geht, achtet sie darauf, dass es als barrierefrei ausgeschrieben ist. Bei kleineren, familiengeführten Hotels kann sie sich mit Hilfe von Angestellten meist schnell zurechtfinden. "Ich bin auf meinen Reisen weniger eingeschränkt als Menschen mit anderen Behinderungen. Trotzdem gibt es für mich auch ein paar Dinge, die mir den Urlaubsalltag erleichtern würden", berichtet die Berlinerin. Im Fahrstuhl fehlen häufig die Kennzeichnungen in Brailleschrift, und die Hotelzimmer sind nicht barrierefrei zu finden. In Norwegen benötigte Silja Korn einen Türcode, um in das Hotelzimmer zu gelangen. Sie konnte die Ziffern nicht ertasten, und es war für sie unmöglich hereinzukommen. Handläufe sind in Hotels auch selten vorhanden, dabei würden sie nicht nur blinden, sondern auch älteren Menschen helfen. Es sind kleine Dinge, die ohne großen Aufwand verändert werden müssten, und trotzdem sind sie noch selten, findet Silja Korn.

Alles nach Bedarf

Petra Groß fährt seit einigen Jahren in ein Sommercamp für Menschen mit und ohne Behinderung. Hier spielt ihre Lernbehinderung keine Rolle. Alle Wünsche kann sie vor Reisebeginn äußern, so dass das Zimmer für ihre Bedürfnisse optimal eingerichtet ist. Auch die Betreuer richten sich nach dem Bedarf der Reisenden. Verschiede Gruppenaktivitäten, wie zum Beispiel Gesprächsrunden und Ausflüge, werden hier vom Veranstalter organisiert und betreut. Dieses Jahr geht es nach Österreich. Die An- und Abreise organisiert sie selber. Mit der Bahn gibt es ab und zu Schwierigkeiten, da sie einen Gehwagen braucht. Oft fehlt eine Einstiegshilfe oder ein Angestellter der Bahn, der sie unterstützt. Die 47-Jährige war aber auch schon alleine in Schottland und England unterwegs. Reiseführer in Leichter Sprache gab es nicht. Petra Groß hatte deshalb Schwierigkeiten, an Informationen zu kommen, da sie auch kein Englisch spricht. Sie hat sich für den Aufenthalt ein Bildsprachführer besorgt, mit allen Inhalten, die für die Reise wichtig waren. Im Restaurant hat sie einfach auf das entsprechende Bild gezeigt und das gewünschte Menü erhalten. Die Idee ist pfiffig, und die Urlauberin umging so kommunikative Barrieren. Fest steht aber, dass Informationen in Leichter Sprache den Urlaub vereinfacht hätten.

Blitzklingel fehlt

Ralph Raule, der Hamburger Unternehmer, ist gehörlos. Er reist gern und liebt es, neue Länder zu erkunden. Er berichtet von einigen Barrieren auf seinen Reisen. Trotzdem sind seine bisherigen Urlaube sehr vielfältig. Früher war er auf eigene Faust mit dem Rucksack unterwegs oder hat Pauschalreisen gebucht. Heute ist er mit seinen drei kleinen Kindern eher mit dem Wohnmobil auf Tour. Für den diesjährigen Sommerurlaub ist aber etwas ganz anders geplant, es geht mit dem Kreuzfahrtschiff nach Norwegen. Der Hamburger trifft auf seinen Reisen immer wieder auf dieselben Hindernisse. Kurzfristige Planänderungen werden meist über Lautsprecher angesagt und sind für ihn damit nicht wahrzunehmen. Diese Situationen sind nicht einfach zu meistern. Da die meisten Menschen keine Gebärdensprache können, ist die Kommunikation dann sehr schwierig. Auch in Notfallsituationen wird an Gehörlose oft nicht gedacht. Visuelle Warnsignale oder Notrufsysteme wie eine Blitzklingel sind selten vorhanden, obwohl sie überlebenswichtig sind und deshalb selbstverständlich sein sollten. Er fordert, dass die Veranstalter die Bedürfnisse von Gehörlosen berücksichtigen. Ein erster Schritt wären Informationen auf Schrifttafeln oder Monitore mit Laufschriften.

Erste Schritte

Im Herbst 2013 soll das Kennzeichnungssystem "Tourismus für Alle" eingeführt werden. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) und der Hotelverband Deutschland (IHA) sowie verschiedene Behindertenverbände haben dieses erste bundesweite Abkommen zur Barrierefreiheit unterzeichnet. Die Kennzeichnung gibt an, wie und für welche Gruppen von Menschen die Lokalität barrierefrei ist. Für viele Urlauber ist es dann leichter zu entscheiden, in welchem Hotel sie absteigen oder an welchem Ausflug sie teilnehmen möchten. Meiner Meinung nach sollte eine Kennzeichnung aber gar nicht nötig sein. Jeder Mensch, ob mit oder ohne Behinderung, soll in jedes Land reisen, in jedes Hotel einchecken und an jedem Ausflug teilnehmen können. Ein Urlaub muss überall möglich sein, ohne vorher zu überprüfen, ob alles barrierefrei ist.


Mehr zum Thema:
Familienratgeber zum Thema Urlaub und Begegnung
Die Nationale Koordinationsstelle Tourismus für Alle (NatKo)
Mehr Infos rund um das Thema "Barrierefrei Reisen" beim Handlungsfeld "In der Freizeit" der Aktion Mensch
Mehr Kultur! Neue Wege zum barrierefreien Tourismus. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen durch Trier, Erfurt und die Documenta
Selbstbestimmt reisen auch im Alter? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über das Projekt ACCESS, das Senioren über barrierefreien Tourismus informieren will
"Wir lassen auch Geld da!" Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor über einen Selbstversuch in Barrierefreiheit auf dem Werratal-Radwanderweg im Thüringer Wald

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