Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Wird der Umgang mit Barrierefreiheit attraktiver?

Auf der Internationalen Tourismusbörse fand in diesem Jahr zum dritten Mal der Tag des barrierefreien Tourismus statt. Ein Zeichen dafür, dass Reisen von Menschen mit Behinderung zunehmend als wirtschaftlicher Faktor wahrgenommen werden?

„Reisen für Alle“ auf der ITB: Gesamte touristische Servicekette Foto: Margit Glasow / thalmannverlag!

Die Internationale Tourismusbörse, kurz ITB, ist als Leitmesse der weltweiten Reisebranche die führende Business-Plattform für das globale touristische Angebot. So heißt es auf der Internetseite der ITB. Im März fand dort bereits zum dritten Mal der Tag des barrierefreien Tourismus statt – in diesem Jahr unter der Federführung der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) in enger Zusammenarbeit mit der Nationalen Koordinationsstelle Tourismus für Alle e.V. (NatKo).

Dass das Thema etwas höher als bisher angesiedelt war – immerhin wirbt die DZT seit über 60 Jahren im Auftrag der Bundesregierung für das Reiseland Deutschland im Ausland – ist wohl nicht zuletzt dem demografischen Wandel geschuldet. Denn jeder weiß, dass wir daran nicht vorbeikommen werden. Bereits 2006 waren laut Statistischem Bundesamt mehr als 15 Mio. Menschen in Deutschland älter als 65 Jahre, und 2020 werden es etwa 18,6 Mio. sein.

Enger Zusammenhang von Alter und Behinderung

Jeder weiß auch, dass es einen engen Zusammenhang von Alter und Behinderung gibt. So verwundert es nicht, dass jeder Dritte aus der Gruppe der 65+ mobilitäts- und aktivitätseingeschränkt ist (4,7 Mio. im Jahr 2006). Auch diese Gruppe wird steigen – 2020 auf geschätzte 5,5 Mio. Menschen. Hinzu kommen alle Menschen, die unabhängig vom Alter behindert oder chronisch krank sind sowie deren Angehörige und Freunde. Ein nicht zu unterschätzendes Reisepotenzial also, das oft ein anderes Reiseverhalten an den Tag legt. Das zeigt sich darin, dass häufig mehr Inlandreisen und weniger Flugreisen unternommen werden; dass es sich häufig um Alleinreisende handelt, die mehr in der Nebensaison unterwegs und oft bereit und in der Lage sind, hohe Reiseausgaben zu zahlen.
Dennoch: Ich habe den Eindruck, das Thema Barrierefreiheit ist noch nicht dort angekommen, wo es hingehört: in den Köpfen der Menschen. Es wird viel geredet und verhältnismäßig wenig umgesetzt. Konkrete Veränderungen gehen meist von Einzelinitiativen aus. So hielt sich meine Neugier in Grenzen. Hinzu kam, dass man auf der Internetseite der ITB unter dem Suchbegriff „Barrierefreiheit“ kaum aktuelle Einträge finden konnte – weder zu Ausstellern, die barrierefreie Angebote bereit hielten, noch zur barrierefreien Anreise zur Messe. Doch ich wollte mich vor Ort über den Stand der Dinge informieren und machte mich auf den Weg.

Messe Berlin veraltet bei der Barrierefreiheit

Es war erwartungsgemäß mal wieder nicht so einfach, zum Ort des Geschehens zu gelangen, wusste ich doch aus vergangenen Jahren, dass die Messe Berlin alles andere als barrierefrei ist. Und musste feststellen, dass sich daran auch nicht viel geändert hatte. Für mich als Gehbehinderte eine Herausforderung, auf diesem Riesengelände durch endlose Hallen, schlechte Ausschilderung, kaum eine Möglichkeit, sich zwischendurch mal hinzusetzen, vom Messeeingang bis zum Tagungsort in Halle 7 zu gelangen. Es gibt auf der Internetseite zwar einen Orientierungsplan für Rollstuhlbenutzer. Dort findet man zum Beispiel zahlreiche Hinweise auf „Behindertengerechte Aufzüge“. Allerdings erstreckt sich die Messe über drei Ebenen. Doch die Aufzüge fahren oft NUR nach unten oder NUR nach oben. Eine detaillierte Aufstellung darüber, was wie funktioniert, findet man nicht. Menschen mit Sinnesbehinderungen dürften da noch weniger brauchbare Hinweise finden. Hier fehlt ein logisches Leitsystem mit eindeutigen Symbolen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Die Messe Berlin ist veraltet. Sollte ein international anerkanntes Messezentrum nicht ein wenig mehr bieten? Ich stellte mir aber auch mal wieder die Frage – und diese Randbemerkung sei mir gestattet –, ob das nicht vielleicht auch daran liegt, dass im barrierefreien Tourismus hauptsächlich Menschen beschäftigt sind, die keine Behinderung haben. Dies möchte ich ihnen nun nicht zum Vorwurf machen. Es sollte aber für Menschen mit Behinderung Anlass sein, sich auch hier stärker einzumischen. Dann klappt's vielleicht auch besser mit der Barrierefreiheit.

Noch immer fehlen barrierefreie Angebote für Menschen mit Behinderung

Schließlich hatte ich es geschafft, den „Saal New York“ zu erreichen, und konnte erst mal für eine Weile sitzen und den Diskussionsbeiträgen folgen. Endlich, ganz zum Schluss, folgte die lang erwartete Präsentation über die Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Kennzeichnungssystems „Reisen für Alle“, ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) gefördertes Projekt. Denn, so betonte Dr. Rüdiger Leidner, Vorstandsvorsitzender der NatKo: „Noch immer können Menschen mit Behinderungen bzw. mit körperlichen Beeinträchtigungen aufgrund fehlender barrierefreier Angebote oder Informationsmangel nur teilweise bis gar nicht an freizeit- bzw. tourismusspezifischen Aktivitäten teilnehmen.“ Die Initiative „Reisen für Alle“ hat sich nun zum Ziel gesetzt, die gesamte touristische Servicekette in Deutschland im Hinblick auf ihre Eignung für Menschen mit Behinderungen zu erfassen. Das beginnt bei den Sehenswürdigkeiten, schließt aber auch den öffentlichen Nahverkehr und die Hotels mit ein. Erfüllt ein Betrieb die Anforderungen, so bekommt er das Barrierefrei-Siegel zusammen mit den Piktogrammen für die entsprechenden Gästegruppen, die diesen Betrieb eigenständig besuchen können. Piktogramme gibt es zum Beispiel für Gehörlose, Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Seh- oder Gehbehinderte.

Einheitliches System macht Sinn – aber viele Fragen bleiben offen

Diese erneute Initiative zur Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Kennzeichnungssystems ist ein innerhalb der Touristiker, die sich mit Barrierefreiheit seit vielen Jahren beschäftigen, sehr kontrovers diskutiertes Thema. Klar für mich ist, dass ein einheitliches System Sinn macht. Aber wird diese Aktion tatsächlich den gewollten Effekt haben? Oder wird es wieder eine Initiative von vielen sein, die viel Geld kostet und letztendlich wenig bewegt? Wird das ganze Vermessen letztendlich Anstoß sein, Barrieren zu beseitigen? Werden die Mitarbeiter vor Ort tatsächlich geschult und sensibilisiert werden? Und wer bezahlt – insbesondere, nachdem auch dieses zeitlich begrenzte Projekt ausgelaufen ist?

Ich frage mich: Woran liegt es, dass in Deutschland, immer wenn es in irgendeiner Form um Menschen mit Behinderung geht, alles so schleppend verläuft? Warum ist das Thema „schulische Inklusion“ so angstbesetzt? Warum ist gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung immer noch nicht selbstverständlich? Müssen wir vielleicht erst einmal über die Treppenstufen in unseren Köpfen reden, bevor wir über fehlende Aufzüge in öffentlichen Gebäuden diskutieren? Müssen wir vielleicht darüber streiten, wofür wir als Gesellschaft bereit sind, Geld auszugeben? Oder ist das vielleicht gar nicht gewollt?


Linktipps:
„Einfach hin und weg“: Mehr zum Thema „Barrierefrei Reisen“ bei der Aktion Mensch
Der Familienratgeber mit Infos über Urlaubsreisen für Menschen mit Behinderung
Das Handlungsfeld Barrierefreiheit der Aktion Mensch
Mehr Kultur! Neue Wege zum barrierefreien Tourismus. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen durch Trier, Erfurt und die Documenta
Selbstbestimmt reisen auch im Alter? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über das Projekt ACCESS, das Senioren über barrierefreien Tourismus informieren will
Reisen mit allen Sinnen. Ein Interview im Blog von Ulrich Steilen mit Laura Kutter, die gemeinsame Touren für blinde, sehbehinderte und sehende Reisegäste veranstaltet

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