Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Wir zeigen es RTL II & Co!

Jugendliche mit und ohne Behinderung setzen sich mit der Art der Darstellung von Behinderung in den Medien auseinander und drehen einen satirischen Filmbeitrag, in dem sie mit allen Vorurteilen und Klischees spielen.

Filmbeitrag "Breaking News TV": Vorurteile und Klischees Fotos: Margit Glasow / thalmannverlag.de

Auslöser für ihre Idee, eine Parodie auf die Darstellung von Behinderung in den Medien zu drehen, sind Filme wie "Der Kleinste Glasknochenmann" in der Reihe "Außergewöhnliche Menschen" auf RTL II und Co. Sascha, Nina, Ellen, Annika, Simon und ein paar andere Jugendliche, von denen einige mit Glasknochen leben, sind ziemlich genervt von solchen Phrasen wie "an den Rollstuhl gefesselt sein", "das Leben meistern" oder "unter der Behinderung leiden". Sie wollen sich von den privaten (und vielleicht auch öffentlichen?) Fernsehsendern nicht auf ihre Behinderung reduzieren lassen, sondern zeigen, dass sie – wie andere in ihrem Alter auch – ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und Spaß daran haben.

Auf der im Frühsommer stattgefundenen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteogenesis imperfecta (Glasknochen) Betroffene, deren Mitglieder sie sind, haben sie sich deshalb dafür entschieden, an einem Medien-Workshop mit dem Filmemacher Volker Westermann teilzunehmen. Hier wollen sie einen Film drehen, in dem sie alle bestehenden Vorurteile und Klischees bedienen und für den Zuschauer diese stark vereinfachten, reduzierten Wahrnehmungsmuster aufbrechen. Stark überzogen wird dargestellt, dass Jeremy-Pascal Pfeiffer, gespielt von Sascha Heidrich, an der Glasknochenkrankheit leidet, im Alltag ständig Hilfe braucht und damit seine ganze Familie belastet. Seine Mutter pflegt ihn aufopferungsvoll, von ihrem Mann, der Hartz-IV-Empfänger ist, bekommt sie dabei wenig Unterstützung. Auch Jeremys Schwester ist größtenteils mit der Versorgung ihres Bruders beschäftigt und hat kaum eigene Freizeit. In seiner Klasse ist der kleine Glasknochenmann ein Außenseiter, nur ein Mädchen, die Mitleid mit dem schwerbehinderten Jungen hat, hält zu ihm.

Beim Betrachten des Films wird deutlich, wie gut die jungen Leute die Problematik durchschauen und es ihnen gleichzeitig sichtlichen Spaß macht, sich einzumischen und Seitenhiebe zu verteilen - nicht zuletzt auch auf die Beziehungsprobleme der Eltern.

Mit dem Gegenüber auf Augenhöhe sein

"Die Idee zu diesem Film stammt von den Jugendlichen selbst. Sie waren einfach dermaßen verärgert von der Darstellung von Behinderung auf den Privatsendern, insbesondere von der Beschreibung von Osteogenesis imperfecta (Glasknochen), mit der sie ja jeden Tag selbst zu tun haben und wissen, dass es sich anders anfühlt, als dort gezeigt. Sie wollten etwas dagegen halten. Ich habe diese Idee nur aufgegriffen", erzählt Volker Westermann, bekannt als Moderator der Kochshow "Dinner for everyone". In dieser Show kochen prominente Gäste mit und ohne Behinderung gemeinsam – die Begegnung auf Augenhöhe zwischen den Gästen mit einer Behinderung, den Promis und dem Gastgeber Volker Westermann steht im Vordergrund. Auf Augenhöhe sein mit dem Gegenüber – genau das wollen auch die Teilnehmer des Medien-Workshops. "Wir halten den Medien den Spiegel vor, nicht umgekehrt", kommentiert Westermann.

Medien leben von Sensationen

Unterstützung haben sie dabei von Joachim Schmitt erhalten. Er ist mit seiner Kamera zur Tagung nach Duderstadt angereist, um die Szenen der Jugendlichen einzufangen. Dem gelernten Krankenpfleger und Rettungsassistenten sowie freiberuflichen Fotografen und Kameramann ist anzumerken, dass er im Umgang mit behinderten Menschen keine Berührungsängste hat. Er kennt Volker Westermann bereits aus Kindertagen. So ist es für ihn völlig normal, dass manche Menschen halt im Rollstuhl fahren. Doch er weiß, dass vielen Menschen diese Normalität im Alltag häufig fehlt. Medien, insbesondere das Fernsehen, leben von Sensationen, von Darstellungen, die sich von der Normalität abheben. Da eignen sich Beschreibungen über Menschen mit Behinderung sehr. "Und ich fürchte, die Leute wollen zum Teil genau das sehen, sonst würden die Privatsender solche Beiträge nicht drehen", fügt Schmitt nüchtern hinzu.

Unsere Gesellschaft ist eine Mediengesellschaft

Es ist in Zeiten von Castingshows und anderen Reality- TV-Formaten gerade für junge Menschen sicherlich nicht immer leicht, das Labyrinth von Kommerz und aufgedrückten Sichtweisen zu durchschauen und sich ein eigenes Bild zu verschaffen. Denn unsere Gesellschaft ist eine Mediengesellschaft. Keiner kann sich ihrem Einfluss völlig entziehen. Was wir denken, wie wir handeln, wird zu einem Großteil von den Massenmedien bestimmt. Dies gilt in ähnlicher Weise auch für Informationen über Menschen mit Behinderung. Theoretisch könnte sich zwar jeder ein eigenes Urteil bilden, doch in der Praxis verhindern Berührungsängste und andere Umstände oft eine solche Überprüfung.

Und auch wenn immer öfter über die Notwendigkeit der Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft geredet wird: Der persönliche Kontakt von Menschen mit und ohne Behinderung bildet noch weitgehend die Ausnahme. So sind die Medien die wichtigste und oft einzige Informationsquelle über das Leben und die Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung. Umso wichtiger erscheint es, dass Menschen, die selbst mit einer Behinderung leben, ihre persönlichen Sichtweisen einbringen – vielleicht muss es manchmal auch in einer satirischen Form wie in dem hier beschriebenen Film geschehen.


Linktipps:
"BREAKING NEWS TV – Die Glasknochenkrankheit" – der Filmbeitrag der der Jugendgruppe der Deutschen OI-Gesellschaft
Hey, ich kann das! Mit euch zusammen! Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über eine Zirkusidee für Kinder mit und ohne Glasknochen
Filmreife Behinderung. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über die Darstellung von Behinderungen im Film
Normalität in Film und Fernsehen. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über Menschen mit Behinderung in den Medien
Zwischen Wolfsmädchen und Dschungelcamp. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über moderne "Freakshows" in den Medien

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