Inklusion, Aktion Mensch-Blog

„Wir müssen uns verändern“

Professor Tony Booth erklärt auf der Nationalen Konferenz zur inklusiven Bildung, was der Inklusionsindex mit Moral zu tun hat und warum es so wichtig ist, dass alle Menschen gleich wertgeschätzt werden.

Auf der Nationalen Konferenz in Berlin: Tony Booth, Professor für Inklusive und Internationale Bildung. BMAS /J.K. Schmidt.

Für Professor Tony Booth von der Cambridge University ist Inklusion ein Ansatz zum gesamtgesellschaftlichen Umdenken, zur Veränderung. Es geht ihm dabei um die Auseinandersetzung mit der Frage: Wie sollten wir zusammen leben? Das ist für den weltweit renommierten Experten auf dem Gebiet der Inklusion die grundlegende Frage in der Bildung, die er auf der Nationalen Konferenz zur inklusiven Bildung am 17. und 18. Juni im Café Moskau in Berlin mit den Worten unterstrich. „Viele sagen, Inklusion bedeute die Einbeziehung von Menschen mit Behinderung. Doch dann geht Inklusion für meine Begriffe nicht sehr weit. Inklusion muss immer geprägt sein von der Teilhabe aller.“

Wie wollen wir zusammen leben?

Tony Booth, der seit über 30 Jahren zu den Themen Teilhabe, Inklusion und Bildung forscht, lehrt und schreibt, gab im Jahr 2000 zusammen mit seinem Kollegen Mel Ainscow den „index for inclusion“ heraus. Dieser Inklusionsindex ist seine Antwort auf die Frage, wie wir zusammen leben wollen. Dabei geht es ihm vor allem um Lernchancen, Lernmöglichkeiten, um Lernwerte, darum, dass jeder Mensch gleichermaßen wertgeschätzt werde. Es geht ihm um den Abbau von Barrieren für Lernen und Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler, nicht nur solcher mit Beeinträchtigungen oder solcher, denen besonderer Förderbedarf zugesprochen werde. Im Gegenteil stellt Booth dieser engen Betrachtungsweise einen umfassenden Ansatz zur Inklusion gegenüber, der alle möglichen Gegebenheiten und Systeme, alle Erwachsenen und alle Kinder einbezieht.

Inklusion als Willkommenskultur

Der Professor für Inklusive und Internationale Bildung hinterfragt damit kritisch den sonderpädagogischen Ansatz in Deutschland und auch anderswo. Für Booth bietet die beträchtliche Segregation (Abgrenzung) innerhalb des deutschen Systems viele Möglichkeiten des Umdenkens und der Umverteilung von Ressourcen. Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern stellen in seiner Augen Chancen für das gemeinsame Lernen dar und nicht Probleme, die es zu überwinden gilt. „Inklusion“, so Booth, „ist eine Willkommenskultur, die das Gefühl vermitteln muss: Es ist gut, dass du hier bist.“
Dazu möchte er einen Wertekodex vermitteln und diese Werte in Maßnahmen umsetzen unter anderem unter den Überschriften Gemeinschaft, Wertschätzung, Vertrauen, Mitgefühl, Mut, Freude, keine Gewalt. Wichtig ist ihm dabei, die Generationen übergreifende Verantwortung ernst zu nehmen. Denn seiner Meinung nach kann die dringende Notwendigkeit, die Umweltverschmutzung und ihre Folgen zu reduzieren, uns dazu ermutigen, die notwendigen Veränderungen des aktuellen Bildungssystems im Hinblick auf Inklusion zu benennen und voranzutreiben.

Ist das deutsche Schulsystem dazu bereit?

Dazu bereit, den Inklusionsgedanken so weit zu fassen, wie Tony Booth es tut, und in die Tat umzusetzen? Immerhin: Mit dem Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich die Bundesregierung für die Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft ausgesprochen. Und wie viel Brisanz das Thema hat, zeigten nicht zuletzt die 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Politik, der Bildungsverwaltung und Bildungspraxis, die auf der Nationalen Konferenz zur inklusiven Bildung zwei Tage lang darüber diskutierten, wie das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Menschen ausgebaut werden kann. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen betonte dazu in ihrer Eröffnungsrede, dass inklusives Lernen im ganzen Land selbstverständlich werden solle: „Wir wollen, dass Menschen mit Behinderung ganz normal am Arbeitsleben teilnehmen, die beste Voraussetzung dafür ist gute Bildung." Und
Bundesbildungsministerin Johanna Wanka ergänzte, dass für sie Inklusion nicht nur das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung sei: „Für mich ist Inklusion der Umgang mit Heterogenität in breitester Ausführung.“ Mit Blick auf die Umsetzung inklusiver Bildung an den Schulen wies die Bundesbildungsministerin dann jedoch darauf hin, dass die Schließung von Förderschulen aus Kostengründen der falsche Weg sei: "Inklusion darf kein Vorwand für ein Sparprogramm der Länder sein."

Wertschätzen der Fähigkeiten

Für mich hört es sich schon sehr danach an, dass die Gesellschaft weiterhin geteilt sein wird in Menschen mit und Menschen ohne Behinderung. Prof. Dr. Swantje Köbsell verwies dann auch prompt auf den Begriff der „Inklusionskinder“. „Das geht nicht“, sagte die Lektorin im Studiengebiet Inklusive Pädagogik an der Universität Bremen. Sie spannte in ihrem Vortrag zum Thema „Inklusion braucht Professionalität – neue Professionalität braucht Inklusion“ den Bogen zu Tony Booth, in dem sie darauf betonte, dass Inklusion auch für sie die Wertschätzung der Fähigkeiten aller Menschen bedeute. Oft werde aber immer noch für Menschen mit Behinderung gehandelt, auch wenn sich in den letzten Jahren viel zum Positiven gewandelt habe. Der Umgang mit Behinderung sei für sie eine Menschenrechtsfrage. Ihrer Meinung nach müsse man eine Sprache entwickeln, die Vielfalt und Unterschiede benennt. Inklusion könne nicht durch die Verleugnung von Behinderung erreicht werden, so Köbsell, sondern biete die Chance, den Blick auf die Welt zu erweitern und eine neue, nicht defizitäre Sichtweise, eine positive Sichtweise zur Inklusion zur entwickeln.

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