Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Wir müssen draußen bleiben!

Seit einigen Wochen häufen sich in Hamburgs Medien Berichte über Diskriminierungen blinder Menschen. Konkret geht es um Führhundhalter. Ihnen wird immer wieder der Zutritt zu Geschäften, Arztpraxen oder Kinos verwehrt.

Die Hamburger Morgenpost berichtete über einen misslungenen Konzert-Besuch. Hunde müssten draußen bleiben, teilte das Security-Personal mit. Torsten Wolfsdorff und Heike Ackermann und ihre Führhunde mussten wieder nach Hause, ohne auch nur einen Ton des Chor-Gesangs gehört zu haben. Der Grund: "Es geht unter anderem um die Freihaltung der Fluchtwege. Außerdem weiß man ja nie, wie so ein Hund in Stresssituationen reagiert", sagte Konrad Rausch von der PR-Agentur des Konzert-Veranstalters gegenüber der Mopo. Dass Führhunde gerade auch für Stresssituationen ausgebildet wurden, weiß man dort nicht. Und die Selbstbestimmung blinder Menschen scheint wenig zu gelten.

Ein Einzelfall?

Die Mopo machte den Test und begleitete einen weiteren Führhundhalter durch die Hansestadt. Rolf Schilling und seine Labrador-Hündin Betty stießen in drei von fünf Fällen auf Ablehnung. "Mit Hund dürfen Sie hier nicht rein!", hieß es beim Bäcker. Erst nachdem Schilling erklärte, dass er blind und Betty sein Führhund sei, ruderte der Verkäufer zurück: "Hmm, die Hygiene und so. Na gut, dann machen wir 'ne Ausnahme."

Ganz ähnlich lief es in einer Schlachterei – erst Ablehnung, dann ein gönnerhaftes "Aber nicht hinter die Theke". Ins Kino kam Schilling gar nicht. Hunde verboten. Für Führhunde könne er keine Ausnahme machen, wird der Geschäftsführer zitiert, so sei nun einmal die Hausordnung.

Leid, eine Ausnahme zu sein

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sieht keinen Grund dafür, Führhunden den Zutritt zu Lebensmittelgeschäften zu verwehren. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft kommt zu dem Schluss, dass in den allermeisten Fällen nichts gegen eine Mitnahme in Arztpraxen und Krankenhäuser spricht. Und auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz erlaubt ein Führhundeverbot nur bei rechtfertigenden sachlichen Gründen.

Für blinde Menschen bedeutet der Führhund Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Er ermöglicht es, sicher durch die Stadt zu gehen, einzukaufen, ins Kino zu gehen. Wenn nun gerade der Führhund draußen bleiben soll, ist das geradezu paradox. Es kann auch nicht der Normalfall sein, dass sich blinde Menschen immer wieder rechtfertigen und erklären müssen und ihnen dann generös "ausnahmsweise" der Zutritt gestattet wird. Er sei es leid, eine Ausnahme zu sein, bringt es Führhundhalter Schilling im Mopo-Artikel auf den Punkt. Blinde Menschen müssen sicher sein können, dass sie und ihre Führhunde willkommen sind. Solange das keine Selbstverständlichkeit ist, sind wir von einer inklusiven Gesellschaft noch weit entfernt.


Linktipps:
Blindheit in den Medien: Der blinde Alltag. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die journalistische Berichterstattung über blinde und sehbehinderte Menschen
Welten entdecken – warum blinde Menschen gerne lesen. Ein Blogbeitrag von Domingos de Oliveira über Bücher für Blinde
Mehr Kultur! Neue Wege zum barrierefreien Tourismus. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen durch Trier, Erfurt und die Documenta

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