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„Wir müssen den "Behindertensport" aus den Köpfen kriegen“

Gerade ist die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bei der WM ausgeschieden. Wir haben mit Jörg Wedde, Kapitän einer Sledge-Eishockeymannschaft, über das Klischee vom Behindertensport und mangelnde Anerkennung gesprochen.

Die Nationalmannschaft bei der WM in Nagano, Japan

Aktion Mensch: Für diejenigen, die es nicht kennen: Was ist Sledge-Eishockey?

Jörg Wedde: Sledge-Eishockey funktioniert gar nicht so viel anders als das Eishockey, das jeder kennt. Die Regeln sind identisch, die Spielzeit etwas kürzer. Der eigentliche Unterschied: Die Spieler sind auf kurzen Schlitten unterwegs und bewegen sich mithilfe der beiden Schläger, die am unteren Ende Spikes besitzen. Den meisten Spielern fehlen Gliedmaßen oder sie haben eine Querschnittslähmung. Sledge-Eishockey ist auch als „paralympisches Eishockey“ bekannt.

Aktion Mensch: Wer spielt Sledge-Eishockey?

Jörg Wedde: Hauptsächlich sind es Menschen mit Behinderung. Eine Querschnittslähmung sollte nicht höher als beim Wirbel TH5 ansetzen, sonst wird des mit der Rumpfstabilität schwierig. Viele Spieler haben auch Amputationen der Gliedmaßen unterschiedlichster Art. Ich selbst habe mit 13 Jahren den Unterschenkel rechts sowie den Oberschenkel links verloren.

Aktion Mensch: Wie sieht es mit Spielern ohne Behinderung aus?

Jörg Wedde: Der deutsche Ligaverband, in dem aktuell acht Teams organisiert sind, erlaubt auch nicht-behinderte Mitspieler. Bei internationalen Wettbewerben sind diese aber nicht zugelassen. Das Verhältnis bei den Lions Langenhagen schwankt. Wir hatten auch schon 20 Prozent Mitspieler ohne Behinderung, inzwischen sind es weniger. Generell ist es schwierig, Nachwuchs zu finden und die berufsbedingten Fortzüge auszugleichen. Einige Leute haben Vorbehalte. Denen sagen wir immer: „Einfach mal vorbeikommen und ausprobieren!“ Viele bleiben dann dabei.

Aktion Mensch: Was verlangt Sledge-Eishockey den Spielern ab?

Jörg Wedde: Nötig ist vor allem der Wille, sich dem Sport hinzugeben. Ein effektives Training braucht Verbindlichkeit und Kontinuität. Man merkt dann mit der Zeit, dass trotz körperlicher Einschränkungen doch eine ganze Menge geht.

Aktion Mensch: Wie sind Sie zum Sledge-Eishockey gekommen?

Jörg Wedde: Nach meinem Unfall war ich vom Schulsport befreit und habe mich für Reha-Sport überhaupt nicht interessiert. „Behindertensport“ hatte für mich immer einen komischen Klang. Zum Glück hat sich inzwischeScorpionsn einiges in dem Bereich bewegt. Ein Bekannter hat mich eines Tages zu einer Sledge-Partie mitgenommen: Deutschland gegen Holland. Von da an war ich „angefixt“ und war regelmäßig bei den Hannover Scorpions.

Aktion Mensch: Was sind Ihre Aufgaben?

Jörg Wedde: Aktuell bin ich auf dem Eis der Mannschaftskapitän. Darüber hinaus bin ich Abteilungsleiter der Sparte. Ich kümmere mich also um die Eiszeiten, Saisonplanung, treffe die Absprachen mit gegnerischen Mannschaften, organisiere den Sanitätsdienst und eine ganze Menge mehr. Das Ganze natürlich ehrenamtlich. Der Sport lebt vom Herzblut und vom Einsatz der Engagierten – auch wenn nicht jeder so viel Zeit investiert wie ich. Beim Sport muss manchmal auch die Familie zurückstecken.

Aktion Mensch: Was wünschen Sie sich für das Sledge-Eishockey hierzulande?

Jörg Wedde: Was uns fehlt, ist tatsächlich eine angemessene Anerkennung. Damit meine ich sowohl die Berichterstattung als auch die Verbandsfunktionäre. Aktuell sind alle Blicke auf die Eishockey-WM in Helsinki gerichtet, wo unsere Mannschaft schon in der Vorrunde ausgeschieden ist. Wenn im Sledge-Eishockey die Mannschaft Weltmeister wird, muss man selbst die Regionalpresse bearbeiten, damit sie darüber berichtet. Wir wollen keine Almosen – wir betreiben hier Leistungssport und möchten das gewürdigt wissen, wenigstens im Verband. Das spreche ich immer ohne Schnörkel aus, ich gehöre nicht zu den Leisetretern und sag, wenn es irgendwo hakt. Generell müssen wir den Begriff „Behindertensport“ aus den Köpfen kriegen. Auch Sledge-Eishockey ist ein ganz normaler Sport!

Website der ICE-LIONS-LANGENHAGEN

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