Aktion Mensch-Blog

"Wir lassen auch Geld da!"

Ein mehrstöckiges "barrierefreies" Hotel ohne Aufzug. Eine Notrufklingel in einer behindertengerechten Toilette, auf die niemand reagiert. Ein Baumkronenpfad, der für Rollifahrer geeignet ist – nur auf die schönste Aussichtsplattform kommen sie nicht. Dass Barrierefreiheit im Tourismus des Thüringer Waldes noch längst nicht überall konsequent bis zum Ende gedacht wird, erlebte eine abenteuerlustige Gruppe von Menschen mit Behinderung aus Erfurt. Die Mitglieder des Vereins "AktivLebenKonzept" testeten 16 Tage lang, wie sie mit Hand- und Elektrorolli, Rikschas, Rollfiets und Swiss-Trac-Rollstuhlzuggeräten den Werratal-Radwanderweg bereisen können. Ein Dokumentarfilm hielt ihre Erfahrungen fest.

Selbstversuch: Barrierefreiheit auf dem Werratal-Radwanderweg im Thüringer Wald

Das fängt ja gut an! Da macht man sich auf, um als wanderlustige Gruppe mit Rollis aller Art den Werratal-Radwanderweg zu bestehen – 310 Kilometer in Tagesetappen von jeweils rund 24 Kilometern –, und dann klappt schon an diesem ersten Tag Ende Mai 2012 der symbolträchtige Besuch an der Werraquelle nicht. Eine Holzbrücke über die Werra entpuppt sich als unpassierbares Hindernis für die meisten Rollis. In Siegmundsburg im Kreis Sonneberg ist der harte Kern von "AktivLebenKonzept" aus Erfurt gestartet. Keine gewöhnliche Wandertruppe, sondern Reisende mit einer Mission: Sie wollen testen, ob es möglich ist, in dieser schönen Gegend als Menschen mit einer Behinderung barrierefrei Ferien zu machen. Wer zu Beginn der anspruchsvollen Tour auf einen stärkenden Schluck Quellwasser gehofft hatte, wurde in Fehrenbach zum zweiten Mal enttäuscht: Auch an diese, wie die Fehrenbacher sagen "echte" Werraquelle, kommen die Rollifahrer nicht heran. Treppen blockieren die Zufahrt. "Let's roll" geht irgendwie anders.

Filmprojekt "It Works!"

Immer wieder mit der Kamera zu Besuch bei den Wanderern ist in den folgenden 16 Tagen die Erfurter Regisseurin Heidi Hasse. Für sie ist es der vierte Film einer Reihe von Reportagen mit dem Titel "It works!" ("Es funktioniert!") über die bisherige Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Thüringen. Die Aktion Mensch unterstützte das zweijährige Projekt des Diakonischen Bildungsinstituts "Johannes Falk" mit 145.931 Euro. Nach dem inklusiven Lernen in der Schule , dem Persönlichen Budget und der Inklusion im Arbeitsleben hat sich Filmemacherin Hasse in diesem Film über „Barrierefrei Leben - ohne Vorurteile, ohne Kompromisse“ Gedanken gemacht. Die erfahrene Regisseurin, selbst durch eine Organtransplantation beeinträchtigt, und die Geschäftsführerin von "AktivLebenKonzept", Silvia Becker, kennen sich schon lange. In dem Filmprojekt wollen sie gemeinsam erkunden, "wie es ist, wenn man als Gruppe von Menschen mit Behinderung versucht, gemeinsam Urlaub zu machen", erzählt Heidi Hasse. "Ein Einzelner kommt ja noch irgendwie unter, aber mit einer Gruppe wird es schwierig." Eine objektive Bestandsaufnahme ist das Ziel, aber auch Menschen mit Behinderung "Mut zu machen, es selber mal zu probieren".

Wo "barrierefrei" draufsteht, ist nicht immer barrierefrei drin

Wunderschöne Natur, hilfsbereite Menschen und vor allem in den kleinen Ortschaften der Wille der Einheimischen, Barrierefreiheit durch pragmatische Lösungen zur Not spontan herzustellen – all diese Erfahrungen gehören auf die Habenseite der Reise. Schwierigkeiten machen dagegen vor allem zwei Dinge: Unterkünfte und Toiletten. Passende Schlafplätze für mehrere Rollstuhlfahrende gleichzeitig zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. In der Kulturstadt Meiningen schläft die Gruppe in der Schulsporthalle, anderswo in Bildungseinrichtungen, einem Vereinshaus oder im Hotel einer Rehaklinik. In Sachen Hotels lernen die Reisenden eines: Wo im Internet oder im Reiseführer "barrierefrei" draufsteht, ist noch längst nicht immer barrierefrei drin. Ein angeblich barrierefreies Hotel will die Rolli-Gruppe auf drei Etagen in einem Haus ohne Aufzug unterbringen, eine andere als barrierefrei beworbene Unterkunft hat so enge Zimmer, dass ein Rollstuhl dort nicht wenden kann.
Dauerproblem sind die sanitären Anlagen: Oft gibt es überhaupt keine Behindertentoiletten, manchmal ganz schicke, die aber vor lauter Design kaum noch praktisch benutzbar sind. Oder sie sind schlecht durchdacht, wie im Schloss Elisabethenburg in Meiningen, wo sich niemand meldete, als die Gruppe testweise mal auf eine sorgsam angebrachte Notrufklingel drückt. Die klingelt im Landratsamt, das am Wochenende – wo die meisten Touristen unterwegs sind – leider verwaist ist.
Die Reisenden finden gute Ansätze der Barrierefreiheit – an Badeseen, in kleinen Dörfern, an mancher Sehenswürdigkeit – aber oft fehlt noch der allerletzte Schliff zur tatsächlichen gleichberechtigten Teilhabe. So gibt es im Hainich, dem größten Laubwaldgebiet Deutschlands, einen barrierefreien Wanderweg auch für Menschen mit Sehbehinderung, und die Erfurter genossen einen gut ausgebauten Baumkronenpfad, den auch Rollstuhlfahrende benutzen können. Leider bleibt ihnen aber ein Erlebnis vorenthalten: Zur obersten Aussichtsplattform führen Treppen.

"Wir sind viele, wir sind auch Gäste"

Heidi Hasses Film zeigt, wie die Gruppe sich durchkämpft, an persönliche Grenzen kommt, aber auch, wie sie die Tour genießt und Spaß zusammen hat. Überall trifft sie mit örtlichen Verantwortlichen bis hin zum Staatssekretär im Thüringer Wirtschaftsministerium zusammen, äußert Kritik, macht Verbesserungsvorschläge. Es führt sogar dazu, dass die Gruppe inzwischen in einem Überprüfungsprojekt des Wirtschaftsministeriums zur Barrierefreiheit in Thüringen mitarbeitet. Am Ende sagt Teilnehmerin Stefanie Sluka: "Es war genau das, was Thüringen braucht, was die Barrierefreiheit betrifft. Dass Leute als Praktiker kommen und sagen: Das und das ist doof, obwohl ihr sagt, es ist supi."
Auf ein paar Behinderte käme es im Tourismus nicht an, haben die Erfurter Tester ein paar Mal gehört. Sie nahmen es selbstbewusst: "Es kommt schon auf uns an. Wir sind viele, wir sind auch Gäste, und wir lassen ebenfalls Geld da." In Thüringen leben 355.000 Menschen mit Behinderung, das ist ein Fünftel der Bevölkerung.


Linktipps:
Der Verein "AktivLebenKonzept"
Das Film-Projekt "It works!" der Erfurter Regisseurin Heidi Hasse
Mehr Kultur! Neue Wege zum barrierefreien Tourismus. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen durch Trier, Erfurt und die Documenta
Urlaub – alles inklusiv? Ein Blogbeitrag von Petra Strack über die Tücken einer Reise mit Rollstuhl
Selbstbestimmt reisen auch im Alter? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über das Projekt ACCESS, das Senioren über barrierefreien Tourismus informieren will
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