Aktion Mensch-Blog

„Wir haben einen Instrumentenkoffer“

von Bianca Pohlmann

Schlagworte:
Arbeit

Beim Expertenforum des Familienratgebers der Aktion Mensch beantworten fünf Fachleute Fragen zum Thema Arbeit und Behinderung. Eine davon: Monika Labruier – hier im Interview über Inklusion am Arbeitsplatz.

Expertin Monika Labruier: „Es gibt da eine große Not“

Heute startet der Familienratgeber der Aktion Mensch für zwei Wochen ein Expertenforum, bei dem Nutzer fünf Fachleuten Fragen rund um das Thema Arbeit und Behinderung stellen können. Monika Labruier, Geschäftsführerin des Inklusionsdienstleisters Füngeling Router GmbH, steht schon zuvor Rede und Antwort. Mit ihr sprach Bianca Pohlmann.

Sie nennen sich Inklusionsdienstleisterin. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Monika Labruier: Inklusionsdienstleistung heißt für uns, dass wir Instrumente zur Qualifizierung von Menschen mit Behinderungen haben. Wir verfügen quasi über einen Instrumentenkoffer, den wir in die Betriebe mitnehmen. Gemeinsam mit interessierten Wirtschaftsunternehmen werden dann Qualifizierungs- und Arbeitsformen vor Ort identifiziert und aufgebaut, um Menschen mit Behinderung einen nachhaltigen Einstieg in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Unsere Vision ist der Aufbau tragfähiger Win-Win-Situationen: Da gibt es einerseits Unternehmen, die Hände ringend nach verlässlichen Mitarbeitern suchen. Auf der anderen Seite gibt es viele junge Menschen mit Behinderung, die einen Einstieg ins Arbeitsleben wollen. Unser Ziel ist es, die Menschen in den Unternehmen zu unterstützen, bis sie in die Rolle als autonome Mitarbeiter hineingewachsen sind. Die Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt ist dann sozusagen die Kür der Integration.

„Bestehende Instrumente der Integration individualisieren“

Aus Ihrer täglichen Erfahrung in den Unternehmen: Welche Themen drängen bei der Inklusion am Arbeitsplatz am meisten?
Wenn wir Inklusion ernst nehmen, dann sollten wir bestehende Instrumente der Integration individualisieren. Wir sind leider noch nicht so weit, dass wir mit individualisierten Angeboten einfach in die Unternehmen gehen können, in denen Bedarf besteht. Vielmehr müssen mit Hilfe eines Trainings sowohl die Menschen mit Behinderung auf die Arbeit vorbereitet werden. Gleichermaßen müssen auch die Arbeitgeber auf die neue Situation vorbereitet werden. Das fängt schon im Bewerbungsverfahren an: Viele Ausschreibungen sind zu institutionell.

Aber es gibt auch Hemmschwellen in vielen Unternehmen ...
Die Hemmschwellen sind da, wenn die Firmen keine Angebote zur Unterstützung bekommen. Ein Beispiel: Wir haben einen Autisten, der in einem Unternehmen arbeitet. Er wird von einem Trainer begleitet. Das ist für ihn und für den Betrieb wichtig. Er arbeitet ohne Unterlass an seinen Aufträgen, würde einfach immer weiter durchmachen. Er kommuniziert nicht. Das würde natürlich langfristig zu Problemen mit den Kollegen führen. Unser Trainer zeigt ihm, wie er entschleunigen kann.

Beim Expertenforum der Aktion Mensch können sich Menschen mit Behinderung mit Fragen auch an Sie wenden. Wo, glauben Sie, besteht besonderer Beratungsbedarf und wo sind Wissensdefizite?
Ich erwarte vor allem Fragen von Betroffenen, die beispielsweise nicht in einer Werkstatt, sondern in einem Betrieb arbeiten wollen. Oder die qualifiziert sind, aber in der Arbeitswelt nicht ankommen. Es gibt da eine große Not, wir haben tägliche Anfragen. Wir erleben jetzt die erste Generation, die eine inklusive Schulbildung gemacht hat und diesen Weg konsequenterweise auch im Berufsleben weiter gehen will. Wo es zudem an Wissen mangelt, sind Themen wie Persönliches Budget und Reha-Maßnahmen. Auch zu diesen Punkten werden sicher Fragen kommen.

„Unternehmen wollen nicht mehr auf ihre inklusiven Arbeitsplätze verzichten“

Gibt es einen grundsätzlichen Tipp, den Sie beim Thema Inklusion am Arbeitsplatz geben können?
Das Problem in Deutschland ist, dass es oft länderspezifische Angebote gibt. Jedes Land entscheidet für sich, wie es Inklusion umsetzt, und das ist sehr unterschiedlich. Aber: Jeder Mensch mit Behinderung hat ein Recht auf einen inklusiven Arbeitsplatz. Ich kann den Menschen daher nur Mut machen, dass sie versuchen, ihr Recht durchzusetzen. In Köln ist unsere Firma beispielsweise als integrative Arbeitsüberlassung zugelassen, in anderen Bundesländern ist das kaum möglich. Das, was wir mit unserer Inklusionsdienstleistung vor Ort machen, könnte man aber auch im ganzen Land machen. Und zwar erfolgreich: In Köln gibt es 50 Unternehmen, die nicht mehr auf ihre inklusiven Arbeitsplätze verzichten wollen. Davon sind wir in ganz Deutschland noch weit entfernt.

Was erhoffen Sie sich von dem Expertenforum?
Dass möglichst viele Menschen einen fachlichen Background bekommen. Wenn ich die Möglichkeit habe, mir Wissen zu holen, ist das wichtig für die Inklusion. Dadurch, dass Wissensstände sich verändern, öffnet man die Tür immer ein bisschen mehr. Irgendwann ist sie dann so weit offen, dann kann man sie nicht mehr schließen.


Linktipps:
Sie haben Fragen zum Thema Arbeit und Behinderung? Im Expertenforum des Familienratgebers der Aktion Mensch bekommen Sie Antworten!
Das Handlungsfeld "Am Arbeitsplatz" der Aktion Mensch
Das Inklusionsbarometer der Aktion Mensch zum Thema Arbeit von Menschen mit Behinderung (PDF-Datei)
Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Ein Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche
KOSmos: "Ein Schritt in die richtige Richtung". Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über ein Hamburger Projekt, das Menschen mit Behinderung bei der Jobsuche unterstützt
Pioniere des „Budget für Arbeit“ bauen berufliche Brücken. Ein Blogbeitrag von Michael Wahl über Fördermöglichkeiten für Arbeitnehmer mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt

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