Aktion Mensch-Blog

Wiedersehen nach 30 Jahren

In „Faschingskinder“ erzählt Filmemacher Gunther Scholz die Wiederbegegnung mit den Protagonisten aus seiner Dokumentation von 1981 über den Kindergarten der Ost-Berliner Schule für Körperbehinderte – ein Blick in den Alltag von Menschen mit Behinderung zwischen Ost und West.

Acht junge Berliner sind die Helden dieses Dokumentarfilms – schon einmal, vor über 30 Jahren, standen sie in ihrem Kindergarten vor der Kamera

Gunther Scholz Filmproduktion

Filme über ein Ereignis in der Vergangenheit werden häufig nach einem einfachen Strickmuster gedreht: Man schneidet ein paar alte Schnipsel zusammen und lässt darüber dann mehr oder weniger relevante Experten diskutieren. Das Ergebnis ist oft durchaus informativ, aber leider ebenso oft ein bisschen vorhersehbar und deshalb langweilig.

Als dem Berliner Filmemacher Gunther Scholz 2007 sein eigener DEFA-Dokumentarfilm „An einem Februarvormittag“ von 1981 in die Hände fiel, entschied er sich bewusst für einen anderen Weg der filmischen Aufarbeitung. Er holte acht der 15 Protagonisten von damals erneut vor die Kamera und drehte mit ihnen einen neuen Film. Heraus kam „Faschingskinder“, eine 87-minütige Wiederbegegnung nach über 30 Jahren – und ein Blick in den Alltag von Menschen mit körperlicher Behinderung zwischen Ost und West. Der sehenswerte Streifen hat am 8. Dezember festliche Premiere im Kino Babylon in Berlin Mitte.

Geschichten der damaligen Mitwirkenden weitererzählen

In „An einem Februarvormittag“ im Jahr 1981 waren sie Fliegenpilz, Clown oder Rotkäppchen. Der kurze Dokumentarfilm der DEFA, nur 7 Minuten lang, erzählt von ihrer Faschingsfeier im Kindergarten der Ost-Berliner Schule für Körperbehinderte. Der Film zeigt rund 15 Kinder mit unterschiedlichen körperlichen Behinderungen bei verschiedenen Beschäftigungen zum Karneval. Die Kinder werden von pädagogischen Fachkräften betreut, ihnen wird je nach Bedarf und Situation Hilfestellung gegeben. Der Film lief im selben Jahr im Eröffnungsprogramm der Leipziger Dokumentarfilmwoche und 1982 dann auch im Kurzfilmwettbewerb bei der Berlinale.

Der Film entstand im damaligen Jahr der Behinderten auf Initiative des Regisseurs. Die Realisierung erfolgte außerhalb der staatlichen Strukturen, aber mit technischer Hilfe bei den DEFA-Studios und wurde vom Kulturfonds der DDR finanziert.

2007 hatte Scholz die Idee, nach den damaligen Mitwirkenden zu suchen, um ihre Geschichten weiterzuerzählen. Mit Hilfe der DEFA-Stiftung gelang es ihm, die meisten von ihnen zu finden. Die Idee des Weitererzählens konnte aber lange nicht verwirklicht werden. Mehrere angesprochene TV-Sender hatten kein Interesse an einem „Behinderten-Stoff“. Scholz wandte sich über den Kulturverein Weißensee e.V. an die Aktion Mensch, die ihn schließlich im Rahmen ihrer Förderung bei der Finanzierung des Filmes wesentlich unterstützte.

Alltag, Probleme und Freuden

Die Hauptdarsteller, damals im Kindergartenalter, sind heute Mitte bis Ende 30, ihre körperlichen Behinderungen haben sich meist verfestigt. Acht von ihnen, alle körperlich behindert seit Geburt, werden im Film porträtiert. Einige arbeiten in Vollzeit, andere in Behindertenwerkstätten oder sind – wie heutzutage leider üblich – auf der Suche nach Praktikumsplätzen. Sie lassen den Zuschauer teilnehmen an ihrem Alltag, an Problemen und Freuden.

Andrea zum Beispiel freut sich auf ihren 40. Geburtstag, Alex spielte mal Basketball in der Rollstuhl-Bundesliga und fährt Auto, Katrin sortiert den ganzen Tag Briefe und möchte gern noch ein Kind, Maryla sollte nur 7 Jahre alt werden und ist jetzt Geschäftsführerin bei einem Reiseveranstalter. Daniel trainiert Aikido, Thomas ist nun schon einige Jahre mit Ilka verheiratet, die sich wie er im Rollstuhl fortbewegt, Andreas möchte gern arbeiten und gebraucht werden, und Annett hat die Hoffnung, vielleicht nach über 20 Jahren doch wieder ein wenig laufen zu können.

„Sie leben mitten unter uns. Wir wissen wenig über ihr Leben, ihre alltäglichen kleinen und großen Sorgen, ihre Schwierigkeiten, die Niederlagen und Erfolge“, beschreibt Scholz, was er selbst während der Dreharbeiten lernte. „Mitleid wollen und brauchen sie nicht. Unsere Toleranz und mehr Verständnis für ihre Probleme aber kann ihnen helfen – jeden Tag, auf der Straße, in Verkehrsmitteln, überall, wo wir ihnen begegnen. Und manchmal brauchen sie auch unsere Hilfe.“

Inklusive Premiere in Berlin

„Faschingskinder“ hat festliche Premiere am Montag, 8. Dezember, um 19.30 Uhr im Kino Babylon an der Rosa-Luxemburg-Straße 30 in Berlin-Mitte. Neben Gunther Scholz und allen Darstellern sind die Leiter der Berliner und Brandenburger Sozialverbände eingeladen, nach dem Film mit den zu bis 500 Zuschauern ins Gespräch zu kommen.

Das Babylon präsentiert sich an diesem Abend besonders: „Wir wollen aus der Premiere wirklich eine schöne, eine inklusive Veranstaltung machen“, verrät Gunther Scholz. „Der rote Teppich für die Hauptdarsteller, das Team und das Premierenpublikum wird um das Kino herum zum Seiteneingang verlegt, weil nur dort Rollstuhlfahrer über eine Rampe ins Kino gelangen können: An diesem Tag soll es der Eingang für alle sein.“

Wie es nach der Premiere mit Faschingskinder weitergeht, ist leider ungewiss. Noch immer sucht Gunther Scholz einen Verleiher, der einen bundesweiten Vertrieb des Films möglich macht. „Erste Kontakte blieben bislang ohne Erfolg“, so Scholz. „Filme über Behinderte haben es an der Kinokasse eben schwer.“

 

Karten für die Premiere am Montag, 8. Dezember, um 19.30 Uhr kosten neun Euro und sind direkt im Kino Babylon an der Rosa-Luxemburg-Straße 30 in Berlin-Mitte oder unter babylonberlin.de erhältlich. Reservierungen sind leider nicht möglich.

Über Anfragen zum Film freut sich Gunther Scholz per E-Mail über carnivalchildren@gmx.de oder foerderverein@kwei.de.

 

Linktipps:

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