Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Wie kann eine "Schule für alle" wirklich funktionieren?

Was macht es mit einem Heranwachsenden, 12 Jahre lang eine Sonderschule zu besuchen? Nun, ich kann nur für mich sprechen. Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe die ersten acht Schuljahre zunächst in meiner Heimatstadt absolviert - an einer Sonderschule für Körperbehinderte. Anschließend ging es an die Erweiterte Oberschule (vergleichbar mit dem Gymnasium) in Birkenwerder. Diese Schule in Birkenwerder - ebenfalls eine Sonderschule für Körperbehinderte - befand sich ca. 250 km von meiner Heimatstadt entfernt. Hier lernten zu jener Zeit alle, die eine körperliche Behinderung hatten (ohne größeren Pflegebedarf) und ihr Abitur machen wollten. Diese Schule war in einer orthopädischen Klinik untergebracht, und wir Schüler lebten und lernten auf einer der Krankenstationen. Nun, ich habe dadurch immer in kleinen Klassen gelernt, der Unterricht war dementsprechend sehr intensiv, die Atmosphäre in der Klasse sowohl zu den anderen Mitschülern als auch zu den Lehrern sehr vertraut, ja fast familiär. Und ich glaube auch behaupten zu können, dass das Anforderungsniveau dem eines "normalen" Gymnasiums nicht nachstand, denn als ich schließlich ein Hochschulstudium begann, konnte ich mich durchaus mit meinen Kommilitonen messen. Jedenfalls in geistiger Hinsicht.

Würden sie mich akzeptieren, wie ich bin?

Es gab aber ein anderes Problem. Erstmals in meinem Leben - ich war inzwischen 19 Jahre alt - war ich mit ausschließlich Nichtbehinderten zusammen. Ich war äußerst unsicher: Würden sie mich so akzeptieren wie ich bin? Wenn wir zum Beispiel von einem Hörsaal zum anderen zogen - und das war oft nötig in diesem alten und völlig dezentralen Uni-Gelände -, trottete ich immer den anderen hinterher, völlig unter Anspannung, denn ich wollte doch dazugehören. Aber auch meine Kommilitonen wussten nicht wirklich, wie sie mit mir umgehen sollten. So breitete sich in mir das Gefühl aus, abgelehnt zu werden. Wie sollte ich es auch besser wissen? Hatte ich mich bis dahin doch nicht mit ihnen messen können - in meiner "heilen Inselwelt der Nur-Behinderten". Sicherlich, im Laufe der Zeit hat sich vieles relativiert. Und doch ist etwas zurückgeblieben, was mich ein Leben lang begleiten wird. Nämlich die immer wiederkehrende Frage im Hinterkopf: Nimmt mein Gegenüber mich ernst? Werde ich akzeptiert, auch wenn ich etwas anders daherkomme?

Wut über so viel Unverständnis

Wenn ich heute höre, dass nach fast drei Jahren Rechtsgültigkeit der UN-Behindertenrechtskonvention noch immer 387.792 sonderpädagogisch geförderte deutsche und ausländische Schülerinnen und Schüler in Sonderschulen lernen und nur 97.626 in allgemeinen Schulen, dann kann ich das nicht verstehen. Wut steigt in mir hoch - über so viel Unverständnis, was man den Kindern und Jugendlichen mit diesem gegliederten und aussortierenden Schulsystem antut. Was in anderen Ländern oft längst eine Selbstverständlichkeit ist, wirft in Deutschland angesichts des derzeitigen Schulsystems viele Fragen auf.

Praxishandbuch "Eine Schule für alle"

Der Kölner Elternverein mittendrin e. V. hat im Dezember 2011 im Verlag an der Ruhr das ca. 360 Seiten starke Buch "Eine Schule für alle: Inklusion umsetzen in der Sekundarstufe" herausgegeben. In diesem Praxishandbuch geben 40 Pädagoginnen und Pädagogen aus integrativen Schulen Antworten darauf, wie eine Schule für alle in Deutschland funktionieren kann. Anschaulich beschreiben sie anhand praktischer Unterrichtsbeispiele, wie sie den Unterricht in ihren heterogenen Klassen gestalten, sie vermitteln Informationen über Schüler mit Behinderung in der Schule und geben Tipps für das Schulleben und die Schulorganisation.
Ausgangspunkt der Betrachtung ist dabei, dass Inklusion ein Abschied vom Lernen im Gleichschritt bedeutet. An dessen Stelle rückt das pädagogische Prinzip der Wertschätzung von Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Denn je unterschiedlicher und vielfältiger die Menschen einer Gruppe sind, desto mehr kann die Gemeinschaft und der Einzelne in ihr profitieren. Inklusion bedeutet daher vor allem, die in einer Gemeinschaft vorhandenen Formen von Vielfalt zu erkennen, wertzuschätzen und zu nutzen. Lehrer, Sonderpädagogen und andere beruflich mit dem Thema Befasste berichten direkt aus dem inklusiven Klassenzimmer - von Unterrichtsgestaltung im Allgemeinen sowie im Fachunterricht anhand konkreter Unterrichtseinheiten und Beispiele für die einzelnen Fachbereiche. Ein sehr empfehlenswertes Buch vor allem für Lehrer, Sonderpädagogen, Schulleiter und alle, denen das Thema am Herzen liegt.

Weitere Informationen:
Auch die Aktion Mensch befasst sich mit dem Thema: Mit "Inklusion: Schule für alle gestalten" hat sie im Januar 2012 ein Heft für Lehrer herausgegeben. Es kann kostenlos online bestellt oder heruntergeladen werden und gibt einen ersten Einblick ins Themenfeld Inklusion in der Schule.

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