Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Wie ich lernte, meine Behinderung zu akzeptieren ...

 

Wenn man mich heute nach dem Umgang mit meiner Behinderung fragt, dann vergleiche ich es oft mit einer Haarfarbe: Ich habe sie, und manchmal ist sie okay – und manchmal nervt sie einfach. So entspannt bin ich nicht immer mit meiner Behinderung umgegangen. Als ich jünger war, ist es mir oft schwer gefallen, Hilfe anzunehmen, und ich fühlte mich auch das ein oder andere Mal mehr als unwohl, wenn es in Gesprächen plötzlich um Behinderungen, Rollstühle oder Ähnliches ging.

Ich weiß noch ganz genau, wie die Vorstellung, ein Fremder würde meinen Rollstuhl schieben, kalte Schauer über meinen Rücken getrieben hat. Doch heute sieht das alles etwas anders aus. Inzwischen bin ich besser darin, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Dadurch ist das Leben um einiges leichter geworden. Was genau ich anders mache als früher? Hier ein Versuch, es zu erklären:

Ich schäme mich nicht mehr für meine Behinderung

Früher kam es vor, dass es mir unangenehm war, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Ich wollte nicht derjenige sein, für den der Busfahrer aufstehen, die Rampe ausklappen und die Rampe wieder einklappen muss. Besonders, wenn ungeduldige Fahrgäste mich dafür mit bösen Blicken straften, war das schlimm für mich. Heute sehe ich das etwas anders. Wir brauchen alle mal an bestimmten Stellen Unterstützung, und ich bin in den Situationen einfach auf eine Rampe angewiesen.

Lächle, wenn es zum Weinen nicht reicht ...

Leider gibt es auch immer wieder Menschen, die negativ auf mich reagieren, mich nicht ernst nehmen oder sogar Schlimmeres. Mein Handy wurde mir schon öfter geklaut – und in den Momenten fühle ich dann wirkliche Angst. Denn ich kann mich einfach in dem Moment nicht wehren, und das wissen wohl auch diese Idioten. Ein paar Tage später sage ich mir dann immer: "Okay, das ist wohl auch Inklusion".

Ich kann Hilfe annehmen

Ich weiß inzwischen, dass ich selbstständig sein kann, auch wenn ich mal Hilfe annehme. Es gibt – sogar in einer Stadt voller Miesepeter wie Berlin – auch eine Menge hilfsbereite Menschen. Wenn ich ganz offen nach Hilfe frage, dann finde ich so gut wie immer eine helfende Hand. Am besten geht das, wenn ich einfach deutlich sage, wann ich Hilfe brauche und wann nicht. So weiß meine Umgebung schnell Bescheid, und ich bin am Ende der, der selbstbestimmt handelt.

Für zwei Menschen denken

Meine Behinderung bringt es mit sich, dass ich in einigen Fällen eine Assistenz brauche, und was sich am Anfang als kompliziert herausgestellt hat, ist jetzt eine schöne Sache. Denn ich muss meine Terminplanung immer für zwei Personen machen. Wenn ich beispielsweise nach Köln fahre, muss ich wissen, ob und wann ich eine Assistenz brauche. Dieses Mitdenken kann ich jetzt auch in Projekten anwenden und schnell einen Plan B entwickeln.

Ich gehe locker damit um, wenn Leute sich wegen meiner Behinderung unwohl fühlen

Ich möchte nicht, dass die Menschen um mich herum sich von mir oder meiner Behinderung eingeschüchtert fühlen. Niemand soll unnötig unsicher sein. Deswegen habe ich ein paar Taktiken entwickelt, die es für mich und andere leichter machen. Das kann zwar auch anstrengend sein, wenn ich einfach keine Lust auf „gute Laune“ habe, aber es funktioniert. Habe ich nichts mit den Leuten zu tun, dann ignoriere ich sie einfach. Und wenn ich jemand Neues kennen lerne, dann helfen viel Humor und vielleicht sogar ein Rollstuhlfahrer-Witz oft weiter! So wissen gleich alle, dass sie nichts Falsches sagen können. Bei besonders hartnäckigen Fällen und allzu neugierigen Menschen lasse ich einfach Sätze wie „Es sind nur Glasknochen“ einfließen. So ist der größte Wissensdurst gestillt, und ich habe meine Ruhe.

Jetzt kennt ihr ein paar meiner Alltagstricks, aber wie sieht es mit euch aus? Wie geht ihr mit Alltagssituationen um, wovor habt ihr Angst, und was macht ihr jetzt anders als früher?


Linktipps:
Wettbewerb der Behinderungen? Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über ihre Erfahrungen mit Konkurrenz zwischen Menschen mit Behinderung
Von Mut und Enttäuschung. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über positive Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderung und ihren Familien
Inkludiere dich selbst. Anastasia Umrik überlegt im Blog, dass es nicht immer an den "Nicht-Behinderten" liegt, wenn es mit der Inklusion hakt

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