Aktion Mensch-Blog

"Weithin sichtbarer Stolz"

von Gundel Köbke

Interview mit Dr. Sigrid Arnade über das bundesweite Aufklärungsprojekt „Disability Pride: Aus Scham wird Stolz!“

ISL- Geschäftsführerin Dr. Sigrid Arnade: "Stolz, wild und bunt" Foto: ISL

In Berlin laufen die Vorbereitungen für das bundesweite Aufklärungsprojekt „Disability Pride: Aus Scham wird Stolz!“, das von der Aktion Mensch mit 193.410 Euro gefördert wird. Menschen mit ganz unterschiedlicher Behinderung machen unter diesem Motto das Thema Inklusion in der Öffentlichkeit sichtbar und rütteln an hartnäckigen Vorurteilen. Im Gespräch mit Gundel Köbke erläutert Dr. Sigrid Arnade als Geschäftsführerin des Vereins Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland das Vorhaben.

Gundel Köbke: „Disabililty Pride – aus Scham wird Stolz!“ lautet das Motto, das Sie sich gemeinsam mit zahlreichen anderen Menschen mit Behinderung auf die Fahne geschrieben haben. Wie ist dieser Titel entstanden?
Dr. Sigrid Arnade: Wir haben dabei unter anderem an die Frauenbewegung und die Bewegung der Homosexuellen gedacht, die im Laufe des Emanzipationsprozesses die verinnerlichte Scham überwunden haben. Bei unserem Projekt geht es darum, jetzt auch bei den Menschen mit Behinderung anzusetzen. Ihre sehr häufig anzutreffende Scham soll einem weithin sichtbaren Stolz weichen. Menschen mit Behinderung sollen selbstverständlicher in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit auftreten.

Welche Botschaften möchten Sie zum Beispiel öffentlich vermitteln?
Hier möchte ich gerne Dr. Adolf Ratzka zitieren. Er hat in Schweden ein Zentrum für selbstbestimmtes Leben aufgebaut hat und gilt als Vordenker und Visionär für die Rechte von Menschen mit Behinderung. 1994 hat er geschrieben: „Erst wenn wir selbst davon überzeugt sind, dass wir die gleiche Lebensqualität verdienen, die andere für selbstverständlich halten, werden wir uns nicht mehr unserer Behinderung schämen, sondern am Leben als freie und stolze Menschen teilnehmen“. Daraus nehmen wir die eindeutige Botschaft mit: raus aus der Bittstellerecke und auch aus der Mäkelecke. Oder als Slogan formuliert: Wir sind behindert – ja und?!

Mit dem Projekt soll zugleich eine inklusive Gesellschaft befördert werden, was planen Sie zu diesem Thema?
Wir haben uns für die drei Jahre, in denen das Projekt läuft, wirklich viel vorgenommen. Im ersten Jahr machen wir eine Art wissenschaftlicher Bestandsaufnahme und gehen der Frage nach, wo wir überhaupt stehen, wo wir herkommen und wie die Sicht auf Menschen mit Behinderung sich im Laufe der Zeit verändert hat. Wir wollen aufarbeiten, wie sich gesellschaftliche Strömungen und psychologische Prozesse entwickelt haben und auch, wie sich die Menschen gefühlt haben, wie sie mit ihrer Scham, mit ihrem Stolz umgegangen sind. Das bedeutet viel Literaturrecherche für eine Innensicht, die bisher selten berücksichtigt wurde.

Sie können dazu sicher Beispiele nennen?
Ich erinnere daran, dass bei den alten Griechen und Römern Menschen mit Behinderung ermordet wurden. Und Martin Luther hat in seiner Tischrede gesagt, er würde ein behindertes Kind eigenhändig ertränken. Und wie die Nazis zu Menschen mit Behinderung standen, wissen wir. Uns interessiert jedoch auch noch, wie Menschen mit Behinderung selbst in den verschiedenen Zeiten mit ihrer Behinderung umgegangen sind, ob sie sich versteckt und geschämt haben. Im Mittelalter wurden zum Beispiel die ersten Bettelorden von Gehörlosen und Blinden gegründet, da gab es schon Menschen, die selbstbewusst waren. Das alles wollen wir systematisch aufarbeiten und zum Abschluss eine Konferenz mit Fachleuten in Berlin veranstalten.

Zurück zum Stolz von Menschen mit Behinderung, den Sie aktiv befördern wollen. Wie unterstützten Sie diesen Prozess?
Das zweite und dritte Jahr des Projekts gehört der Entwicklung von Konzepten, die unter der großen Überschrift „Empowerment“ – was so viel heißt wie Ermutigung – stehen. Hier wird es Kurse und Workshops für Menschen mit Behinderung geben, in denen sie sich ihrer Stärken bewusst werden und verinnerlichte Scham überwinden können. Wir können jetzt natürlich nicht acht bis zehn Millionen Menschen mit Behinderung in der Republik in solchen Kursen trainieren, aber wir wollen die Konzepte dafür entwickeln und weitergeben, so dass zum Beispiel auch andere Verbände sie nutzen können.

Setzen Sie bei der Aufklärung auch auf bekannte prominente Persönlichkeiten?
Es gibt natürlich einige große stolze Vorbilder, wie zum Beispiel auch die bekannten Ausnahmesportler, die an den Paralympics teilnehmen. Aber ich fürchte, dass sie ein bisschen „zu groß“ sind. Das könnte Menschen mit Behinderung abschrecken, weil sie dann denken: Oh Gott, das schaff ich nie.

Zum Abschluss des Projekts planen sie einen ersten spektakulären Straßenumzug in Berlin – wie sieht diese Demonstration vor Ihrem geistigen Auge aus?
Vielfältig und toll. Es soll so eine Art Christopher Street Day für Menschen mit Behinderung werden: Der Umzug wird im September 2015 wahrscheinlich auf der Straße des 17. Juni starten, in einer Schleife durch den Tiergarten ziehen und wieder zum Brandenburger Tor in Berlin zurückkehren. Wir hoffen natürlich auf Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Behinderung aus dem gesamten Bundesgebiet. An diesem Tag wollen wir mit viel Musik, die von Menschen mit Behinderung gemacht wird, unsere Vielfalt feiern und unser Selbstbewusstsein zeigen. Alle sind willkommen: Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer ebenso wie blinde und gehörlose Menschen und Menschen mit geistiger, psychischer oder unsichtbarer Behinderung. Wir wollen mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen gemeinsam tanzen, und auch hetero- und homosexuelle Menschen mit Behinderung sowie Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sollen stolz mitmachen: Quer durch die Bank, wild und bunt.


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