Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Weiblich – behindert – selbständig?

Ist es eigentlich ratsam, sich als Frau mit Behinderung selbständig zu machen? Und welche Voraussetzungen sind nötig, um als Unternehmerin tatsächlich Erfolg zu haben? Eine Geschäftsidee und berufliche Kompetenz sowie Kenntnisse in Marketing, Finanzierung und Buchhaltung, das ist ganz klar. Mut, Risikobereitschaft, möglichst ein paar Rücklagen für schlechte Zeiten, eine gute Beratung. Aber reicht das alles?

Arbeiten mit Behinderung: zum Beispiel im barrierefreien Hotel Kornspeicher

Tatsache ist, dass Frauen mit Behinderung das Schlusslicht auf dem Arbeitsmarkt bilden. Ihre Erwerbsquote liegt mit etwa 23 Prozent deutlich unter derjenigen der behinderten Männer mit 30 Prozent. Im Vergleich dazu bewegt sich die Erwerbsquote nichtbehinderter Männer bei 71 %, die nichtbehinderter Frauen bei 53 % (siehe Mikrozensus). Viele der etwa 3,3 Millionen Mädchen und Frauen, die in der Bundesrepublik mit einer Behinderung leben, werden als Angestellte häufig unterschätzt und finden in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit kaum einen Job. Sie bewerten ihre Vermittlungschancen selbst als schlecht und ziehen sich deshalb oft aus dem Erwerbsleben zurück, ohne sich arbeitslos zu melden. Viele werden ungewollt und allzu schnell auf den häuslichen Bereich zurückgewiesen. Hinzu kommt, dass Frauen generell – egal ob mit oder ohne Behinderung – rund 23 % weniger als Männer verdienen (durchschnittlicher Bruttostundenverdienst laut Statistischem Bundesamt 2010).

Den Schritt wagen

Und doch gibt es Frauen, die den Schritt trotz aller Risiken und Probleme in die Selbständigkeit wagen. Einige sehen in dieser Entscheidung eine Möglichkeit, überhaupt am Arbeitsleben teilzunehmen, für andere ist es eine Chance, ihre beruflichen Ziele dennoch zu verwirklichen. Die eigene Behinderung sehen viele dabei nicht als das Problem. Sie fühlen sich nicht weniger leistungsfähig, sondern eher von vielen unterschätzt. Andrea Schucherts größter Traum war es zum Beispiel, eine eigene Praxis für Physiotherapie zu eröffnen. Zehn Jahre lang hatte sie in Erfurt und Weimar aufgrund einer Achromatopsie (vollständige oder fast vollständige Farbenblindheit verbunden mit einer Überempfindlichkeit gegenüber Licht und einer geringen Sehschärfe) Sonderschulen und Internate besucht und schließlich eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Physiotherapeutin abgeschlossen. Nun wollte sie ihre eigenen beruflichen Vorstellungen umsetzen – und tat das 14 Jahre lang.

Heute arbeitet Andrea als freie Physiotherapeutin – ohne eigene Praxis. Sie fühle sich erleichtert, sagt sie, stehe nicht mehr so sehr unter Druck. Zum einen fielen viele bürokratische und finanzielle Hürden weg. Vor allem aber, so gesteht sie, sei es der psychologische Aspekt, der sich für sie gelöst habe. "Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: Wie kann ein Mensch, dem man ständig – ob in der Sonderschule, im Internat oder in der Ausbildung – klar gemacht hat, was gut für ihn ist, nun selbst und ständig bestimmen, was gut für ihn – und gegebenenfalls für seine Angestellten – ist?"

Unterschätzte Fähigkeiten

Ich habe lange über Andreas Worte nachgedacht, habe ich doch mit 12 Jahren Sonderschule für Körperbehinderte, davon vier Jahre Internat während der Abiturzeit, und schließlich der Entscheidung, in die Selbständigkeit zu gehen, einen ähnlichen Lebenslauf. Und auch ich wurde immer wieder unterschätzt in meinen Fähigkeiten. Aber vielleicht hat mich gerade diese Unterschätzung dahingehend motiviert, selbständig arbeiten zu wollen.
Eine Unsicherheit ist in vielen Fällen geblieben. Und doch sehe ich in der Möglichkeit, selbständig zu arbeiten und mich als Journalistin stets zu öffnen, eine riesige Chance, etwas gegen diese allgegenwärtige Unterschätzung zu tun ...



Linktipps:
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Arbeit
Familienratgeber: Frauen und Arbeit

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?