Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Wann ist es Zeit, loszulassen?

Auch Kinder mit einer geistigen Behinderung haben ein Recht auf Freiraum und soziale Kontakte. Doch für ihre Eltern ist es oftmals schwer, den Kinder ein unabhängiges Leben zu ermöglichen.

Rebekka wohnt immer noch bei ihren Eltern, mit Mitte 30. Bis vor einigen Jahren fand ich das völlig normal. Rebekka hat eine starke geistige Behinderung. Sie war nur sehr selten mit dabei, wenn wir Kinder aus der Nachbarschaft draußen spielten. Als wir älter wurden und schließlich fürs Studium oder einen Job weg gegangen sind, fing sie in einer Werkstatt in der Nähe an. Während wir eigene Familien gründeten, blieb sie Tochter. Und jetzt werden unsere Eltern alt und ich finde es nicht mehr normal, das Rebekka noch zuhause lebt.

Es ist für mich eher irritierend und traurig: Warum bereiten sie sie nicht auf ein Leben ohne Eltern vor, bevor sie selbst sich nicht mehr kümmern können? Warum lassen sie ihre Tochter nicht ein so weit wie möglich unabhängiges Leben ausprobieren? - Weil sie nicht anders können, ist die schlichte Antwort von Beratern und Therapeuten in der Eingliederungshilfe, einer Leistung der Sozialhilfe für behinderte Menschen, die seit dem 1. Januar 2005 ins Sozialgesetzbuch (SGB) übernommen wurde. Zu groß sei die Angst, das Kind könne nicht ohne Eltern klarkommen oder sei anderswo nicht gut versorgt. Zu fest die Vorstellung, das behinderte Kind besonders behüten und beschützen zu müssen.

Die Therapeuten der Eingliederungshilfe betonen auch, wie heikel das Thema sei: Niemand möchte die Eltern an einer empfindlichen Stelle treffen, niemand möchte sie mit deutlichen Worten zusätzlich verletzen. Und deshalb möchte niemand mit Namen erwähnt werden. Überhaupt seien Vorwürfe fehl am Platz. Stattdessen müsse man den Eltern Wertschätzung für ihre Leistung zeigen - und zugleich vermitteln: Ihr Kind hat ein Recht auf mehr Selbstbewusstsein, mehr Freiraum, mehr soziale Kontakte. Vorbilder helfen bei der Überzeugungsarbeit: Menschen mit Behinderung, die den Wechsel in ein betreutes Wohnen gemeistert haben. Oder deren Eltern, die all ihre widersprüchlichen Gefühle und Gedanken offen legen. Und die Kinder? Die müssen im Selbstbewusstsein gestärkt und darin unterstützt werden, sich gegenüber den Eltern stückchenweise Autonomie zu erobern.

Klingt wie echte Sisyphos-Arbeit. Ich kann jungen Eltern nur wünschen, dass sie früh Unterstützung suchen. Und wer weiß: Vielleicht haben sich Rebekka und ihre Eltern ja schon an die Arbeit gemacht...

Hier gelangen Sie zu weiteren Informationen zum Thema "Ablösung vom Elternhaus" und einem Lesetipp

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