Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Wahrnehmungswelten blinder Menschen

Interview mit Andreas Brüning, dem Initiator des Projekts „Biografie-Paten“

„Biografie-Paten“-Initiator Brüning: Brücken bauen Foto: Jutta Heinze

Andreas Brüning ist sehbehindert. Dass damit im Alltag Hürden verbunden sind, ist jedem klar; wie diese jedoch aussehen und wie genau ein Leben mit anderen Sinnesorganen als den Augen wahrgenommen wird, davon haben viele nur eine diffuse Vorstellung. Das möchte Brüning ändern und hat in diesem Zusammenhang das Mikroprojekt „Biografie-Paten“ ins Leben gerufen. Mit dem Schibri-Verlag möchte er zusammen mit erfahrenen Autorinnen und Autoren die Tür zur Wahrnehmungswelt sehbehinderter und blinder Menschen öffnen. Mit Heiko Kunert sprach er über sein Projekt.


Heiko Kunert: Im Projekt Biografie-Paten bringst Du blinde, sehbehinderte und sehende Menschen zusammen. Was genau sind die Biografie-Paten?

Andreas Brüning: Die Biografie-Paten sind blinde oder sehbehinderte Menschen, die sich dazu bereit erklären, Aspekte ihrer Lebensgeschichte mit uns zu teilen. Sie führen mit den in der Regel sehenden Autorinnen und Autoren biographische Interviews, die diese dann in Literatur verwandeln und die Figur des realen Biografie-Paten als Ausgangspunkt nehmen. Wir haben uns dazu entschieden, die Biografie-Gebenden als „Biografie-Paten“ zu bezeichnen, um sie in den Mittelpunkt zu stellen. Denn sie helfen uns, Brücken zu bauen zwischen zwei verschiedenen Wahrnehmungswelten.

Was ist die Motivation der blinden und sehbehinderten Paten und der sehenden Autoren?

Was tut ein blinder Mensch, wenn er einen Raum betritt? Wie orientiert er sich? Wie nimmt er Kontakt auf?
Viele können sich von der Situation und der Wahrnehmungswelt blinder und sehbehinderter Menschen kein Bild machen. Dabei haben gerade diese Menschen oftmals eine spannende Geschichte zu erzählen. Durch unser Projekt sollen blinde und sehbehinderte Menschen ihre eigene Lebenssituation reflektieren, sich selbst besser erkennen und Vergangenes aufarbeiten. Durch die biografischen und literarischen Texte lassen sie nicht nur die sehende Öffentlichkeit an ihrer Welt teilhaben, sondern erlernen auch neue Kompetenzen, die ihnen Anerkennung und Selbstbewusstsein bringen. So wird ein oft wenig wahrgenommener Teil unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt und Vorurteile, Ausgrenzungstendenzen und Berührungsängste werden nachhaltig abgebaut. Die Autorinnen und Autoren können neue Perspektiven auf die Welt entdecken, für die meisten ist es eine Herausforderung sich beim Schreiben von ihrer visuellen Wahrnehmungswelt zu verabschieden und neue Wege zu finden, sich im fiktiven Raum zu orientieren. Im Pilotprojekt empfanden viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer das als eine bereichernde Erfahrung.

Literatur für neue Perspektiven

Was geschrieben wird, soll auch immer jemand lesen. An wen richten sich die Texte, die Ihr veröffentlicht, und wo kann man sie überhaupt lesen?

Das Projekt soll eine breite literarisch interessierte Öffentlichkeit erreichen, aber auch die blinden und sehbehinderten Menschen selbst, die aktiv an dem Projekt teilnehmen können, sowie Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die neue Perspektiven kennen lernen möchten. Alle Informationen sind auch auf dem Blog „Biografie-Paten“ zu finden. Die neun entstandenen Kurzgeschichten und Erzählungen werden auf großen und kleinen Lesebühnen in Berlin weiter vorgetragen. Darüber hinaus wird das Buch „Literatur aus dem Dunkeln“ zum Projekt im Februar 2014 erscheinen.

Im Herbst habt Ihr auch Lesungen veranstaltet. Wo fanden diese statt und wie war die Resonanz?

Auf die Lesungen „Literatur aus dem Dunkeln“ haben wir derart positive Resonanz bekommen, dass wir beschlossen haben, das Projekt auf eine höhere Ebene zu heben und berlinweit bzw. bundesweit durchzuführen. Zur Premiere lasen Larissa Boehning, Elisabetta Abbondanza und Daniela Preiß für ca. 50 Gäste im Kulturcafé des Nachbarschaftsheims Schöneberg. Davor fand ein philosophisches Café statt, in dem Lutz von Werder mit den anwesenden Biografie-Paten und Autorinnen und Autoren über die Philosophie der Biographie reflektierte. Die zweite Lesung fand mit ca. 70 Gästen in der ufa-Fabrik statt, dieses Mal mit Jutta Heinze, Michaela Gericke und Birgit Schönberger. Im Anschluss fand eine moderierte Fragerunde statt, in der sich die Autorinnen, Autoren und Biografie-Paten vorstellten sowie die Entstehung der Kurzgeschichten und Erzählungen kommentierten. Die nächste Lesung findet am 14. Februar 2014 in der Buchhandlung Thaer in Berlin statt.

Hinter dem Projekt steht der Schibri-Verlag. Magst Du uns ein bisschen über diesen Verlag erzählen?

Eine zentrale Säule des Schibri-Verlags ist das kreative Schreiben. In diesen Bereich passt auch das Biografie-Paten-Projekt hinein. Der Schibri-Verlag ist ein Fachverlag für Theaterpädagogik, Kreatives Schreiben und praktische Philosophie. Er verlegt Bücher in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg Vorpommern. Die Weiterentwicklung von Literatur, Kultur und Wissenschaft im Nordosten der Bundesrepublik Deutschland bildet einen Schwerpunkt in den Verlagspublikationen.

Bundesweite Ausweitung des Biografie-Paten-Projekts geplant

Du bist durch eine Weiterbildung zum PR-Juniorberater zum Schibri-Verlag gekommen. Was ist das für eine Ausbildung?

Die Frankfurter Stiftung für blinde und Sehbehinderte bildet seit 1995 blinde und sehbehinderte PR-Schaffende aus. Das Ausbildungskonzept hat sich bewährt. Es öffnete bereits etwa 50 blinden und sehbehinderten Medienschaffenden die Tür zu einer neuen beruflichen Perspektive. PR-Juniorberater und -beraterinnen schreiben Pressetexte, Reportagen oder bearbeiten Interviews. Ihre Beiträge werden dann weiter in die sozialen Netzwerke, Presseagenturen und die Redaktionen von Rundfunk und Printmedien gereicht. Der Schibri-Verlag hat mir in Berlin einen Volontariatsplatz zur Verfügung gestellt, um das Biografie-Paten-Projekt ins Leben zu rufen.

Deine Ausbildung geht ihrem Ende entgegen. Wie geht es danach mit den Biografie-Paten und Dir weiter?

Natürlich werde ich das Biografie-Paten-Projekt weiter entwickeln. Es ist mein inklusives Literaturprojekt-Baby. In den Bereichen biografisches und kreatives Schreiben sowie der Zeitzeugenarbeit sehe ich ein weiteres Feld der Betätigung für mich. In den nächsten Monaten geht es um die Netzwerkbildung. Gemeinsam mit dem Institut für kreatives Schreiben e.V. in Berlin sowie Behinderten-, Blinden- und Sehbehinderten-Organisationen möchte ich ein berlinweites bzw. bundesweites Biografie-Paten-Projekt initiieren.


Über Andreas Brüning:

Brüning ist Ideengeber des inklusiven Literaturprojektes Biografie-Paten. Seit seiner Geburt ist er sehbehindert. Sein Erst-Studium schloss er im Bereich der Sozialpädagogik/Sozialarbeit ab. Des Weiteren hält er einen Master in Wissenschaftsmarketing in Händen. Ab Februar 2014 wird er zudem PR-Juniorberater sein. Er hat Berufserfahrung im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an einer Hochschule sammeln können. Seit 1993 ist er als Anleiter für biografische und kreative Schreibgruppen tätig sowie freiberuflich als Erwachsenenbildner im Bereich Autogenes Training sowie achtsamkeitsbasiertes Coaching und Training.


Linktipps:
Das Literaturprojekt „Biografie-Paten“
Die andere Weltsicht – Blinde in der Literatur. Ein Feature im Deutschlandradio Kultur
Welten entdecken – warum blinde Menschen gerne lesen. Ein Blogbeitrag von Domingos de Oliveira über Bücher für Blinde
Blindheit in den Medien: Die blinde Liebe. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die Darstellung von Blindheit in Literatur und Film


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Kassandra Claudia Henao

finde sehr interessant die inneren wellt durch das schreiben ins licht zu bringen und gerade für Leute deren Augen nach innen gerichtet sind.

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