Inklusion

Vorstellungsgespräche fürs Leben

Wow, du hast ja viele Sachen in Pink!“ – Ein Satz, mit dem man nicht unbedingt jedes Vorstellungsgespräch beginnen sollte, aber jetzt lachen wir beide. Das erste Eis ist gebrochen, und für mich ist das der beste Anfang des Einstellungsgesprächs. Aber ich suche schließlich auch keine Mitarbeiter für ein Unternehmen. Ich stelle Leute ein, um mein Leben zu führen.

Bloggerin Tanja Kollodzieyski (r.) mit Assistentin: Sympathie ist das wichtigste Maß bei der Jobvergabe

Anna Spindelndreier / Aktion Mensch

Mein Unternehmen ist mein Leben. Dieses Motto, das für die meisten anderen Menschen zwischen Inspiration und leeren Worthülsen hin und her schwingt, gilt für mich wortwörtlich und damit natürlich auch im Umkehrschluss. Mein Leben ist (m)ein Unternehmen. Aufgrund starker körperlicher Einschränkungen kann ich viele Sachen nicht selbst erledigen, deswegen brauche ich Assistenten, die mir helfen, mein Leben so uneingeschränkt wie möglich zu führen. Diese Tatsache bringt mich auch immer wieder in die ungewohnte Lage, Einstellungsgespräche zu führen.

Sympathie als Einstellungskriterium

Die größte Herausforderung dabei ist, dass ich mich dabei auf keine allgemeinen Einstellungskriterien stützen kann. Fachwissen und Erfahrungen bringen zwar auch im Assistenzbereich keine Minuspunkte, aber sie helfen eben auch nicht unbedingt weiter. Der beste Lebenslauf bedeutet nichts, wenn man nicht auf der gleichen Wellenlänge liegt. Letztendlich ist und bleibt die Sympathie gegenüber den Bewerbern das wichtigste Maß, was ich bei der Jobvergabe zur Verfügung habe.

Dieses Merkmal versuche ich auch gleich in die Ausschreibungen einfließen zu lassen, indem ich darum bitte, dass Interessenten mir einfach eine lockere Email mit Infos über sich schreiben, anstatt einer formalen Bewerbung. Diese Anforderung ist erstaunlicherweise für die Meisten gleich die erste große Hürde, die sie überwinden müssen. Den meisten Mails merkt man direkt an, wie sehr die Schreiber verunsichert waren, weil sie sich nicht auf Standardformen verlassen konnten.

Beim Probearbeiten alle Hüllen fallen lassen

Ich muss dann immer ein bisschen lächeln, wenn ich bemerke, wie schwer es für die meisten Menschen ist, fremden Leuten etwas über sich zu erzählen. Das ist auch etwas, was man relativ schnell lernt, wenn man das eigene Leben zum Unternehmen machen muss. Schon die Stellenbeschreibung besteht naturgemäß aus einer Listen an Dingen, die ich nicht tun kann, und ist damit privater als das, was die meisten Menschen ihren Freunden anvertrauen. Davon abgesehen, dass die meisten Bewerbungsgespräche in meinem Wohnzimmer stattfinden und auf diese Weise sowieso jede Menge über mich verraten wird. Wenn es zum Probearbeiten kommt, ist es für mich ohnehin an der Zeit, alle Hüllen fallen zu lassen.

Auf diese Weise wird jedes Vorstellungsgespräch für mich zu einer Präsentation meines Lebens. Das mag für viele befremdlich klingen, aber in Wahrheit bringt es immer auch eine große Chance mit sich. Wer keine Möglichkeit hat, sich zu verstecken, erinnert sich wieder leichter an den folgenden Grundsatz: Fremde Menschen sind auch nur Menschen, denen man bisher noch nicht begegnet ist.

 

 

Linktipps:

Gar nicht so einfach: Leben mit Assistenz. Anastasia Umrik über tolle und schwere Momente im Leben mit Assistenz

Leben mit persönlicher Assistenz. Petra Strack über den Unterschied zwischen Betreuung und Assistenz

Ziemlich beste Assistenten. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über den Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“ und das Leben mit persönlicher Assistenz

Tanzende Herzen. Mareice Kaiser und Anastasia Umrik über ihre erste Begegnung – aus ihrer jeweiligen Perspektive

Behinderung ausgeblendet. Mirien Carvalho Rodrigues über Begegnungen in ihrem Job, bei denen ihre Blindheit kein Thema ist

Auf einen Abend in der Sushi-Bar. Blogbeitrag von Wiebke Schönherr über ein Treffen von drei besten Freundinnen – von denen eine Rollstuhl fährt

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