Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Vorbildlich oder schicksalhaft?

Gedanken zu meiner Rolle als Autorin mit einer Behinderung

Autorin Marie Gronwald Foto: privat

Schreiben als Psychotherapie?

Menschen, die denken, ich würde mich über meine Geschichten mit meiner Behinderung auseinandersetzen, haben wahrscheinlich auf eine Weise Recht damit, denn ich habe mein Schriftsteller-Sein mit Veröffentlichungen über mein Leben mit einer Behinderung begonnen. Schon damals war ich in einem Zwiespalt, denn ich wollte nicht nur die Rollstuhlfahrerin sein, die ihre Behinderung literarisch verarbeitet und als gut geschriebene, schöne Erfahrungsberichte an ihre Leser weiter gibt. Ich wollte Geschichten erzählen. Neben meiner literarischen und journalistischen Auseinandersetzung mit meiner Behinderung ist es mir immer auch wichtig, Dinge zu machen, die nichts mit meinem Rollstuhl zu tun haben. Das zu tun, fällt mir schwer, denn was sieht man auf einer Lesung als Erstes? Meinen Rollstuhl.
Ich glaube, für mich ist es gar nicht so schlimm, dass meine Behinderung für die Leute so wichtig ist. Nur wenn sie zu viel Gewicht in Hinblick auf den Besuch beispielsweise einer Lesung bekommt, wenn ich also das Gefühl habe, mein Publikum ist nicht gekommen, um meinen Texten zuzuhören, sondern nur, damit sie mich als Rollstuhlfahrerin sehen und mir persönliche Fragen stellen können, wird es anstrengend. Über die Jahre tauchten immer ähnliche Fragen und Reaktionen auf. Sie lassen sich in vier Kategorien einteilen (ups, jetzt teile auch ich ein):

Mitfühlende Fragen

"Wie schaffen Sie es in Ihrer Situation nur, so positiv und glücklich zu sein?" Vorausgegangen ist dieser Frage meist die Bemerkung: "Ihr Buch macht so viel Mut und Hoffnung, ganz toll! Jetzt weiß man endlich einmal, wie Rollstuhlfahrerinnen sich fühlen." Damit das nicht falsch verstanden wird: Ich bin sehr neugierig auf Reaktionen und Meinungen von Menschen, und besonders, wenn sie meine Geschichten hören. Ich finde es nur schwierig, wenn ich als die einzige und über alles Bescheid wissende Rollstuhlfahrerin und Behinderte betrachtet werde und mir so allgemeine Fragen zum Leben und meinen Lebenseinstellungen gestellt werden, über die ich erst einmal selbst nachdenken muss oder die so pauschal sind, dass ich sie nicht so allgemein beantworten kann und möchte.

Persönliche Fragen

"Wie gehen Sie auf die Toilette?" "Haben Sie eine Beziehung, oder sind Sie verliebt?" "Haben Sie noch andere gesundheitliche Probleme?"

Gesellschaftspolitische Fragen

Für mich sehr schwierig und daher oft amüsant sind auch allgemeine Fragen zum sozialen und politischen Status von Behinderten in der Gesellschaft. So wurde ich einmal gefragt: "Wie ist Ihre Meinung zu Präimplantationsdiagnostik?" oder "Wie schätzen Sie die aktuelle gesellschaftliche und politische Lage von Behinderten in Deutschland ein?"

Aufmunternde Bemerkungen

"Wann kommt das nächste Buch? Sie müssen weitermachen. Man will doch noch mehr lernen." "Ihr Buch ist pädagogisch wertvoll." "Sie sind so tapfer, humorvoll und positiv. Bleiben Sie weiterhin so fröhlich, offen und sympathisch." Auffällig gerade bei den letzten beiden Arten von Fragen und Kommentaren finde ich, dass die meisten Menschen, die mir diese Frage stellen, keine Behinderung haben, und wenn, dann meist nur indirekt als Bekannte oder Freundin oder Lehrerin mit Menschen mit Behinderung in Kontakt sind. Ich glaube, ich diene solchen Menschen dann als Projektionsfläche, um ihr selbst eingeredetes schlechtes Gewissen gegenüber Menschen mit Behinderung zu beruhigen, weil es ihnen nach eigener Aussage im Vergleich zu mir doch noch so gut geht. Ich versuche dann zu erklären, dass mein Rollstuhl nur sehr wenig damit zu tun hat, ob es mir schlecht oder gut geht, abgesehen von ganz konkreten Problemen, wie kaputten Fahrstühlen oder nicht rollstuhlgerechten öffentlichen Gebäuden.

Das Problem der Kategorisierung

Wie gesagt, ich freue mich über Reaktionen und Meinungen zu meinen Texten, und natürlich habe ich bewusst extreme Beispiele gewählt, um zu zeigen, wie mein persönliches Leben mit meiner Rolle als Autorin verknüpft wird. Ich finde, dass ich immer noch sehr durch meine Behinderung betrachtet und weniger als Person wahrgenommen oder durch das, was ich tue. Ich glaube, das ist ein genereller Hang von Menschen, ihr Gegenüber in vorgefertigte Sichtweisen und Muster zu stecken.

Der Mensch mit Behinderung zwischen Opfer und Held

Gerade bei Menschen mit Behinderung gibt es, was die Darstellung in den Medien angeht, zu viel Schwarz-Weiß-Denken und zu wenige Graustufen. Neulich habe ich über Facebook den Hinweis auf eine Autorin mit einer tödlich verlaufenden Krankheit bekommen, die gerade ihr "erfolgreiches Buch" als Hörbuch aufgenommen hatte. Die Marketingstrategie des Verlages bestand darin, mit einem Werbevideo zu zeigen, wie sie vom Krankenbett aus das Hörbuch aufnimmt. Die Betonung des Krankenzimmers wurde auch im Werbevideo und Text deutlich hervorgehoben. Solche Beispiele der Darstellung von Behinderung in der Öffentlichkeit zwingen mich dazu, häufig über meine Rolle als Autorin mit einer Behinderung nachzudenken und auf eine für mich angemessene Darstellung meiner Person zu achten. Ich weiß aber auch, dass ich die Möglichkeit habe zu verhindern, dass ein Besucher meiner Lesung dem nächsten Rollstuhlfahrer, den er trifft, über den Kopf streichelt.


Linktipps:
Streicheleinheiten, Schokolade und schöne Sprüche. Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über Begegnungen in der Vorweihnachtszeit
Behindert und Baby? Ein Blogbeitrag von Marie Gronwald über die Vereinbarkeit von Behinderung und Kinderwunsch
Berührungsängste abbauen. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über Probleme im Umgang mit Menschen mit Behinderung

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