Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Vom Austausch bis zum Fernstudium

Durch die Nutzung des Internet wird vieles möglich – für Menschen mit und ohne Behinderung.

Ich erinnere mich daran, wie ein Freund mal sein Modem zu mir brachte, um mir zu zeigen, „wie denn dieses Internet so funktioniert“. Das muss wohl vor zirka 20 Jahren gewesen sein. Wir verlegten ein langes Telefonkabel quer durch die Wohnung und stöpselten das Modem an meinen Computer im Kinderzimmer. Mit dem Wissen, dass sich mir gerade die weite Welt geöffnet hat, druckte ich alle Alf-Zitate und Blondinenwitze aus, die ich finden konnte – knapp 300 Seiten. Damit hatte sich der Nutzen von diesem Internet für mich auch schon erklärt. Ich war mir sicher, es in zwei Stunden erfolgreich all dessen beraubt zu haben, um das es mein Leben bereichern könnte.

Da lag ich wohl falsch. Zehn Jahre später erfüllte ich mir meinen Traum, Character Animator zu werden. Ich schrieb mich in eine kalifornische Filmschule ein und lernte über die nächsten zwei Jahre von Filmgrößen aus Studios wie Disney, Pixar und DreamWorks, wie man Animationsfilme erstellt. Ich saß mit meinen Lehrern und Mitstudenten bis tief in die Nacht zusammen, um die Grundlagen und Techniken zu erlernen und meine eigenen Versuche vorzuzeigen. Bis tief in die Nacht deshalb, weil ich an meinem Schreibtisch in Deutschland saß, meine Mitstudenten hingegen in Italien, Norwegen, Australien und Brasilien und unsere Lehrer in Los Angeles, San Francisco oder San Diego. Die Videokonferenz und der Chat room brachten uns aus aller Welt zusammen. Das war vor fast zehn Jahren. Seitdem habe ich je nach Lust und Bedarf entweder vor Ort in Filmstudios gearbeitet oder von zu Hause aus. Dann sorgten Skype und FTP-Programme für die Kommunikation mit dem Regisseur und den Datenaustausch.

Bildung erwünscht?

Kostenlose und professionelle Kursangebote fassen überall im Internet Fuß, und die Nachfrage ist enorm. Noch sind es hauptsächlich Universitäten aus den USA mit Angeboten wie z. B. coursera, edX und udacity. Deutschland hinkt noch hinterher, ist aber klar auf den Geschmack gekommen, wie Angebote von iversity zeigen: Von Genetik über Marketing hin zur Agrarwirtschaft wird schon vieles bedient. Wer Interesse an Fremdsprachen hat, der wird unter anderem beim brillanten duolingo und bei memrise fündig und im wortwörtlichen Sinne unter den Lernangeboten begraben.

Im Moment hakt es noch an zwei Punkten: Aufgrund der weltweiten Nachfrage sind die Kurse in den meisten Fällen in englischer Sprache, selbst die aus deutschen Schulen. Und sie bedienen das reine Interesse der Teilnehmer an der Materie – anerkannte Abschlüsse gibt es noch selten. Wer die will, muss oft für eine Abschlussprüfung vor Ort präsent sein und auch eine Prüfungsgebühr auf den Tisch legen. So hatte ich letztes Jahr mein Zertifikat zum Fitnesstrainer erhalten (und war sicherlich einer der Ersten, der im Rollstuhl zur Prüfung erschienen ist).

Arbeiten von zu Hause

Beruflich sieht es ähnlich aus: Vieles lässt sich mittlerweile im Home Office erledigen. Klar, wer gerne Kinobesitzer oder Koch wäre, hat hier vielleicht schlechte Karten. Alles geht eben doch nicht, einiges aber schon. Und warum auch nicht – jeder Computerarbeitsplatz, der nicht an direkten Kundenverkehr gebunden ist, ist zu Hause genauso gut aufgehoben wie im Büro. Manchmal sogar besser. Als Animator werde ich oft sogar besser bezahlt, wenn ich zu Hause bleibe, statt die Raum-, Strom- und Kaffeekosten des Studios in die Höhe zu treiben. Aber vielleicht bin ich ja auch eine privilegierte Ausnahme?!

Kontakte und Austausch

Vor 20 Jahren habe ich neben dem Internet auch das erste Mal jemanden kennengelernt, die die gleiche Muskelerkrankung hatte wie ich. Für mich war das ein magischer Moment. So viele Fragen, die ich loswerden konnte. So viel Erleichterung, weil ich sah, dass es dieser Person, die einige Jahre älter war als ich, körperlich noch sehr gut ging. Ein paar Jahre später konnte ich die Zahl während einer Reha auf ganze drei Personen erhöhen. Heute, dank Internet, sind es fast 500 Personen in meinem Netzwerk, die dieselbe Muskelerkrankung haben, und mit denen ich täglich in Kontakt sein kann, um mich mit ihnen auszutauschen.

Aber es muss ja nicht nur um die Behinderung gehen. Bei meinen Nachforschungen, wie ich denn an einen Flugschein kommen könnte, bin ich schnell auf eine querschnittsgelähmte Paragliderin aufmerksam geworden. Und die ist jetzt auch nur eine E-Mail entfernt. Das Internet bietet nur noch wenige Ausreden für viele unserer nicht gelebten Träume. Wir können fast alles herausfinden, mit fast jedem ins Gespräch kommen, lernen, was wir wollen, arbeiten, wo wir können. Und wenn es doch mal nicht so gut läuft, eben lustige Katzenvideos auf YouTube anschauen.


Linktipps:
eLearning als Chance für Menschen mit Behinderung. Ein Blogbeitrag von Domingos de Oliveira über Online-Weiterbildungsangebote für Menschen mit Behinderung
Internet und Sinnesbehinderung: Viele Chancen, viele Barrieren. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über Möglichkeiten und Hindernisse des Internets
„Wir gehen online“. Ein Interview im Blog von Katja Hanke über Seminare, in denen Menschen mit Lernschwierigkeiten lernen, wie sie das Internet nutzen können
Mit eLearning zu barrierefreien Unis. Ein Interview im Blog von Eva Keller mit Prof. Gerhard Weber über Barrierefreiheit durch neue technische Möglichkeiten an den Hochschulen

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