Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Voller Einsatz – für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe

Am Aktionstag 5. Mai gründete sich in Rostock ein neuer Verein, der sich für ein gleichberechtigtes Miteinander aller Menschen engagieren will. Die Rostockerin Deike Ludwig ist eine der Initiatorinnen.

Deike Ludwig bei der Vorstellung des Vereins: Stoßtruppe sein Foto: Margit Glasow / thalmannverlag!

Im Sommer wird Deike Ludwig ihn in der Tasche haben – den Masterabschluss für Sonderpädagogik. Dann liegen sieben harte Jahre hinter ihr. Denn als Rollstuhlfahrerin in Rostock zu studieren, ist hinsichtlich der Voraussetzungen in puncto Barrierefreiheit nicht ganz einfach. Die Fakultäten liegen räumlich sehr weit auseinander, so dass sie viel Zeit benötigt, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Hinzu kommt, dass eine Reihe von Vorlesungs- und Seminarräumen keinen barrierefreien Zugang für Rollstuhlfahrer hat. Oft musste sich die junge Frau deshalb mit dem Verantwortlichen für die Raumvergabe auseinandersetzen, damit Seminare und Vorlesungen in Räume verlegt wurden, in die sie mit ihrem Rollstuhl hineinfahren konnte. Das war allerdings nur teilweise realisierbar, denn es gibt an der Rostocker Uni nur eine begrenzte Anzahl an Räumen mit der notwendigen Platzkapazität.

Schon viel erreicht – dank Persönlichem Budget

So bescherte das Studium Deike nicht nur Büffeln und Pauken, sondern auch viel organisatorischen Kram, mit dem sie sich herumschlagen musste. „Wäre es mir nicht gleich zu Beginn des Studiums gelungen, ein Persönliches Budget zu erkämpfen, mit dem ich mir Assistenten einstellen konnte“, so resümiert Deike heute, „wäre mir das Studium wohl überhaupt nicht möglich gewesen.“
Jetzt aber ist es fast geschafft. Es fehlt nur noch die Verteidigung der Masterarbeit im Bereich Sonderpädagogik. Bereits jetzt ist Deike unterwegs, um eine geeignete Stelle zu finden. Doch auch das erweist sich als ein Problem. Bisher bekam sie auf ihre fast 50 Bewerbungen nur Absagen. Ihr war zwar von Anfang an klar, dass sie als Rollstuhlfahrerin und mit einer leichten Sprachbehinderung nur begrenzte Chancen hat, als Lehrerin vor einer Klasse zu stehen, aber sie kann sich gut vorstellen, eine beratende pädagogische Tätigkeit auszuüben. Erfahrungen hat sie in dieser Hinsicht auch schon sammeln können. Als Projektmitarbeiterin der Beratungsstelle für behinderte und chronisch kranke Studierende an der Universität Rostock beschränkte sich ihre Mitarbeit dabei nicht nur auf das Aufzeigen der barrierefreien Zugänge, sondern sie setzte sich auch für die Anpassung von Studienzugangsmöglichkeiten, Prüfungsplänen, Vergabe von Nachteilsausgleichen für Studierende mit Behinderung und andere Dinge ein. Bei dieser Beratungstätigkeit war es ein großer Vorteil, dass sie die Probleme aus eigener Erfahrung kennt und so sehr kompetent wusste, welche Hilfen für den Einzelnen erforderlich waren. Umso frustrierender ist es jetzt für sie, wieder einmal zu erkennen, dass dem Gerede von der vollen Umsetzung von Inklusion in der Gesellschaft oft keine Taten folgen. „Es ist oft ein Widerspruch zwischen dem, was man propagiert, und dem, was die Wirklichkeit einem letztendlich bietet“, stellt Deike Ludwig nüchtern fest.

Rostocker Verein hat viel vor: Impulsgeber und Ansprechpartner

Doch die junge Frau lässt sich nicht entmutigen. Sie sucht weiter nach einer für sie passenden Arbeitsstelle. Darüber hinaus will sie sich für andere in ähnlichen Situationen engagieren und sich unter anderem für eine Hochschule für alle einsetzen. Deshalb hat sie jetzt zusammen mit anderen Aktiven mit und ohne Behinderung den Verein „Rostocker für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe“ gegründet. Die Vereinsmitglieder wollen konkret daran arbeiten, Missstände aufzudecken und mit den Verantwortlichen in der Stadt ins Gespräch zu kommen. Sie verstehen sich dabei als Impulsgeber und Ansprechpartner, um auf der Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention für das Recht aller Rostocker Menschen – unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer oder sozialer Herkunft, von Geschlecht oder Alter – auf gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft einzutreten. Sie wollen zusammenführen, netzwerken, anschieben. Also so etwas wie eine Stoßtruppe sein, wenn es darum geht, die bestehenden Barrieren in baulichen, kommunikativen, rechtlichen und administrativen Bereichen sowie die Blockaden in den Köpfen zu überwinden. Dabei wollen die Vereinsmitglieder ihre Kompetenz nutzen, Experte in eigener Sache zu sein.

Nachdem der Verein sich am 5. Mai, dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, erstmals öffentlich in der Stadt vorgestellt hat und neue Mitglieder werben konnte, lädt er nun am 22. Mai zum ersten Inklusionsstammtisch in der Stadt ein. Dort wollen die Vereinsmitglieder mit Vertretern aus Politik, Bildung, mit Vereinen und Institutionen ins Gespräch kommen, um sich in ganz ungezwungener Atmosphäre einander anzunähern, um gegenseitiges Verständnis zu ringen und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Dieser Stammtisch soll in Zukunft regelmäßig in der Stadt stattfinden, um das Wort Inklusion alltagstauglicher für die Praxis zu machen. Denn nur im täglichen Miteinander können wir alle mehr darüber erfahren, was der andere an Unterstützung braucht, welche Kompetenzen er aber auch in die Gesellschaft einbringen kann.


Linktipps:
Wie kann eine inklusive Gesellschaft gelingen? Wir brauchen Ihre Ideen und Statements im Café der Inklusion!
Das Handlungsfeld Barrierefreiheit der Aktion Mensch
"Ein Stück weit Utopie". Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Inklusion an deutschen Hochschulen
Unterstützung nach Maß? Persönliches Budget und Assistenz. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über mehr Selbstbestimmung und stärkere Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
Trommeln, Tanzen, Theaterspielen für die Inklusion – reicht das aus? Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über den Protesttag 5. Mai 2014 in Rostock

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?