Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

"Viel Persönlichkeit hineingelegt“

Oskar und Gustav Eriksson, die beiden Protagonisten aus „Zwillingsbrüder. 53 Szenen einer Kindheit“ haben eine Woche in Deutschland verbracht. Sie begleiteten ihren Onkel und Regisseur des Films, Axel Danielson, sowie den Film in die Festivalstädte Wiesbaden, Biberach, Erlangen, Freiburg und Mainz. Im schönen, altehrwürdigen und trotzdem barrierefreien Mainzer Capitol Kino habe ich die drei „Jungs“ aus Schweden zum Gespräch getroffen.

Oskar, Gustav, der Titel des Films lautet „Zwillingsbrüder. 53 Szenen einer Kindheit“. Welche der 53 Szenen gefällt euch besonders gut und welche mögt ihr eher nicht?
Gustav Eriksson: Mir gefällt die Szene, in der wir gemeinsam im Zimmer sitzen und über unsere Zukunft sprechen, am besten. Welche Szene mir nicht gefällt, könnte ich jetzt spontan nicht sagen.
Oskar Eriksson: Ja, die Szene, in der wir uns unterhalten, gefällt mir auch sehr gut. Und ich mag die Szene, in der Gustav mit seiner Dohle zu sehen ist, die neben ihm herfliegt oder beim Mopedfahren auf seiner Hand sitzt. Die Szene, in der ich beim Arzt zu sehen bin und danach die Einstellung im Krankenhaus, als ich operiert werde, gefällt mir nicht besonders.

Axel, wie kam dir die Idee zu deinem Film über deine beiden Neffen?
Axel Danielson: Ich habe 1999 mit dem Projekt begonnen. Damals war ich 22 Jahre alt. Ich hatte angefangen an der Filmhochschule zu studieren und hörte von dem russischen Filmemacher Nikita Michalkow, der eine Langzeitstudie über seine Tochter gedreht hatte. Das inspirierte mich, denn nach meinem Empfinden war dies eine fantastische Weise, einen Film zu drehen. Der Film zeigte, wie sich ein Mädchen zu einer Frau entwickelt. Also fragte ich meine beiden Neffen, als sie neun Jahre alt waren, ob sie Lust an solch einem Projekt hätten. Und sie stimmten mit Begeisterung zu.

Gab es bei dir damals schon einen Plan für den Film, eine Art Drehbuch?
Axel Danielson: Oskars und Gustavs Mutter ist meine Schwester. Ich bin mit den Jungs in einer Familie aufgewachsen. Der Startpunkt des Projekts war die Tatsache, dass die Söhne meiner Schwester Zwillingsbrüder sind und trotzdem total unterschiedlich. Nicht nur körperlich – der eine ist klein, der andere groß – sondern auch mental und in der Art und Weise, wie sie sich der Welt nähern. Das wollte ich mit der Kamera festhalten.

Also spielt die Tatsache, dass Oskar kleinwüchsig ist, weder im Film noch in der Beziehung der beiden Brüder eine große Rolle?
Axel Danielson: Im Laufe des Projekts und je weiter ich in Oskars und Gustavs Welt eintauchte, wurde mir zunehmend klar, dass die Unterschiede zwischen den beiden auf ihren Persönlichkeiten beruhen und nicht auf ihrer Körperlichkeit. Deshalb bin ich auch sehr glücklich darüber, dass das Filmfestival „überall dabei“ sich als inklusiv versteht. Die Ausgrenzung und die Betonung der Unterschiede, beispielsweise mit Blick auf Oskar, kommt ganz häufig von außen. Aber wenn man sich innerhalb der Geschichte befindet, gibt es diesen Unterschied und die Ausgrenzung nicht.

Ist der Film deshalb auch in erster Linie ein Film über das Heranwachsen geworden?
Axel Danielson: Ja, auf jeden Fall. Er ist ein „Coming-of-age“-Film und nicht ein Film über Oskars Behinderung oder Behinderung überhaupt.

Oskar, Gustav, ist die Tatsache, dass Oskar kleinwüchsig ist, in eurer brüderlichen Beziehung von Bedeutung?
Gustav: Irgendwie hat ja alles eine Bedeutung. Aber für uns ist die Situation nichts fremdes. Für uns ist es so wie es ist, ganz gewöhnlich, ganz normal.
Oskar: Nein, es hat keine besondere Bedeutung. Vermutlich auch deswegen, weil es ja nicht wirklich ein großes Problem ist.

Euer Onkel hat euch zehn Jahre lang mit der Kamera im Alltag begleitet. Wie habt ihr das erlebt?
Gustav: Zu Beginn als wir Kinder waren, war es vor allem sehr spaßig für uns. Axel ist uns überallhin gefolgt und wir konnten ihm dies und jenes zeigen, was uns beschäftigt hat. Aber sehr schnell gewöhnten wir uns an die Kamera und es war nichts Außergewöhnliches mehr. Wir wussten immer, dass die Kamera eingeschaltet ist, aber es hat uns nichts ausgemacht.

Oskar, zu Beginn des Films, als Neunjähriger, sagst du: „Ich möchte lange leben und mein Leben soll Spaß machen.“ Wie ist es heute, macht dir das Leben Spaß?
Oskar: Ja, mir macht das Leben Spaß. Wie man im Film sieht, gab es auch Zeiten, in denen ich manchmal frustriert war und mich fast alles langweilte, etwa mit 15 Jahren, als Jugendlicher. Aber jetzt genieße ich es, viele Freiheiten zu haben und entscheiden zu können, was ich mit meinem Leben anstellen will. Ich fühle mich frei und ich empfinde mich als sehr glücklichen Menschen.

Axel, ist das Projekt „Zwillingsbrüder“ für dich abgeschlossen? Oder wird es in zehn Jahren einen zweiten Teil der „Zwillingsbrüder“ geben?
Axel Danielson: Naja, das hängt wohl vor allem von Gustav und Oskar ab und von der Frage, ob sie sich eine Fortsetzung des Projekts vorstellen können. Eigentlich wäre es nur fair, wenn die beiden jetzt einen Film über mich drehen würden. Aber im Ernst, was die beiden in den Film hineingelegt haben, wie viel sie von ihrer Persönlichkeit preisgegeben haben, das ist einfach unglaublich. Es ist ja so: Wenn man einen Dokumentarfilm über Menschen dreht, dann benutzt man diese Menschen auch in gewisser Weise. Das ist eine Tatsache und zugleich ein Problem. Ich werde eine Fortsetzung deshalb nicht forcieren. Der Wunsch danach müsste schon von den beiden kommen. Das wirklich Schöne an der Geschichte ist aber, dass Oskar und Gustav es als Bereicherung empfanden, dass sie während der ganzen Zeit ihres Heranwachsens von einem Erwachsenen begleitet wurden, der sich wirklich für sie interessiert hat. Jedenfalls sagen sie das. Und dieser Erwachsene war ich mit meiner Kamera. Das macht mich glücklich.

Mehr Informationen zu "überall dabei".

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