Inklusion

Verstehen ist mehr als Hören

Meine Begegnung mit Hannah Tinten: Es ist gar nicht so einfach, uns auf einen Kaffee zu verabreden. Hannah steckt in den letzten Zügen zur Fertigstellung ihrer Bachelorarbeit, und mein Terminkalender ist wie gewöhnlich übervoll. Dabei würde ich gern mehr von ihr erfahren. Mehr als nur die Tatsache, dass sie ein Cochlea-Implantat (CI) trägt und immer sehr offen und interessiert auf Veranstaltungen erscheint. Aber unsere Begegnungen sind flüchtig.

Begegnung: Bloggerin Margit Glasow (l.) mit Hannah Tinten

Ich lernte Hannah kennen, als ich nach einem barrierefreien Veranstaltungsort suchte. Einen Ort zu finden, der für Rollstuhlfahrer geeignet ist, war gar nicht mal so schwer. Doch bei dem Versuch, für Menschen mit Hörbehinderung akzeptable Bedingungen zu schaffen, stieß ich schnell an Grenzen. Denn sowohl für die Beauftragung eines Gebärdensprachdolmetschers als auch für das Ausleihen einer Induktionsschleife fallen erhebliche Kosten an. Als kleiner Verein konnten wir die nicht aufbringen. Doch ich hasse es, von Inklusion zu reden und letztendlich doch wieder Menschen auszugrenzen. Was konnte ich also tun?

Auf der Suche nach einem barrierefreien Veranstaltungsort

Eine hörbehinderte Frau aus unserem Verein Rostocker für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe e.V. machte mich auf Hannah Tinten aufmerksam, eine junge Frau, die hier in der Stadt die Selbsthilfegruppe für Cochlea-Implantat- und Hörgeräte-Träger leitet. Hannah könnte mir vielleicht mit einer Induktionsschleife helfen, die ihre Selbsthilfegruppe mittels Fördermittel angeschafft hatte. Ich fand Hannah schnell auf Facebook und schrieb sie an. Und bei ihrer Antwort hatte ich sofort das Gefühl: Da ist jemand, der bereit ist, sich zu vernetzen, und selbst ein Stück dafür tun möchte, dass Menschen mit Hörbehinderung an dieser Gesellschaft teilhaben können.

Nun, Anfang Januar sitzt Hannah mir in einem kleinen Café gegenüber. Und ich bin überrascht, wie gut wir uns trotz des Stimmengewirrs, das in dem an diesem Nachmittag gut besuchten Café hin- und herfliegt, verständigen können. Hannah muss so gut wie niemals nachfragen, wenn ich etwas sage. Ihr rötlicher, kurzer Haarschopf schimmert im gedämpften Licht, während sie mit ihrer feinen, aber bestimmten Stimme von sich erzählt. Darüber, dass sie schon von Kindesbeinen an hochgradig schwerhörig war, auf dem rechten Ohr völlig gehörlos – vermutlich durch Toxoplasmose – und bereits mehrere, schon früh aufgetretene Hörstürze hatte. Dass sie beidseitig immer mit Hörgeräten versorgt gewesen war, bis zum Abschluss der Mittleren Reife keine Hörprobleme empfand und bis dahin die Regelschule besuchte. Erst im Abitur entschied sie sich für eine Schule für Hörgeschädigte, da keine Regelschule sie aufnehmen wollte.

Hannahs Entscheidung für ein CI

Hannah erzählt mir, dass Ärzte sie bzw. ihre Mutter immer wieder auf die Möglichkeit des CI hingewiesen hätten, sie sich jedoch nicht als CI-Kandidatin einstufte, da sie sehr gut in der Regelschule zurechtkam. Mit Beginn ihres Medizinstudiums wurde ihr bewusst, dass sie dies nur erfolgreich abschließen konnte, wenn sie auch ausreichend verstand. Sie entschied sich dafür, ihr rechtes Ohr mit einem CI versorgen zu lassen.

Doch zunächst konnte sie mit dem CI nur Geräusche differenzieren: Das Klacken von Stöckelschuhen trieb sie fast in den Wahnsinn. Selbst leises „Klack-Klack“, das Schellen einer Fahrradklingel oder das Ticken einer Uhr waren nicht zu ertragen. Ihr Gehirn kombinierte die Informationen vom CI auf der einen Seite und des Hörgerätes auf der anderen Seite einfach nicht zu einem Ganzen. Sie hatte den Eindruck, alles zweimal zu hören, aber trotzdem nichts zu verstehen. Es fiel ihr schwer, den Vorlesungen zu folgen. Nach fast einem Jahr genehmigte die Rentenversicherung ihren Reha-Antrag. Nach einem grottenschlechten Semester – in dem sie am Ende gar nichts mehr verstand – konnte sie in den Semesterferien zur Reha fahren.

Hier ging es endlich bergauf. Sie bekam professionelle Anleitung, ihr CI wurde Schritt für Schritt gut eingestellt und sie fand die nötige Balance zwischen CI und Hörgerät. Gegen Ende der Reha hörte sie mit CI und Hörgerät ungefähr gleich gut. Aber sie stellte auch fest, dass sie nun mit dem CI viel mehr Frequenzen hören konnte als mit dem Hörgerät, und genau das war es, was sie anfangs so gestört und verwirrt hatte.

Kompetenzen richtig nutzen

Doch trotz immer besseren Verstehens und größerer Lernerfolge gab Hannah ihr Medizinstudium auf und wechselte zu einem Studium der Biomedizinischen Technik. Sie wollte ihre gewonnene Kompetenz nutzen und zum Beruf machen: Menschen mit Hörbehinderungen, die sich für eine CI-Transplantation entscheiden, zu einem besseren Verstehen zu verhelfen. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass Hören allein nicht reicht. Auf das Verstehen kommt es an, und die Qualität der CI-Einstellung ist entscheidend. Wenn man nicht in der Lage ist, Sprache differenziert zu hören, kann man auch nicht angeben, wie die CI-Einstellung verändert werden soll.

Hannah hat inzwischen etwa 100 Bewerbungen geschrieben. Sie erzählt mir, wie schwierig es ist, als Akademikerin einen Job als CI-Technikerin zu bekommen: „Die bekommen meist Hörgeräteakustiker. Aber die haben nicht die gleiche Kompetenz für diese Aufgabe.“ Dabei hat Hannah doppelte Kompetenz: durch ihr Studium und durch ihre eigene (Fast-)Gehörlosigkeit.

Gestern habe ich über Facebook eine Nachricht von Hannah bekommen. Sie hat sich in Würzburg auf eine Stelle als Klinische Ingenieurin beworben und ist auf dem Weg zum Probearbeiten. Wird es ihr gelingen zu überzeugen, dass sie als Frau, die selbst mit einer Hörbehinderung lebt, größere Kompetenzen hat, wenn es darum geht, Menschen in ähnlicher Situation zu betreuen und optimal zu versorgen? Ich bin optimistisch.

 

Linktipps:

Mehr zum Thema Inklusion am Arbeitsplatz bei der Aktion Mensch

Technik als Motor der Inklusion? Interview mit Enno Park zum Thema „Technische Innovationen in den Lebenswissenschaften“ beim Zukunftskongress „Inklusion 2025“

Der Fall – oder: Wenn man uns ließe! Blogbeitrag von Anastasia Umrik über Hürden und Pauschalisierungen bei der Jobsuche

Lehrer mit Hörbehinderung. Blogbeitrag von Margit Glasow über einen Sonderpädagogen mit Hörbehinderung

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