Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

Unterhaltende Hände

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"BÄÄM! Der Deaf Slam" fand mit dem bundesweiten Finale in Hamburg seinen großen Abschluss. Den inklusiven Poetry Slam gewonnen hat Dawei Ni. Im Anschluss an das Finale lud die Aktion Mensch zu einer inklusiven Party mit vibrierender, lichtunterstützter Tanzfläche, Duft-DJ und visuellen Gestaltungskünstlern ein.

Großer Jubel im Festplatz Nord: Dawei Ni ist nach seinem Sieg beim Finale von "BÄÄM! Der Deaf Slam" in Hamburg. Aktion Mensch / Arne Weychardt

BUMM, BUMM, BUMM – der Bass dröhnt, die Tanzfläche vibriert, überträgt die Schwingungen in die Beine, in den Bauch. Der Mensch als Resonanzkörper „Wir brauchen Bass“ lautet das Motto, so könnte man meinen, bei der Party nach dem Finale von BÄÄM! Der Deaf Slam im Festplatz Nord in Hamburg. Hunderte Menschen tanzen, lassen sich treiben, haben Spaß. Düfte wehen herüber. Eine Aroma-DJane verzückt die Nase, visuelle Künstler projizieren Kreise und Tropfen in rot und blau auf eine Leinwand. Im Anschluss an das Finale von BÄÄM! Der Deaf Slam hat die Aktion Mensch zur inklusiven Party eingeladen –, so dass alle Zuschauer die Feier gemeinsam erleben können.

Gebärden, Gestik, Mimik – visuelle Poesie

BÄÄM, BÄÄM, BÄÄM – so knallte am Wochenende eine poetische Salve nach der anderen heraus. Beim Finale des Deaf Slam zeigten die zwölf Teilnehmer aus den lokalen Wettbewerben was sie drauf haben: Gebärden, Gestik, Mimik – visuelle Poesie, bei der die Dichtern in den Raum greifen. Dawei Ni aus Hamburg-Horn gelingt das in fünf Minuten am besten. Er gewinnt „BÄÄM! Der Deaf Slam“, Deutschlands erstem Poetry Slam-Wettbewerb für Gehörlose und Hörende. Nun reist er zu einem Slam nach New York. Doch daran denkt er noch gar nicht. Ganz bescheiden will der 33-Jährige „nur ein bisschen mit seinen Freunden feiern und einen schönen Abend verbringen“, wie er nach dem Sieg gebärdet. Für ihn seien alle Beiträge toll gewesen, alle hätten gewonnen.

Poetry aus Hessen und Australien

Doch nicht nur die Künstler feuern ihre Gedichte ab. Auch die featured poets Lars Ruppel aus Gambach in Hessen und Rob Roy aus Australien unterhalten das Publikum mit ihren Worten und ihren Händen. Der Witz und Charme springen sofort über. Liegt es am vollen Körpereinsatz, mit dem Roy sich durch die (Sprach-)Kulturen robbt, rast und den Stolz der Gehörlosenkultur betont? Oder an der witzigen Geschichte Ruppels von „Holger, der Waldfee“? Egal, beide sind verdammt gut. Das findet auch das Publikum und schüttelt die Hände in der Luft, das Zeichen für Applaus in der Gebärdensprache.
Die Zuschauer bestehen an diesem Abend aus vielen Menschen mit Hörbehinderung, aber auch Hörenden. Mehr als 350 Menschen schauen der inklusiven Veranstaltung zu, lassen sich begeistern, staunen über die Vielfalt der Ausdrücke.

Selbstbewusste Kultur

Es gibt viel zu entdecken: Wut, Trauer, Witz, Liebe, detailverliebte Beobachtungen und immer wieder – der Drang, die eigene Kultur und Sprache, die Gebärdensprache, selbstbewusst zu präsentieren. Julia erzählt persönlich von ihrer Familie, dem Tod ihrer Mutter und spricht ihren Vater direkt an, der im Publikum sitzt. „Julias Geschichte hat mich im Herzen berührt“, sagt später auch Dawei. Er lässt in seinem Auftritt aus Blitz und Donner eine Welt entstehen. Mit klaren Gebärden, akkurat und genau reist er durch die Menschheitsgeschichte aus den Augen eines Menschen mit Hörbehinderung. Während Hans von einem taubstummen Tisch gebärdet und seine Losung „Taubsein ist gold“ lautet, mündet die Aussage von Ace aus Berlin in: „Du bist anders. Aber das ist gut so. Bleib anders“.
Anders ist der Abend auch in anderer Hinsicht. Gebärdensprachdolmetscher überwinden die verschiedenen Sprachen, verbinden so Hörende und Gehörlose, Poeten und Publikum. Was besonders toll ist: Sogar das Personal an den Theken gebärdet. Das Medieninteresse an dieser beonderen, einmaligen Veranstaltung ist groß. In dieser Form hat es so etwas noch nicht in Deutschland gegeben. NDR, ZDF und BR filmen, Hamburger Zeitungen schreiben eifrig die Höhepunkte aus dem Mahlstrom der Ereignisse des Abends heraus.

Gebärdensprache als Kunstform

Auf der Bühne hat Wolf Hogekamp das Zepter, also Mikro, in der Hand. Der Berliner Poetry Slam-Pionier moderiert den Abend und mit Gebärdensprachdozent Andreas Costrau nimmt er die Wertungen der Publikumsjury auf. Sagt Hogekamp die Künstler an, malt die Künstlerin Anna Prinz den Namen in den Sand. Dazu erschallt laute Musik. Die Bässe vibrieren, der Name verwischt langsam. Eine schöne Art, die Poeten vorzustellen. Und noch eine weitere Art zu kommunizieren. Denn auch darum geht es an diesem Abend: „Worte, Sprache in einer anderen Weise zu erleben. So wie wir es noch nie erlebt haben“, erläutert Wolf Hogekamp. Der Perspektivwechsel gelingt. Die Hörende bekommen eine Übersetzung, tauchen so in die Welt der Gehörlosen ein und, so sagt Hogekamp, „wir lernen Gebärdensprache als eigene Kunstform kennen“.

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