Inklusion, Aktion Mensch-Blog

„Und was für ein Rollstuhl ist das?“

von Michael Herold

Schlagworte:
Freizeit

Michael Herold erinnert sich gern an seine Reisen. Und an Asien, wo er mit neuen Bekannten über Abenteuer im Rolli fachsimpelte.

Michael Herold in Thailand: Zutrauliche Makaken-Äffchen Fotos: privat

Eigentlich wollte ich an dem Tag meine Wohnung gar nicht erst verlassen. Ich hatte so viel Arbeit. Alles lief rund, ich war in meinem Element. Aber wenn ich über meinen Laptop vom Balkon aus auf die dicht bewachsenen Hügel um mich herum schaute, musste ich mir eingestehen: Bald, nach ein paar arbeitsreichen Tagen, wäre es mal wieder Zeit, auf Achse zu gehen.

Vor ein paar Jahren hatte mir eine gute Freundin Bilder gezeigt von ihrer Reise durch Südostasien. Ich erinnere mich noch gut, wie ich damals dachte: Es gibt so viele Dinge, die ich tun kann, wenn ich mich nur dahinter klemme … aber so etwas, das werde ich nie können. Ich kann vielleicht hundert Meter mit Krücke laufen, meinen Koffer kann ich aber nicht selber tragen – und wenn ich im Rollstuhl reise, werden die Barrieren noch mehr. Mit einer Reisegruppe, einer organisierten Tour, ja. Oder mit einer Gruppe von Freunden. Aber so ganz alleine? Keine Chance. Absolut unmöglich.

Als ich dann letztes Jahr meinen elektrischen Rollstuhl bekam, die Tage kälter und die Nächte lang wurden, da dachte ich mir: Ach, was soll's. Und habe mir ein Flugticket nach Bangkok gekauft, um den Winter in Asien zu verbringen. Einfach der Nase nach. Einfach da hin, wohin es mich zieht. Bleiben, wo es mir gefällt. Arbeiten, wo ich gerade bin.

Einfach der Nase nach – einfach da hin, wohin es mich zieht

Also klappe ich den Laptop zu, schnappe mir die Sonnenbrille und meinen Rollstuhl, der in den letzten Wochen schon viel mitgemacht hat, und ziehe los. Wieder einfach der Nase nach. Zwei Stunden später befinde ich mich weit außerhalb der Stadt Hua Hin. Auf einem Berg, einer buddhistischen Tempelanlage, auf drei Seiten vom Meer umschlossen. Ich beobachte die Mönche beim Gebet, höre im Hintergrund die Wellen gegen den Felsen schlagen. Die Makaken-Äffchen verlieren langsam ihre Scheu und beginnen, meinen Rollstuhl auf Essbares zu untersuchen. Ich freue mich, doch aus meiner Wohnung gegangen zu sein. Freue mich über meine Entscheidung, nach Thailand gekommen zu sein, es einfach gewagt zu haben.

Da höre ich in dickem französischen Akzent: „Und was für ein Rollstuhl ist das?“ Neben mir ist ein stoppelbärtiger Tourist im Strohhut aufgetaucht, ebenfalls in einem elektrischen Rollstuhl. Ich erkläre ihm meinen für die Reise modifizierten Rollstuhl, und wir kommen ins Gespräch – über Thailand, was wir bereits gesehen hatten und was unsere weiteren Pläne sind. Ein Roadtrip in den Süden für ihn, um Weihnachten in Phuket zu verbringen. Mein Ziel: Mich irgendwie auf eine Insel an der Andamanenküste durchzuschlagen. Wie, das weiß ich noch nicht. Er greift nach einer Schachtel Zigaretten auf seinem Schoß, und erst da merkte ich, wie sehr er in seinen Bewegungen eingeschränkt ist. Er ruft etwas in Französisch über seine Schulter, und ein adrett gekleideter Thailänder löst sich aus einer kleinen Gruppe und zündet die Zigarette für ihn an. „Das ist mein persönlicher Assistent hier in Thailand“, höre ich zwischen den ersten Zügen. Der Rest der Gruppe kommt ebenfalls zu uns. „Das hier ist mein Fahrer und das meine Frau.“ So reisen die beiden mehrmals im Jahr – irgendwo hin in der Welt, stellen dort dann Menschen ein, die ihnen helfen mit dem, was er selbst nicht kann.

Wie weit sind wir schon gekommen, dass dieser Moment hier möglich ist

Wir stehen noch sehr lange zusammen an diesem Tag. Unterhalten uns über frühere Reisen und zukünftige. Darüber, was wir in unserem Leben noch alles tun werden. Den Tempel im Rücken beobachten wir, wie die Sonne langsam hinter der Stadt untergeht. Wieder und wieder holt mich ein und derselbe Gedanke ein:

Wie weit sind wir doch schon gekommen, dass dieser Moment hier möglich ist. Dass ich entgegen allem, was ich damals dachte, nun doch ganz alleine durch Thailand reise. Dass mein neuer Freund, der sich nicht einmal seine Zigarette selbst anzünden kann, sogar noch eins oben drauf setzt mit seinen Geschichten von Reisen durch Südamerika, Flügen im Paraglider und seinem kürzlich gemachten Tauchschein.

Wie viel haben wir doch schon erreicht – in der Technik, wenn ich mit meinem Rollstuhl 30 Kilometer durch die thailändische Landschaft fahren kann, entlang von Stränden, verlassenen Wegen oder auf der vierspurigen Hauptstraße durch den Stadtkern zusammen mit Tuk Tuks und Motorrollern.

Wie weit sind wir doch schon gekommen – in den Kommunikationsmöglichkeiten, wenn ich in den drei Wochen vor Abflug nach Bangkok über das Internet – über Facebook, Reiseforen, Skype und Email – mit Dutzenden von Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten konnte, um mir Tipps zu holen und meine Reise zu planen.

Schon viel erreicht – und Barrieren in den Köpfen eingerissen

Wie viel haben wir doch schon erreicht – im Hinblick auf Akzeptanz und Hilfsbereitschaft, wenn mich am Flughafen gleich drei Angestellte der Fluggesellschaft dabei unterstützen, meinen Rollstuhl auseinander zu bauen und zu verpacken. Mich dann mit einem Klapp-Rolli zum Flugzeug schieben und mir einen guten Flug wünschen. Und am anderen Ende des Fluges mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit dasselbe wieder passiert, nur in umgekehrter Reihenfolge.

Aber vor allem: Wie viele Barrieren in den Köpfen haben wir doch schon eingerissen – wenn sich ein Mensch mit einer Muskelerkrankung an einem kalten Novemberabend einfach mal überlegen kann: „Ach egal, ich fliege jetzt einfach mit dem Rollstuhl nach Bangkok und schaue mal, ob's klappt.“ Und dort dann feststellt, dass er nicht der Einzige ist, der diesen Mut hatte.

Ich glaube, am meisten hakt es noch an Letzteren: den einstellungsbedingten Hindernissen. Klar, es gibt noch viele Barrieren. Aber so wie ich vor Jahren noch traurig auf die Reisefotos meiner Freundin schaute, weil ich dachte, das könnte ich nie, so schauen heute Menschen auf andere Bilder und denken Ähnliches. Aber hier kann ich nur sagen: Wir haben schon so viel erreicht, und manchmal muss man einfach mal machen.


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Abenteuerlustig sollte man schon sein. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Kay Lieker, der über das Programm "weltwärts" ehrenamtlich in Thailand arbeitet
 

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