Inklusion, Projekte & Förderung, 5. Mai, Aktion Mensch-Blog

Trommeln, Tanzen, Theaterspielen für die Inklusion – reicht das aus?

Auch in der Hansestadt Rostock waren am 5. Mai, dem Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, viele Einwohner auf der Straße, um für eine größere Normalität im Umgang miteinander einzutreten.

Theaterprojekt „Die Verzauberten“: Facetten der Liebe zwischen Menschen mit und ohne Behinderung Foto: Margit Glasow

Das war ein buntes Treiben in der Mittagszeit auf dem Universitätsplatz und in der Kröpeliner Straße mitten in der Rostocker Innenstadt. Es wurde getrommelt, getanzt, gesungen, gelacht und ganz viel geredet. Anlass war der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, der im 50. Jubiläumsjahr der Aktion Mensch unter dem Motto stand „Schon viel erreicht – noch viel mehr vor“. Bereits am Vormittag hatte die SELBSTHILFE Mecklenburg-Vorpommern e. V. zu einem öffentlichen politischen Diskussionsforum ins Rathaus-Foyer eingeladen, das sich in diesem Jahr mit dem Thema „Diagnose – nicht barrierefrei. Therapieansätze für ein barrierefreies Gesundheitswesen“ beschäftigte. Im Mittelpunkt der Aussprache standen dabei Fragen wie: Wann endet die Benachteiligung behinderter Menschen im Gesundheitssystem? Ist die gesundheitliche Versorgung grundsätzlich barrierefrei? Was bedeutet das für Ärzte, Therapeuten, Krankenhäuser und Kliniken? Als ein sehr positives Ergebnis konnte dabei unter anderem herausgearbeitet werden, dass in den letzten Jahren in der Stadt Rostock viele Arztpraxen barrierefrei gestaltet werden konnten.

Markt der Möglichkeiten zeigte Bandbreite eines Lebens mit Behinderung auf

Ab Mittag wurden dann viele Passanten in der Innenstadt zunächst durch lautes Trommeln auf den Protesttag aufmerksam gemacht. Die Mitglieder der Trommlergruppe „Ramboleros“ von der Heilpädagogischen Tagesförderstätte „phase eins“ sorgten für Stimmung und bildeten den Beginn eines vielfältigen Bühnenprogramms mit viel Musik, Tanz und Spiel. Rund um die Bühne präsentierten sich viele Vereine, Verbände und Selbsthilfegruppen wie zum Beispiel barrierefreies rostock gGmbH mit ihren differenzierten Angeboten im sozialen Bereich der Hansestadt. Mit dabei war auch der gerade gegründete Verein „Rostocker für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe“, der sich als Impulsgeber und Ansprechpartner versteht, um in der Stadt das Thema Inklusion stärker in das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu rücken und Diskussionen zu diesem Thema anzustoßen. Viele Institutionen der Behindertenhilfe klärten über ihre Arbeit auf und diskutierten mit den Bürgerinnen und Bürgern über Barrierefreiheit im öffentlichen Raum. Dabei zeigte sich, dass viele Passanten, die zufällig durch die Innenstadt bummelten, wenig von der Bedeutung dieses Aktionstages wussten bzw. noch nie etwas davon gehört hatten. Alle waren aber offen und daran interessiert, mit den Betroffenen, den Ehrenamtlern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen Einrichtungen ins Gespräch zu kommen. Den Abschluss des Tages bildete das Theaterstück „Liebe lassen – Liebe fassen“, ein gemeinsames Stück des Theaterprojektes „Die Verzauberten“ von der Behinderten Alternative Freizeit e. V. in Kooperation mit Rostocker Studentinnen und Studenten der Sonderpädagogik. Ein ungezwungenes Stück, das kleine Geschichten über die verschiedenen Facetten der Liebe erzählte – der Liebe zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.

Es bleibt noch viel zu tun

Wer also am 5. Mai in Rostock unterwegs war, bekam den Eindruck, dass sich hier in Sachen Inklusion sehr viel bewegt. Das ist in der Tat so. Und doch bleibt noch eine Menge zu tun. Noch immer ist es nicht zur Normalität geworden, dass Menschen mit Behinderung – wie jeder andere auch – in der Mitte der Gesellschaft stehen. Ein Grund liegt meines Erachtens darin, dass seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention zwar viel über Inklusion geredet wird. Also darüber, dass alle Menschen – egal ob mit oder ohne Behinderung – gleichberechtigt und von Anfang an am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, damit gemeinsames Lernen, Arbeiten, Wohnen und ein Leben ohne Barrieren selbstverständlich wird. Noch immer gibt es aber auch sehr viel Unwissenheit über dieses Thema. Hinzu kommt, dass viele Menschen mit Behinderung sagen, dass es schwieriger geworden ist, den Alltag zu organisieren. Oft fehlt es an einer für alle zugänglichen Infrastruktur. Mittelfristig fehlen in Deutschland etwa drei Millionen barrierefreie Wohnungen. Von der leichten Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt profitieren Menschen mit Behinderung nicht, im Gegenteil sind hier die Zahlen eher rückläufig. Besonders betroffen sind Frauen mit Behinderung.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist der Anteil schwerbehinderter Menschen an der Gesamtbevölkerung hoch. Hier leben zurzeit etwa 10 % der Einwohner mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Besonders hoch ist auch der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf: 10,9 %. Damit ist der Nordosten das einzige Bundesland, in dem mehr als jedes zehnte Kind als förderbedürftig eingestuft wird. Und auch wenn inzwischen in unserem Bundesland weniger Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf separat unterrichtet werden, hat das Doppelsystem aus Regelschulen einerseits und Förderschulen andererseits unverändert Bestand. Doch solange dieses Doppelsystem im heutigen Umfang weiterhin besteht, ist erfolgreiche Inklusion schwierig. Denn die Förderschulen binden jene Ressourcen, die dringend für den gemeinsamen Unterricht benötigt werden.

Es bleibt also noch viel zu tun auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft. Und deshalb bleibt der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen
topaktuell. Doch solche geballten Aktionen wie Trommeln, Tanzen und Theaterspielen an einem Tag im Jahr reichen meines Erachtens nicht aus. Wir brauchen jeden Tag einen Protesttag. Vor allem aber brauchen wir eine Menge konstruktiver Ideen und Mut, um eine wirklich inklusive Gesellschaft zu gestalten.


Linktipps:
Wie kann eine inklusive Gesellschaft gelingen? Wir brauchen Ihre Ideen und Statements im Café der Inklusion!
„Schon viel erreicht. Noch viel mehr vor.“ Alle Infos rund um 50 Jahre Aktion Mensch
Mehr Selbstbestimmung, mehr Rechte. Ein Blogbeitrag von Wiebke Schönherr über die Demonstration am 4. Mai 2013 in Berlin für mehr Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung
„Wer kämpft, soll auch feiern“. Ein Blogbeitrag von Josephine Thiel über die zentrale Demonstration und das Café der Inklusion der Aktion Mensch zum Protesttag am 5. Mai 2014 in Berlin

Aktuelle Infos rund um das Jubiläum der Aktion Mensch und den Aktionstag 5. Mai finden Sie auch in den sozialen Netzwerken unter #50JahreAM und #5Mai.

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