Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Theater sind wir alle

Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Behinderung bringen in Stralsund und Greifswald im Rahmen eines Theaterprojekts soziale Themen wie Sucht, Mobbing oder Gewalt auf die Bühne. Christian Holm ist einer der beiden Akteure, die während des dreijährigen Projektes mehrere Theaterstücke mit den Methoden der integrativen Theaterpädagogik produzieren und in Schulen und zu anderen Bildungsträgern tragen.

Premiere von „Lillys Abenteuer“ im kleinen Saal des Theaters Vorpommern Anne Fandry

Christian Holm ist Schauspieler. Nach einigen Engagements an verschiedenen Theatern in Deutschland und schließlich zehn Jahren Festengagement am Theater Vorpommern steht er irgendwann auf der Straße. Der neue Intendant hat Holm und ein paar seiner Kollegen rausgeschmissen. Der 46-Jährige sucht hier in Nordvorpommern nach einer neuen Herausforderung, er will Neues wagen, etwas Sinnvolleres mit Theater machen, nicht einfach nur spielen. Er wendet sich an das Kreisdiakonische Werk in Stralsund, das seit vielen Jahren außergewöhnliche Theaterprojekte mit dem Ensemble "Die Eckigen", in dem vor allem Menschen mit Behinderung spielen, unterstützt und begleitet. Diese Theatergruppe ist mittlerweile aus dem Theaterleben der Hansestadt Stralsund nicht mehr wegzudenken. Besonders interessant findet Holm dabei das Projekt "Theater sind wir alle", das im vergangenen Jahr von den Kreisdiakonischen Werken in Stralsund und Greifswald zusammen mit dem Theater Vorpommern und weiteren Kooperationspartnern auf den Weg gebracht wurde.
Ziel dieses Projektes ist es, ein längerfristiges, nachhaltiges Amateurtheater in der Region Vorpommern zu installieren. Zusammen mit benachteiligten Jugendlichen und behinderten Menschen sollen mit Hilfe der integrativen Theaterpädagogik Inszenierungen entwickelt werden, die an den realen Problemen der Akteure orientiert sind. Franz Triebenecker, Regisseur, Autor, Theatertherapeut und Leiter der Theatergruppe "Die Eckigen", ist seit Beginn des Projektes im Sommer 2012 dabei. Christian Holm steigt im Herbst ein und arbeitet zunächst als Regisseur in einem Weihnachtsmärchen für "Die Eckigen", das in Heimen und Kitas aufgeführt wird. Dabei sammelt er bei seinem Stralsunder Kollegen Triebenecker Erfahrungen im Umgang mit behinderten Jugendlichen. An der Martinschule in Greifswald, einer Schule, in der alle Kinder und Jugendlichen willkommen sind – Mädchen und Jungen mit Begabungen aller Art, mit Handicap und Kinder aus verschiedenen Kulturen, mit und ohne Religionen – beginnt er schließlich, selbst eine integrative Theatergruppe aufzubauen.

Den Kindern Raum für ihre Kreativität geben

Sieben Monate lang hat Christian Holm seitdem zusammen mit den Kindern das TheaterSPIELEN geprobt und schließlich das Stück "Lillys Abenteuer" auf die Bühne gebracht. Seine Herangehensweise ist anders als die herkömmliche, bei der die Kinder viel Text auswendig lernen müssen. Er gibt nichts Fertiges vor, sondern erarbeitet mit ihnen zusammen die Ideen für das Stück. Ein Stück, in dem Lilly sich auf den Weg zu ihrer Tante Nelly macht, im Gepäck eine schier unlösbare Hausaufgabe. Vielleicht kann Onkel Gregor ja helfen, denn der ist der Erfinder einer brandneuen Lösungsmaschine. Am 21. Februar 2013 schreibt Holm in sein Theatertagebuch:
Mit unserer Methode der gemeinsamen Stückerarbeitung haben wir uns viel vorgenommen: Ich bringe eine Grundfrage mit in die Probe, zum Beispiel: "Was könnte Lilly auf ihrem Weg vom Haus ihrer Eltern zum Haus ihrer Tante erleben?" Alle Kinder machen Vorschläge, wobei insbesondere ein Schüler mit dem Asperger-Syndrom immer wieder durch besonders phantasievolle Ideen auf sich aufmerksam macht: "Lilly könnte doch über einen Regenbogen laufen!"

Dann werden die meisten Ideen szenisch ausprobiert. Hierbei sorgt unsere spielerische Herangehensweise für außerordentlich viel Probenspaß, es gibt nämlich weder Bühnenbild, noch Kostüme oder Requisiten, sprich die Kinder spielen alles selber, vom klingelnden Telefon bis zur Meeresbrandung. Sehr wichtig ist allerdings auch die ständige Anwesenheit der Lehrerin Uta Metzner, die freundlich für zusätzliche Disziplin und Konzentration sorgt.

Theater fördert den normalen Umgang miteinander

Für Christian Holm ist der Umgang mit Dominik, dem Jungen mit dem Asperger Syndrom, neu. Dominik ist in seinen Stimmungen sehr schwankend. Bei manchen Sachen will er einfach nicht mitziehen oder gar das Gegenteil machen, sich keiner Disziplin unterwerfen. "Im Rahmen des Stückes ist das völlig in Ordnung", so Holm. "Ich will ja nicht so viel Genauigkeit und Disziplin, sondern Spaß. Das hat gut funktioniert." Dass Dominik aber Angst vor Körperkontakt, vor Berührungen hat, ist für Holm schon etwas schwieriger zu verstehen. Darüber muss er mit allen Kindern reden. Und stellt dabei fest, dass die anderen Kinder mit den Besonderheiten von Dominik viel gelassener umgehen. Sie kennen viele seiner Verhaltensweisen schon aus dem Unterricht. Für sie ist das ein Stück Normalität.
Zwei andere Kinder der Gruppe haben Sprachbehinderungen. Die Kinder verständigen sich meist über Zeichensprache – so wie im alltäglichen Schulunterricht auch. Für sie ist auch dieser Unterschied nichts Besonderes mehr. Und hier beim Theaterspielen können sich die sprachbehinderten Mädchen gut einbringen, weil hier vor allem gespielt wird. Und es müssen viele Musik- und Geräuschinstrumente bedient werden. Eines der Mädchen macht die ganze Zeit über begeistert Geräusche.

Das Konzept ist voll aufgegangen!

Am 2. Juni ist Premiere. Die Kinder spielen vor etwa 100 Zuschauern im kleinen Saal des Theaters Vorpommern. Ein richtiger Theatersaal, nicht nur die Schul-Aula. Und ein voller Erfolg – ein stolzes Erlebnis. Christian Holm schreibt in sein Theatertagebuch:
Heute war die Premiere! Alle waren aufgeregt, aber niemand schien Angst zu haben. Und als es dann lief, die ersten Lacher aus dem Publikum zu hören waren, sah ich strahlende Augen auf der Bühne. "Lillys Abenteuer" ist wirklich witzig geworden. Auch der Junge mit dem Asperger Syndrom ist total aufgeblüht und hörte nachher gar nicht auf, sich zu verbeugen. Die Entwicklung, die er genommen hat, freut mich besonders. Bin ganz stolz auf die Kleinen.
Der Erfolg inspiriert Holm weiterzumachen. Über das Projekt hinaus. Was das alles konkret heißen könnte, weiß er noch nicht genau. In Greifswald müsse alles erst initialisiert werden. "Es wäre schade, wenn nach den drei Jahren Arbeit an diesem Projekt damit Schluss wäre. Die Region ist sehr arm. Hier gibt es viele brennende soziale Probleme. Aber es gibt auch ein großes Bedürfnis zu lernen, wie man mit solchen Problemen umgeht." Dabei kann seiner Meinung nach Theaterarbeit sehr viel bewegen.


Linktipps:
Das Projekt "Theater sind wir alle"
Momo im Hinterhof. Ein Blogbeitrag von Gundel Köbke über ein integratives Tanztheater für Kinder
„Menschen spielen Menschen“. Ein Blogbeitrag von Carmen Molitor über das Theaterstück "Unter Irren" des integrativen Ensembles der Opernwerkstatt am Rhein
"Die Ästhetik des Ungewöhnlichen inszenieren". Ein Interview im Blog von Carmen Molitor mit Gründerin Gerda König über die Kölner Tanzcompany DIN A 13
Carmina Burana – inklusiv und open air. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über ein Tanzprojekt mit 150 Tänzerinnen und Tänzern mit und ohne Behinderung

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