Inklusion, Aktion Mensch-Blog

The Sessions: Optimistisch und warmherzig

Der Film "The Sessions – Wenn Worte berühren" lässt die Zuschauer in eine für die meisten von ihnen wohl unbekannte Welt eintauchen: Dass Menschen mit Behinderung die gleichen Wünschen nach Sexualität und Zärtlichkeit haben wie jeder andere auch – und dass sie bereit und in der Lage sind, diese Wünsche zu leben.

Filmszene mit Helen Hunt und John Hawkes © 2012 Twentieth Century Fox

Seine Situation ist extrem: Mark O'Brien ist 38 Jahre alt und, seit ihn als Siebenjähriger die Poliomyelitis (Kinderlähmung) erwischte, vollständig vom Kopf abwärts gelähmt. Da auch seine Lunge stark von dieser Krankheit betroffen ist, lebt er seitdem in der so genannten Eisernen Lunge, ein klinisches Gerät, das die maschinelle Beatmung eines Menschen ermöglicht. Doch auch wenn er dieses Ungetüm, in dem sein ganzer Körper bis zum Hals steckt und das nur den Kopf frei lässt, nur für ein paar Stunden täglich verlassen kann, wünscht er sich, endlich das zu erleben, was jedem anderen Mann möglich ist: eine Frau zu berühren, mit ihr vereint zu sein. Er stößt eine Tür auf, die er, so sagt er selbst, danach einfach nicht mehr schließen kann. Und auch wenn ihm das alles große Angst bereitet: Er muss durch diese Tür hindurchgehen.

Das Hauptthema ist der Sex

Zunächst wendet sich der gläubige Mark mit seinem erotischen Problem an den Priester Brendan. Dieser verdammt ihn nicht für sein Verlangen, sondern kann ihn als Mann gut verstehen und wird zu seinem Freund, der ihn in seinen Wünschen bestärkt. So macht Mark sich auf die Suche nach professioneller Hilfe und hat das Glück, Cheryl – eine so genannte Sex-Therapeutin – kennen zu lernen, was bedeutet, dass sie zwar Sex gegen Bezahlung anbietet, dies aber nur zum therapeutischen Zweck. Man kann sich streiten, ob das weit von normaler Prostitution entfernt ist, aber für Mark ist es weit genug. In sechs Sitzungen soll sie ihn, der niemals nackt neben einer nackten Frau lag, mittels so genannter Körperbewusstseinsübungen – ein Wort, mit dem Mark gar nichts anfangen kann – in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einweihen. Sehr behutsam und einfühlsam lässt sich Cheryl auf Mark ein und hilft ihm dabei, seinen Körper und seine Sexualität zu finden. Dabei entdecken beide, dass sie viel mehr miteinander verbindet, als es auf den ersten Blick erscheint. Für Mark beginnt eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Wahrnehmungen, von denen er bis dahin keine Ahnung hatte. Er durchlebt mit 38 Jahren, was es heißt, ein Mann zu werden.

Authentisch und ohne Zynismus

Der in Polen geborene australisch-amerikanische Filmemacher Ben Lewin hat sehr authentisch das Leben und die Gefühlswelt des Mark O`Brien nachgezeichnet. Entstanden ist ein optimistischer und warmherziger Film frei von jeglichem Zynismus. Dass dieser Film – für mein Empfinden – so realistisch daherkommt, liegt sicherlich nicht zuletzt daran, dass Lewin ebenso wie Mark O'Brien an Kinderlähmung erkrankte und sich deshalb sehr gut in ihn hineinversetzen kann, auch wenn Lewin sich so gut von der Erkrankung erholte, dass er zumindest mit Gehhilfen laufen konnte. Absolut sehenswert ist der Film nicht zuletzt wegen seiner großartigen Schauspieler: Ein brillanter John Hawkes, dem in erster Linie seine Augen statt seines Körpers zum Spiel zur Verfügung stehen und bei dem man zunächst überlegen muss, ob er selbst eine Polio hatte – seine muskulösen Arme verraten ihn jedoch. Eine überzeugende Helen Hunt, die sehr warmherzig und ohne Pathos die Sex-Therapeutin Cheryl verkörpert. Und ein William H. Macy als Priester, der stets mit einer großartigen Mimik reagiert, wenn Marc ihm zum Beispiel mitten in der Kirche von seinen sexuellen Problemen erzählt.

Sehenswert!

Es gibt nicht viele Filme, die mich derartig berühren. "The Sessions" ist einer von ihnen. Vielleicht wird der eine oder andere denken: Okay, es ist ein Film, da gibt es oft ein Happy End. Übertreibungen sind erlaubt, damit die Zuschauer anschließend zufrieden nach Hause gehen. Die Realität ist jedoch eine andere. Für mich ist dieser Film allerdings nicht nur ein Film mit einem Happy End, kenne ich doch Menschen, die auch mit starken körperlichen Einschränkungen eine ausgefüllte Partnerschaft leben – und das nicht nur mit Worten. Diese Menschen haben eine Anziehungskraft, die weit über alles Körperliche hinausgeht. "The Sessions" ist für mich ein Film, der dem Zuschauer ein klein wenig davon zeigt, dass Menschen, die scheinbar anders sind, die gleichen Wünsche und Sehnsüchte haben.


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