Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Teilhabe zwischen Töpfen und Tellern

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Behinderung und Arbeit – ein komplexes Thema, das in der Wirtschaft oft Unsicherheit hervorruft. In Münster stellen sich am Donnerstag, 22. März, 85 Unternehmen auf der Integrationsmesse des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) vor und zeigen, wie sie Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen. Eines davon ist das Restaurant Haus Münsterland, in dem Mitarbeiter mit und ohne Behinderung erfolgreich zusammenarbeiten. Ein Besuch.

Haus Münsterland

Da liegt er nun vor ihm in der Spüle: Der Salat ist fast fix und fertig. Wasser spritzt, als Sven Gotthardt die grünen Blätter für das À-la-carte-Geschäft am Abend wäscht und putzt. Er schaut kurz auf, dann vertieft er sich wieder in seine Arbeit. Er ist gründlich. Noch ist Zeit, bis die Gäste kommen, aber Vorbereitung ist wichtig in der Gastronomie. Denn auch die Nachspeisen und Nudeln oder Kartoffeln kocht der junge Mann. Hinter ihm wirbelt Sebastian Dinkhoff den Rührbesen durch eine Schüssel. Falls es gerade stressig ist, lässt er sich nichts anmerken: Der Koch ist die Ruhe selbst, und das tut auch Sven gut. Der 22-Jährige hat eine Lernbehinderung und absolviert gerade eine Ausbildung zum Beikoch im Haus Münsterland.

Dauerarbeitsplätze schaffen

Das Restaurant in Münster-Handorf ist ein Integrationsbetrieb und beschäftigt Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Fachleute in Küche und Service arbeiten mit ihnen zusammen, lehren sie an, geben die Struktur vor. Das Haus Münsterland ist damit mehr als nur ein Esslokal, das junge Menschen ausbildet. Es gibt ihnen vielmehr eine Chance, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. "Wir haben festgestellt, dass Jugendliche und junge Menschen mit Behinderung meist nur kurz beschäftigt werden", sagt Johannes Wieners (56), Geschäftsführer der infa-Münster Gmbh, die das Haus seit Juni 2010 betreibt. Wieners sagt zum Konzept: "Uns war klar: Wir brauchen eigene Arbeitsplätze." Und die bietet das Haus Münsterland. Zehn Mitarbeiter, davon fünf mit Behinderung, beschäftigt der Betrieb inzwischen in Küche, Service und Hauswirtschaft. "Wir merken, wir sind angekommen", urteilt Wieners. Auch mit Hilfe der Aktion Mensch, die den Betrieb mit rund 181.000 Euro unterstützt, wie auch bundesweit 359 andere Integrationsunternehmen seit dem Jahr 2000. Rund 70 Millionen Euro an Fördergeldern sind in die Unternehmen geflossen.

Das Haus Münsterland ist dabei eine Institution in der Region. Mitte der 1960er Jahre wurde das Gebäude mit roten Backsteinen als Soldatenheim errichtet – die Kaserne Lützow in direkter Nähe zeugt noch von dieser Vergangenheit. Die Katholische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung betrieb das Haus, das sich zum Treffpunkt für Vereine und Zentrum für Veranstaltungen entwickelte. Als das Verteidigungsministerium entschied, das Haus zu schließen, erwarb es die infa-Münster. Sie ist Tochter des Vereins Lernen fördern, der seit 25 Jahren mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Behinderung arbeitet.

Von Überraschungen und Ungeduld

Wieners bringt viel Erfahrung aus diesem Bereich mit. Er weiß, wie er mit den jungen Menschen umgehen muss. Überraschungen erleben er und seine Kollegen dennoch immer wieder. Was Belastbarkeit betrifft, aber auch, was und wie sie anweisen und erklären müssen. So suchen sich die jungen Mitarbeiter mit Behinderung ihre Lücke – dort, wo sie sich wohl fühlen. Sven arbeitet vielleicht mal langsamer und braucht zwischendurch eine Pause. Ein anderer Mitarbeiter zum Beispiel kümmert sich hauptsächlich um die Spülküche und hilft nur ab und zu beim Kochen aus. Weil er es so möchte. Es sind spezielle Fähigkeiten und Anforderungen, die ihren Platz brauchen. Inklusion im Restaurant bedeutet auch, dass das Arbeitstempo schwanken kann oder kleine Fehler passieren. Wie woanders auch. Bei einem Inklusionsbetrieb kommt aber noch ein anderer Faktor hinzu: die Gäste. "Natürlich sagen einige, dass es mal länger dauere, sei nicht schlimm. Wenn dann jemand mal länger wartet, gibt es auch welche, die meckern", beschreibt Wieners. Leider klafft eine Lücke zwischen Verständnis für einen Integrationsbetrieb und praktischer Ungeduld sowie fehlender Akzeptanz. In einer inklusiven Gesellschaft braucht es aber Offenheit der Menschen ohne Behinderung, Teilhabe von Menschen mit Behinderung zuzulassen. Und: Warten muss man ja auch mal in anderen Restaurants, oder? Aber Wieners ist Realist genug und weiß: "Wir kriegen keinen Bonus."

Im Haus Münsterland haben inzwischen weiße Decken und Wände die dunklen Holzvertäfelungen abgelöst. Die Gartenmöbel auf der großen Terrasse warten auf den Frühling. 105 Tage hatte die infa Zeit für den Umbau. Johannes Wieners nennt es knapp und mit einem Lächeln: "Sportlich." Möbel in hellem Braun und Rot setzen nun Kontraste, die Theke steht nun zentral im Restaurant. Noch sei nicht alles renoviert, erläutert Johannes Wieners. Eine Bühne, drei Kegelbahnen, ein Schießstand sowie mehrere Tagungsräume sind das Erbe des alten Haus Münsterland. So finden dort heute Feste, Hochzeiten, Seminare, aber auch Kunstausstellungen, Abende mit Kabarett und Musik statt – das Haus funktioniert als eine Art Kulturzentrum. Das ist eine gute Basis. Mehr aber auch nicht. Denn das große Haus muss ausgelastet sein. "Es muss betriebswirtschaftlich stimmen", sagt Wieners. Der Druck, sich zu behaupten, sei bei allen Mitarbeitern vorhanden. "Und es geht hier auch zur Sache", verdeutlicht der Sozialarbeiter und Tischler.

Die richtige Stelle finden

Was in der Gastronomie nicht immer leicht ist – auch für die einzelnen Mitarbeiter ihren Platz zu finden. So wie es Sven in der Vergangenheit erfahren hat. Er machte zuvor eine Ausbildung in einem anderen Betrieb, wo man ihm sagte: "Das schaffst du nie." Der Grund war Svens Lernbehinderung. "Bei uns ist er glücklich ohne Ende", sagt Johannes Wieners zufrieden. Und Sven Gotthardt geht mit guter Aussicht in die Abschlussprüfung in diesem Jahr. Dabei hilft ihm die fachliche Anleitung und Ordnung durch Küchenchef Martin Esselmann und Sebastian Dinkhoff. Sie erklären den jungen Menschen ihre Arbeiten ganz genau und kleinteilig. "Manchmal staune ich selbst, wie detailliert das ist." Das vermeidet Fehler, verbessert aber auch Arbeitsabläufe allgemein. Nicht nur in einem Integrationsbetrieb. "Je strukturierter, desto besser", meint Wieners. Das gibt Sven und den anderen jungen Menschen das Gefühl, sich sicher zu fühlen in dem, was sie tun. So arbeiten sie selbstständiger und identifizieren sich mit der Tätigkeit – es ist "ihr" Essen.

Aber nicht nur diese Seite lernt von der Inklusion, sondern auch die Mitarbeiter ohne Behinderung. "Wir haben uns als Team herangetastet", erklärt Wieners. Für die Köche sei dies eine enorme Herausforderung. Gerade in einer Küche, dem Arbeitsplatz, der generell für seinen rauen Umgangston bekannt ist. Das beeinflusst auch die Auswahl des Personals im Haus Münsterland. Wieners sagt: "Einen Choleriker könnten wir nicht beschäftigen."

Weiterführende Links:
Inklusionsblog der Aktion Mensch: Beruf inklusiv: Fester Job im Hotel
Inklusionsblog der Aktion Mensch: Fachkräftemangel als Chance für Menschen mit Behinderung?
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Arbeit
Familienratgeber: Berufstätigkeit

Weitere Informationen live:
Auf der LWL-Integrationsmesse in Münster beteiligt sich am Donnerstag, 22. März, auch die Aktion Mensch mit Vorträgen und einem Stand.

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