Inklusion

Technik als Motor der Inklusion

Zukunftskongress „Inklusion 2025“ – Thema: „Technische Innovationen in den Lebenswissenschaften“

Cochlea-Implantat: Technik als selbstverständlicher Teil des Körpers

MED-EL / Ars Electronica / flickr.com

Wird die Technik in Zukunft zum Motor der Inklusion? Ohne Frage: Technik kann helfen, Barrieren abzubauen oder zu überwinden. Insofern leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Inklusion. Ein Beispiel von vielen: die Induktionsschleife. Mit Hilfe dieser Technik können Trägerinnen und Träger von Hörgeräten störungsfrei Audiosignale wie Musik oder Wortbeiträge in Veranstaltungsräumen über das Hörgerät empfangen. Kulturelle und politische Teilhabe wird dadurch ermöglicht.

Zukünftig werden die technischen Möglichkeiten zahlreicher und vielfältiger. Bereits heute Realität: Technikimplantate, die Sinneswahrnehmungen verändern beziehungsweise helfen sollen, diese zu optimieren. Behinderungen lassen sich somit „ausgleichen“.

Gleichzeitig kann die rasante Technikentwicklung aber auch zur Exklusion von einzelnen Personen oder ganzen Bevölkerungsgruppen führen. Was ist mit denjenigen, die sich teure Medizintechnik nicht leisten können? Oder denjenigen, die sich einem zukünftigen Leistungsdruck zur technischen Selbstoptimierung widersetzen? Werden sie zu den Verlierern dieser Entwicklung?

Prothetik, Gendiagnostik und Big-Data-Analysen

Der Zukunftskongress „Inklusion 2025“ beschäftigt sich in seinem Themenschwerpunkt „Technische Innovationen in den Lebenswissenschaften“ mit der Bedeutung des technisch Machbaren für das Thema Inklusion. Und fragt nach den Risiken dieser Veränderungen sowie nach den Grenzen, die wir uns – als Individuen und Gesellschaft – diesbezüglich selbst setzen wollen oder sollten. Neben den Bereichen Prothetik und Medizintechnik sollen hierbei vor allem Trends und Zukunftsthemen wie etwa „Gendiagnostik“ und „Big-Data-Analysen“ unter die Lupe genommen und kontrovers diskutiert werden.

 

„Eine Qualität, die wir uns heute noch nicht vorstellen können“

Interview mit Enno Park

Einer der Teilnehmer und Redner im Themenpanel „Technische Innovation“ ist Enno Park. Der 41-jährige Autor, Blogger und Berater für Online-Kommunikation liebt, nach eigenem Bekunden, soziale Netzwerke. Sich selbst bezeichnet Park als Cyborg. Was das ist, welche Rolle Implantate zukünftig spielen werden und wie es mit Inklusion weitergehen wird, erzählt er im Interview:

Herr Park, der Begriff Cyborg bezeichnet ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Inwieweit trifft das auf Sie zu?

Enno Park: Ich war mehr als 20 Jahre lang fast gehörlos und habe vor einigen Jahren Cochlea-Implantate erhalten. Seitdem liegt mein Sprachverständnis – unter Laborbedingungen – wieder bei 100%. In bestimmten Situationen höre ich weiterhin schlechter als normal hörende Menschen, in anderen aber durchaus besser. Technik ist ein selbstverständlicher Teil meines Körpers geworden.

Sie sind Vorsitzender von Cyborgs e.V. Was macht der Verein?

Implantate werden zunehmend nicht mehr nur aus medizinischen Gründen in den Körper eingesetzt. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis sich hier ein Mainstream-Markt entwickelt. Der Cyborgs e.V. möchte die technischen Möglichkeiten erforschen und Implantate entwickeln. Wichtig ist uns, eine breite öffentliche Debatte anzustoßen: Die Fragen, mit denen wir konfrontiert werden, sind weitgehend dieselben, vor die uns schon Geräte wie Smartphones stellen.

Welchen Beitrag können die neuen, modernen Arten von Prothesen in Hinblick auf Inklusion leisten?

Wir reden häufig von Barrierefreiheit – allerdings sind 100% Inklusion und 100% Barrierefreiheit leider ein Ideal, das wir anstreben können, aber wahrscheinlich nie ganz erreichen werden. Prothesen dienen dem Abbau von Barrieren an Individuen selbst. Wir lehnen es ab, Druck auf Behinderte auszuüben, sich operieren zu lassen, finden aber dennoch Lösungen, bei denen Behinderte dank Prothesen und Implantaten mehr Eigenständigkeit entwickeln und weniger auf Assistenz angewiesen sind, äußerst sinnvoll. Stichwort: Empowerment. Die größte Gefahr in der momentanen Debatte liegt darin, dass man auf die Idee kommen könnte, der Mensch sei reparabel wie eine Maschine. Das ist bei weitem nicht der Fall. Inklusionsmaßnahmen bleiben also weiterhin wichtig.

Moderne Technik kann für diejenigen, die sie sich leisten und damit umgehen können, zum Motor für mehr Inklusion werden. Was ist mit den anderen, werden sie zu Verlierern der technischen Modernisierung?

Das ist zu befürchten, besonders wenn ökonomischer Druck ins Spiel kommt und Implantate eines Tages nötig werden, um beruflich mithalten zu können. Für Nichtbehinderte eine gruselige Vorstellung, für Behinderte jedoch Alltag. Wir brauchen eine Gesellschaft, die denjenigen, die ihren Körper aus welchen Gründen auch immer nicht modifizieren können oder wollen, Raum gibt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Wie sieht nach Ihrer Vorstellung Inklusion im Jahr 2025 aus?

Im medizinischen Bereich werden wir erleben, dass die ersten künstlichen Organe eingesetzt werden und kranke Menschen weniger von Spender-Organen abhängig sind. Auch werden Cochlea-Implantate, Retina-Displays und ähnliche Anwendungen eine Qualität erreicht haben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Bestimmte Probleme, wie etwa, dass Cochlea-Implantate nur denjenigen helfen, die in ihrer Kindheit mal hören konnten, werden wir in der kurzen Zeit nicht lösen. Dafür wird sich ein Markt für kleine Mainstream-Implantate entwickeln. Hierbei handelt es sich nicht um schwere chirurgische Eingriffe, sondern um Piercings, die beispielsweise Körperfunktionen überwachen oder einen Schrittzähler eingebaut haben, ähnlich wie wir heute schon mit Armbändern „Quantified Self“ betreiben. Die Schattenseiten: Krankenkassen werden auch in Deutschland versuchen, verbilligte Tarife für diejenigen bereitzustellen, die nachweislich gesünder leben, bzw. diejenigen mit hohen Beiträgen bestrafen, die riskant leben. Ich hoffe, dass der Gesetzgeber das abstellt, was aber erst nach längerer Debatte passieren wird.

 

Linktipps:

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