Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Taubblinde Menschen in Brasilien

Viele Meldungen ergeben ein Spiel – viele Fähigkeiten ein erfülltes Leben. Über den ersten taubblinden Hochschulabsolventen in Brasilien.

<span xml:lang="pt" lang="pt">Alex Garcia</span> mit Dolmetscherin: Buchstaben in die Hand malen Fotos: Alex Garcia

Etwa sechs Stunden von der WM-Spielstätte Porto Alegre entfernt – das ist für brasilianische Verhältnisse gleich um die Ecke – verfolgt Alex Garcia begeistert die Fußballspiele. Spektakuläre Tore, Glanzparaden, umstrittene Schiedsrichterentscheidungen – alles erreicht den beinahe taubblinden Fan über den Live-Ticker im Internet. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie er es schafft, beim Großereignis WM am Ball zu bleiben.

Mit hoher Konzentration und starkem Willen kann der 28-jährige Brasilianer mit deutschen Vorfahren stark vergrößerte Schrift am Bildschirm lesen. Hören konnte er früher einmal, sodass er sich per Lautsprache problemlos verständlich machen kann.

Informationsaufnahme trainieren

Die größte Herausforderung für taubblinde Menschen sei immer die Rezeption, also die Aufnahme von Informationen, sagt Garcia, der als erster taubblinder Mensch in Brasilien einen Hochschulabschluss erlangt und ein Fachbuch über die komplexe Behinderung Taubblindheit veröffentlicht hat. Er selbst hat zwei Formen der Informationsaufnahme von klein auf trainiert: Das Lesen von Großschrift am Bildschirm, sowie das Erkennen von Buchstaben, die andere ihm mit dem Zeigefinger in die Hand malen. Das Lormen und die taktile Gebärdensprache – die am meisten verbreiteten Kommunikationsformen taubblinder und stark hörsehbehinderter Menschen in Deutschland – erwähnt er nicht.

Von seinem hohen Bildungsgrad, seinen Reisen und seiner überaus engagierten Arbeit für die Belange taubblinder und mehrfachbehinderter Menschen im Bundesstaat Rio Grande do Sul habe ich durch meine Suche nach brasilianischen BuchautorInnen mit Behinderung erfahren. Alex Garcia war der Erste, der sich bei mir meldete. Schnell vereinbarten wir ein Interview per Mail. Sehr bald fiel mir auf, dass diese mir neue Art, ein Interview zu führen, handfeste Vorteile hat: Sie gibt mir Zeit, über die ausführlichen und tiefgründigen Antworten meines eloquenten Gesprächspartners zu reflektieren und mir in Ruhe Fragen zu überlegen, die sich daraus ergeben.

Zeit, Kontrolle, Struktur und Aufgeschlossenheit

Neben der Beherrschung dieser Kommunikationstechniken sind es vor allem vier entscheidende Schritte, die Alex Garcia ermöglichen, sein Leben selbst zu gestalten. „Als Erstes muss man sich selbst gut kennen“, erklärt er mir. „Man muss seine Bedürfnisse und Fähigkeiten kennen und sich darüber in Klaren sein, dass die Dinge viel Zeit brauchen. Als taubblinder Mensch macht man die Dinge nicht mal eben nebenbei, während die Telenovela läuft“, betont er.

Im zweiten Schritt gehe es dann darum, die Kontrolle über die eigenen Emotionen zu haben. Zahllose Menschen mit Behinderung seien durch Angst und Verzweiflung gelähmt und könnten schon deshalb keinen eigenen Lebensentwurf in Angriff nehmen.

Wenn das geschafft ist, kann man nach Garcias klar strukturiertem Konzept daran gehen, Pläne zu schmieden, die Aussicht auf Erfolg haben.

Der vierte Schritt schließlich besteht darin, seinem Umfeld zu zeigen, wie das Zusammenleben mit ihm funktionieren kann. Hierbei betont er, dass jeder Mensch ein Teil der Gesellschaft ist und niemand ohne die Unterstützung durch andere auskommt. Wer kein Interesse hat, ihm zu helfen, mit dem hält sich Alex Garcia nicht lange auf. „Der Nächste, der vorbeikommt, ist sicher freundlich und aufgeschlossen.“

Netzwerke aufbauen

Durch diese scheinbar grenzenlose Zuversicht ist es dem jungen Mann gelungen, ein Netzwerk von Unterstützern aufzubauen. Freiwillige Helfer ließen sich von seinem Elan anstecken. Der Gedanke, dass ein so schwer behinderter Mensch voller Tatendrang für eine Sache brennt, war ihnen Motivation und Inspiration genug, um mit Alex Garcia gemeinsam Feldforschung zu betreiben, ihn als Assistent oder Dolmetscher zu begleiten und dabei immer von und mit ihm zu lernen.

Bei seiner groß angelegten Feldforschung gleich nach der Jahrtausendwende fanden Garcia und seine Mitstreiter etwa 80 taubblinde Menschen. Oftmals lebten sie und ihre Familien in völliger Isolation und Vereinsamung. Nicht selten kam zu Ablehnung und Unwissenheit noch Armut hinzu. Die Gruppe engagierter Personen aus Pädagogen und interessierten Freiwilligen suchte nach individuellen Lösungsansätzen, leistete Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit an unzähligen Schulen und hatte auch teilweise Erfolg.

Zentralisierte Arbeit für mehrfachbehinderte Menschen betrachtet Garcia aufgrund der Komplexität und individuellen Verschiedenheit der Behinderungen äußerst kritisch. Gleichzeitig hebt er hervor, dass das Regierungsprogramm „Leben ohne Grenzen“ taubblinde Menschen nicht erreiche. Anerkannte Hilfsmittel seien entweder für blinde oder gehörlose, nicht aber für taubblinde Personen geeignet, und die Allerwenigsten verfügen über das Geld, sich selbst technische Hilfsmittel oder eine Taubblindenassistenz zu finanzieren.

Zu wenig passiert

Seit Helen Keller, deren Geburtsdatum taubblinde Menschen heute weltweit gedenken, ist seiner Einschätzung nach auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der jeder Mensch angenommen und geachtet wird, wie er ist, viel zu wenig geschehen.

Für sein eigenes Leben wünscht er sich vor allem, zusätzlich zum Fußball per Live-Ticker auch aktiv Sport treiben zu können. Deutschland möchte er gern bereisen, da seine Vorfahren hier vor langer Zeit ein Schloss besaßen.
Auch wünscht er sich den Austausch mit taubblinden Menschen und deren Mitstreitern in unserem Land und würde deshalb gern auch hier Vorträge halten, die Aktivitäten kennenlernen und Menschen motivieren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.


Kontakt erwünscht
Wer hierzu Ideen und Anregungen hat, mit Alex in Kontakt treten oder mehr über seine Arbeit erfahren möchte, findet Informationen in englischer Sprache unter www.agapasm.com.br.

Als Dolmetscherin und Übersetzerin stehe ich selbst gern zur Verfügung. Kontakt: info@mirien-carvalho.net


Linktipps:
Fußball-Land der Widersprüche. Ein Blogbeitrag von Mirien Carvalho über die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien
Es gibt Fans, die gibt es gar nicht. Zweiter Blogbeitrag zur Fußball-WM in Brasilien von Mirien Carvalho über Barrierefreiheit in Brasilien – und auch in Deutschland
Taubblinde in der Isolationshaft? Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über eine Film-Dokumentation über die Situation von taubblinden Menschen in Deutschland
 

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