Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Taubblinde in der Isolationshaft?

Ein Film über die Situation von taubblinden Menschen in Deutschland

Filmszenen aus Taubblinden-Doku: Inklusion ist Menschenrecht Fotos: Katja Fischer

Nach Schätzungen leben in Deutschland zwischen 3.000 und 6.000 taubblinde Menschen. Wie sieht deren Alltag aus? Können sie ein selbstständiges Leben führen oder leben sie gleichsam in Isolationshaft? Auf welche Barrieren stoßen sie? Gibt es in Deutschland Unterstützung für taubblinde Menschen, beispielsweise in Form von Assistenz? Und wenn ja, welche Hilfe können Assistentinnen und Assistenten hier leisten? Der Film „Taubblinde in der Isolationshaft!?“ von Katja Fischer greift diese Fragen auf und erzählt die Geschichten von sechs taubblinden Menschen.

Zum Beispiel die von Sabine Springer aus Berlin, die gehörlos ist und deren Sehvermögen nach der Geburt ihres zweiten Kindes immer schwächer wurde. Das brachte viele Schwierigkeiten im Alltag mit sich. Probleme mit Nachbarn, die sie für unfreundlich hielten, weil sie ihren Gruß nicht erwiderte, oder gefährliche Situationen, die sie im Straßenverkehr erlebte.

Oder die Geschichte von Wolfgang Amadeus Haug, genannt Eddi, der spät ertaubt und erblindet ist und uns seinen Alltag zeigt – mit einer sehr individuellen Form der Kommunikation, die ihm und seiner Freundin ermöglicht, sich zu verständigen.

Geschichten von taubblinden Menschen

Auch die Brüder Dieter und Uwe Zelle aus Nordrhein-Westfalen werden im Film vorgestellt. Beide sind gehörlos und haben das Usher-Syndrom, eine erblich bedingte Kombination von langsam fortschreitender Netzhautdegeneration, bereits früh einsetzender Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit von Geburt an. Beide betonen die Bedeutung von taktilem Gebärden, bei dem der taubblinde Mensch seine eigenen Hände auf die gebärdenden Hände seines Gesprächspartners legt.

Auch Birgit und Andreas Liebke sind taub und haben eine starke Sehbehinderung. Andreas kann seinen Beruf als Tischler nicht mehr ausüben und ist auf der Suche nach einer Alternative. In ihrem Alltag wird das Ehepaar aus Berlin von einer Assistentin unterstützt.

Am Ende des Filmes geht es um die Definitionen von Taubblindheit (TBL) und des Usher-Syndroms sowie um die Hintergründe, Ziele und Forderungen der Demonstration „Aktion Taubblind“ im Oktober 2013 in Berlin, bei der unter anderem gefordert wurde, Taubblindheit als Kategorie im Schwerbehindertenausweis zu vermerken und verbesserte technische Möglichkeiten für taubblinde Menschen zu ermöglichen.

Nur wenige ausgebildete Assistentinnen und Assistenten

Ausgebildete Helferinnen und Helfer sind selten in Deutschland. Für mehrere tausend taubblinde Menschen gibt es gerade mal ein paar Dutzend ausgebildete Assistentinnen und Assistenten. Lediglich in Nordrhein-Westfalen findet sich bislang eine Ausbildungsstätte. Die Folge: Die meisten taubblinden Menschen werden von Ehrenamtlichen oder Familienmitgliedern betreut.

Die Protagonistinnen und Protagonisten des Films berichten von ihren Erfahrungen im Alltag, ihren Erlebnissen und auch von Erniedrigungen. Sie haben unterschiedliche Kommunikationsformen wie die Deutsche Gebärdensprache, die taktile Gebärdensprache oder das Lormen, ein in die Hand „geschriebenes“ Tast-Alphabet. Gut ausgebildete Assistenz ist Voraussetzung, um ein selbstbestimmtes und barrierefreies Leben zu führen – raus aus der Isolationshaft!

Inklusion ist Menschenrecht

Das Thema Taubblindheit wurde in Deutschland lange Zeit öffentlich kaum thematisiert. Die Filmemacherin Katja Fischer, selbst gehörlos, nähert sich dem Thema auf einfühlsame Weise. Der 50-minütige Dokumentarfilm ist barrierefrei aufbereitet, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen: Er enthält Gebärdenspracheinblendung, Audiodeskription – und es gibt ein barrierefreies PDF speziell für taubblinde Menschen mit einer Beschreibung des Filmes. Katja Fischer, die sich politisch auch für die „Aktion Gebärdensprache“ (Aktion DGS) engagiert, über ihren Film: „Ziel ist es, die Situation, in der taubblinde Menschen leben, darzustellen und somit deutlich zu machen, dass Inklusion kein Beiwerk, sondern ein Menschenrecht ist.“


Info:

Der Begriff „Taubblindheit“ beschreibt eine komplexe Sinnesbehinderung. Meist ist damit nicht der vollständige Ausfall des Hör- und Sehvermögens, sondern die viel häufigere Kombination von mehr oder weniger starker Hör- und Sehbeeinträchtigung gemeint. Daraus können sich Schwierigkeiten für die Mobilität und die räumliche Orientierung der taubblinden Menschen ergeben. Die Kommunikation wird mit Hilfe einer Vielzahl unterschiedlicher Kommunikationssysteme möglich. Ein Beispiel ist die taktile Gebärdensprache.
 
Katja Fischer ist Hochschuldozentin für Deaf Studies und Gebärdensprachdolmetscherin. Ihr Film „Taubblinde in der Isolationshaft!?“ ist auf ihrer Internetseite www.katjafischer.de zu finden.
 
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Isolation auf Grund von Taubblindheit entgegenzuwirken und die Inklusion in Hinblick auf taubblinde Menschen voranzutreiben. Die Arbeitsgemeinschaft setzt sich seit zehn Jahren für die Rechte taubblinder Menschen, unter anderem durch den Einsatz von Taubblindenassistentinnen und -assistenten, ein.



Linktipps:
Der Film „Taubblinde in der Isolationshaft!?“ ist auf Katja Fischers Homepage zu sehen
Mehr über Taubblindheit beim Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden
Infos zu Assistenz für Taubblinde beim Taubblinden-Assistenten-Verband
"Wir werden weiter kämpfen!" Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über die Aktion Gebärdensprache am 14. Juni 2013 in Berlin

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