Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Stufenlose Römerwelt

Um das Jahr 12 vor Christus kamen die ersten Römer an den Niederrhein. Dabei kämpften sie sich durch dichte Wald- und Sumpfgebiete. Hindernisse jeglicher Art beseitigten sie mit dem Schwert oder ähnlich grobem Werkzeug. Barrierefrei war ihr Weg durch "Niedergermanien" beileibe nicht. Wie heutzutage Barrierefreiheit und Römerwelt zusammenpassen, zeigt der Archäologische Park Xanten (APX) – das größte und meistbesuchte archäologische Freilichtmuseum in Deutschland.

Römer-Museum in Xanten: Riesige Rampe bis unters Dach Axel Thünker DGPh

"Herzstück des Parks ist das im Jahr 2008 eingeweihte Römer-Museum mit seinen über 2.000 Exponaten", sagt Marianne Hilke, Vorkämpferin für Barrierefreiheit im Archäologischen Park Xanten (APX). Ich treffe die engagierte Frau, die als Museumspädagogin des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) im Xantener Archäologie-Park angestellt ist, im Eingangsbereich des Römer-Museums."77 Meter lang, 22 Meter hoch und 25 Meter breit", erklärt sie mir, sei das Museumsgebäude. "Genauso groß wie die antike Eingangshalle zu der öffentlichen Thermenanlage – zu Deutsch: Badeanstalt –, die hier zur Römerzeit stand."

Rampenmuseum

Mehr als 500.000 Besucher kommen jährlich in die rekonstruierte Römerstadt und das Römer-Museum in Xanten. Zu sehen und zu erfahren gibt es eine für die Germanen von damals völlig neue und fremde Lebensweise: steinerne Architektur, ausgebaute Straßen und Verkehrswege, diverse Güter und Lebensmittel aus dem Mittelmeerraum, Schriftkultur, römische Waffentechnik, Münzwesen und vieles mehr.
Das Museum erschließt sich über eine riesige Rampe, die sich vom Eingangsbereich bis unter das hohe Dach schlängelt. Für Rollstuhlfahrer bestens geeignet. Zudem gibt es einen Aufzug, der auf mehreren Ebenen anhält. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkung wurden Ruhebereiche mit Sitzgelegenheiten eingerichtet.

Führungen für Menschen mit unterschiedlicher Behinderung

"Aber was genau", möchte ich von Museumspädagogin Hilke wissen, "bedeutet überhaupt Barrierefreiheit in einem archäologischen Park und im Römer-Museum?" Seit über 20 Jahren veranstaltet der Archäologische Park Xanten Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen, erklärt sie mir. Außerdem ist in der römischen Herberge eine Tastgalerie eingerichtet. Hier können die Rekonstruktionen der Römergebäude anhand von Modellen erfasst werden.
Auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung werden geführte Rundgänge angeboten. Geschichtliche Hintergründe werden dabei spielerisch erklärt, vieles kann ausprobiert und angefasst werden. Zum Beispiel die Kleidung der Römer. Menschen mit Hörbehinderung können an den offenen Sonntagsführungen teilnehmen, die von Gebärdensprachdolmetschern begleitet werden. Von Gebärdensprachdolmetschern begleitete Führungen können gegen Aufpreis auch individuell gebucht werden. Außerdem gibt es tragbare Multimediageräte, die durch das Römer-Museum mit Filmen in Gebärdensprache leiten. Dieses Angebot soll in Zukunft auf den gesamten Archäologischen Park ausgeweitet werden.
Und auch die Homepage des APX bietet nicht nur Informationen zum Service für Menschen mit Behinderung, sondern auch Info-Videos in Gebärdensprache. Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse erzählen in Gebärdensprache das Wichtigste über die einstige Römerstadt. "Natürlich bleibt noch eine Menge zu tun in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion", sagt Marianne Hilke. "Leichte Sprache wird ein großes Aufgabenfeld für die Zukunft sein. Ich möchte einen Ausstellungskatalog in Leichter Sprache erstellen. Außerdem wollen wir die Kooperationen mit Förderschulen und Schulen mit inklusiven Klassen intensivieren."

Auf dem Sandweg zum Hafentempel

Vom Römischen Museum gehe ich auf befestigtem Sandweg etwa 500 Meter zum mächtigen Stadttor der Römerkolonie "Colonia Ulpia Traiana". Auf dem Wachturm des Tores, der leider nur über Treppen zu erreichen ist, hat man einen guten Überblick über den archäologischen Park und die angrenzende Altstadt von Xanten. Der APX ist weitläufig. Gut einen Kilometer voneinander entfernt liegen die einzelnen Gebäude und Attraktionen, die ich aufsuche: das kleine Gebäude, in dem römische Kutschen und ein uralter Wegeplan mit Römerstraßen von Britannien bis Indien ausgestellt sind, die Steinsammlung mit Originalfunden aus Xanten, der monumentale Hafentempel, die gemütliche römische Herberge mit Werkstätten und Badehaus, das Amphitheater und der riesigen Abenteuer-Spielplatz, der kaum ein Kind kalt lassen dürfte. Abgesehen von Stadttor und Hafentempel sind alle Gebäude der rekonstruierten Römerstadt barrierefrei zugänglich. Bauhistorisch unvermeidbar gibt es an einigen Stellen Schwellen und Stufen, die man aber mit mobilen Rampen überwinden kann. Ebenfalls barrierefrei sind die Toilettengebäude. Breite Zugangswege und Türen bieten ausreichend Platz für Rolli- und Kinderwagenfahrer.

Gratwanderung und Tastplan

Die Verbindungswege – gebaut wie einst zur Römerzeit – dürften für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und für Rollifahrer, abgesehen von der Distanz zwischen den Gebäuden, kein Hindernis darstellen. Außer bei Dauerregen! "Oft ist das eine echte Gratwanderung zwischen archäologischer Genauigkeit und Barrierefreiheit", erklärt Marianne Hilke. "Wie zu Zeiten der Römer sind die Wege hier nicht asphaltiert, aber bei Dauerregen gibt es eben große Pfützen, und die Rollstuhlfahrer bleiben im Schlamm stecken." Ein Leitsystem für blinde und sehbehinderte Menschen gibt es leider nicht. Dafür aber an der Information des Römer-Museums einen Tastplan des Parks mit Erklärungen in Brailleschrift.

Im Schlamm stecken geblieben sind vor 2.000 Jahren auch die Römer ab und zu. Der Lehmabdruck der Legionärssandale im Eingangsbereich des Museums beweist es. In Sachen Barrierefreiheit ist im APX aber eine Menge in "trockenen Tüchern" oder zumindest auf einem guten Weg.
Übrigens: Der Eintritt in den APX sowie in alle anderen Museen des Landschaftsverbands Rheinland ist für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren das ganze Jahr über frei. Menschen mit Behinderung zahlen einen reduzierten Eintrittspreis von 6 Euro.


Mehr zum Thema:
Der Archäologischen Park Xanten
Service für Menschen mit Behinderung im APX
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Der blaue Engel wird greifbar. Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über barrierefreie Führungen in der Deutschen Kinemathek in Berlin
Städte zum Ertasten. Ein Interview im Blog von Stefanie Wulff mit Egbert Broerken, der Stadtmodelle aus Bronze für blinde Menschen baut
Kunst für alle: Auch Hände können sehen. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die barrierefreien Ausstellungen des Künstlers Horst W. Müller

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