Aktion Mensch-Blog

Studium mit Behinderung? Na klar!

Wow, bereits ein gutes halbes Jahr ist es nun her, dass ich meinen Uni-Abschluss in der Tasche habe. Und meine größte Stütze, mein Rollstuhl, hat mich immer unter meinen Pobacken begleitet. Die letzten vier Jahre haben mir gezeigt, dass Barrierefreiheit an universitären Einrichtungen noch lange keine Selbstverständlichkeit ist. Aber: Ich würde mich immer wieder für ein Studium entscheiden.

Studieren mit Behinderung: Begegnungen ohne Berührungsängste

Ottobock

In meiner Uni-Zeit habe ich nur selten einen anderen Studenten auf dem Campus mit sichtbarer Behinderung gesehen. Doch warum ist das Studieren mit einer körperlichen Behinderung scheinbar noch so eine Besonderheit? Ich habe viele Momente erlebt, in denen mich der Rollstuhl in meinem Studienalltag eingeschränkt hat. Zum Beispiel, wenn ich mal wieder nicht in einen Vorlesungssaal kam, so wie ich es mir vorstellte. Aber es gab auch die Momente, in denen meine Behinderung mir gar nicht bewusst war, etwa wenn ich mit meinen Kommilitonen kleine Abenteuer erlebt habe.

Barrierefreiheit in der Uni – antike Aufzüge und schwere Türen

Zu meiner Universität gibt es sehr viel zum Thema Barrierefreiheit zu sagen: Das Hauptgebäude ist mein Lieblingsgebäude. Da bin ich immer ohne Probleme und fremde Hilfe ausgekommen. Es gab Fahrstühle, behindertengerechte Toiletten und barrierefreie Hörsäle. Perfekt!

Doch wenn ich mal wieder dem heißbegehrten Prüfungsamt einen Besuch abstatten musste, war ich schon leicht genervt – und das nicht nur wegen des Papierkrams. Das Gebäude ist für Rollstuhlfahrer eine Katastrophe. Die Türen sind so schmal, dass ein breiterer Rollstuhl, wie es meiner ist, kaum in das Gebäude kommt. Genau so war es mit dem Aufzug. Es kam mir vor, als würde er aus dem letzten Jahrhundert stammen. Es war so eng, dass lediglich mein Rollstuhl und ich hineinpassten, gleichzeitig war die Tür so schwer, dass ich sie kaum öffnen konnte.

In andere Gebäude, in denen ich regelmäßig Vorlesungen hatte, kam ich ohne Hilfe gar nicht rein. Auch in die Uni-Bibliothek kam ich nicht alleine. Der Fahrstuhl dort ist in einem abgesperrten Bereich, so dass mich bei einer Fahrt mit dem Fahrstuhl immer Mitarbeiter begleiten mussten. Das ist nicht gerade ein tolles Gefühl. Ich mache gerne alles ohne Hilfe, wenn es geht. Sowas nervt!

Tolle Begegnungen an jeder Ecke

Dennoch sind mir auch viele Momente im Kopf geblieben, in denen ich positiv überrascht wurde. Mir sind zum Beispiel ganz viele Menschen ganz offen begegnet, ohne Berührungsängste. Das hat es mir einfach gemacht, Kontakte zu schließen. Meine Kommilitonen waren es auch oft, die mir dann bei Barrieren, wie schweren Türen oder einem kleinen Absatz, geholfen haben. Somit konnte ich diese Barrieren auch irgendwie akzeptieren. Besser wäre es natürlich trotzdem, wenn es sie gar nicht geben würde :-)

Lernen von den Engländern

Spannend war auch mein Auslandssemester in England. Die Uni in London war meiner Uni in Stuttgart auf jeden Fall in einigen Sachen einen Schritt voraus. Barrierefreie Wohnungen auf dem Campus, rollstuhlgerechte Vorlesungsräume und zusätzliche Betreuung von Studenten mit Behinderung, sowohl von der rechtlichen Perspektive aus als auch bei der Eingliederung von behinderten Studenten, gehörten einfach dazu.

An vielen deutschen Unis müssen sicherlich noch einige Barrieren abgebaut werden. Ich muss aber sagen, dass auch schon viele Bemühungen für ein barrierefreies Studium geschaffen wurden und auch noch im Prozess sind. Hierzu sind zum Beispiel die Behindertenbeauftragten der verschiedenen Universitäten zu nennen.

Ich würde Menschen mit Behinderung auf jeden Fall zu einem Studium ermutigen. Natürlich war ich einigen Barrieren ausgesetzt, doch ich habe sie gemeistert und habe somit auch gelernt, mich ihnen zu stellen.

 

Linktipps:

Mehr Infos zum Thema Studium und Behinderung beim Familienratgeber

„Ein Stück weit Utopie“: Inklusion an deutschen Hochschulen

Mit eLearning zu barrierefreien Unis: Interview mit Prof. Gerhard Weber über Barrierefreiheit durch neue technische Möglichkeiten an den Hochschulen

„Sie können in Ihrer Situation kein Referat halten“: Persönliche Erfahrungen mit einem Studium mit Behinderung

Promovieren mit Behinderung: Promotionsprogramm „InWi“ der Uni Bremen für Menschen mit Behinderung

Werkzeugkasten inklusive Uni: Forschungsprojekt entwickelt Ideen für ein behindertengerechtes Studium

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