Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Studieren mit einer Behinderung

"Studieren mit einer Behinderung" – klingt erst mal gut! Es lenkt die Fantasie in die Richtung von "beispielhafte Inklusion" und "körperlich eingeschränkte Akademiker", und es klingt nach einem Privileg, das andere Behinderte – zum Beispiel in ärmeren Ländern – nicht haben. Es klingt nach einer Chance, die man unbedingt nutzen sollte, denn diese Chance kennt keine Wiederholung ...
Doch: Lassen Sie sich nicht blenden, meine Damen und Herren! Manchmal ist alles noch viel schöner, amüsanter, ironischer und (a)sozialer, als man denkt!

Ein Kompliment an die HAW-Hamburg (Hochschule für angewandte Wissenschaft)

Vorab muss ich ein Kompliment aussprechen: Alle Professoren und andere Mitarbeiter der Hochschule sind SEHR bemüht, das Studieren für alle zu ermöglichen, insbesondere für Studenten mit einer Behinderung jeglicher Art und für Mütter.

Die Begriffe "Handicap" und "Mütter" hängen nicht zwangsweise zusammen, werden aber in der Hochschule so gehandhabt: Wir – die "Benachteiligten" – dürfen in unseren Stundenplan für das aktuelle Semester einige Wochen vor der offiziellen Verlosung unsere Wünsche eintragen und kommen ohne Weiteres in fast jedes Seminar. Ich genieße es, denn so muss ich nie vor 10 Uhr in der Fachhochschule sein und bin dort auch selten länger als 16 Uhr. Dadurch haben "wir" viele Neider. Vielleicht sogar Hasser. Man kann sie jedoch gut ausblenden, wenn man sich selbst ständig einredet, dass wir schließlich Studenten der Sozialen Arbeit sind und man uns aufgrund unserer – wohl bemerkt nicht frei gewählten Situation – nicht verachten darf! Und so ruhen wir uns darauf aus, genießen die Bevorzugung und ignorieren gekonnt die Bemerkungen der "Anderen", der nicht Ausgeschlossenen, die sich aber ausgeschlossen fühlen, über die Montagsvorlesung um 8 Uhr.

Für jede Frage, Anregung und jegliche Art von Kritik gibt es eine Anlaufstelle, und das Ausgesprochene wird ernst genommen, auch wenn nicht für alles eine Lösung gefunden werden kann. Die Professoren sind offen für alles und jeden, es gibt sogar eine Sprechstunde für psychisch kranke und körperlich behinderte Studierende. Es wird gern gesehen, wenn sich Studierende engagieren, und dabei spielen die Einschränkungen keine Rolle. Man guckte mich niemals "komisch" an, ich fühlte mich nie fehl am Platz. An unserer Hochschule scheint es keine Barrieren zu geben ... Ja, man darf und sollte es als Privileg bezeichnen!

Die Türen sind breit genug, die Räume riesig – allerdings nur, wenn man nicht die Stockwerke wechseln möchte. Denn DANN hört es prompt mit dem Sozialsein auf! Der Kampf beginnt: WER bekommt den Fahrstuhl?! WER kommt als Erster im vierten Stock an?!

Der Kampf um den Fahrstuhl

Imaginär läutet die Glocke am Ende der Vorlesung, und das gilt als Startschuss für den Kampf, der sich mehrere Male am Tag wiederholt. Noch bevor ich mich umsehen kann, haben alle den Raum verlassen und ich ... packe langsam meinen Stift ein ... klappe den Ordner zu ... überlege, in welches Stockwerk ich gleich muss, und mir fällt ein, dass heute Dienstag und nicht Montag ist. Dann warte ich auf meine Assistentin, die nur selten in den Vorlesungen dabei ist. Gemeinsam "schlendern" wir zu dem begehrtesten "Kampfobjekt an der ganzen Hochschule".

Die Minuten vergehen. Noch realisiere ich es nicht, aber in 6 Minuten und 23 Sekunden beginnt meine nächste Vorlesung nur einen Stockwerk höher. Ich warte auf den Fahrstuhl, von denen wir übrigens insgesamt zwei haben, die aber an jedem Tag zu jeder Uhrzeit überfüllt sind. "Die FH scheint viele Rollstuhlfahrer zu haben!", denke ich mir, gucke aus dem Fenster, und mir fallen nur drei weitere Rollstuhlfahrer ein. "Vielleicht viele Gehbehinderte ... oder ...", der Gedanke wird nicht zu Ende gedacht. Der Fahrstuhl ist da! Ich düse in der höchsten Fahrtgeschwindigkeitsstufe hin und – werde von fünf Gesichtern entschuldigend angelächelt. Keine Behinderten sichtbar. Oder die Behinderung ist unsichtbar. Ich lächle zurück und versuche mir alle Gesichter zu merken, um mich dann im richtigen Moment zu rächen. Die Tür geht wieder zu. Dann auf. Dann zu. Ich werde es müde zurückzulächeln. Dann, als ich nur noch eine Minute und 13 Sekunden bis zur Vorlesung habe, ERBARMT sich jemand und entscheidet sich, die Treppe zu nehmen. Wenn Sie glauben, alle Fahrstuhlinsassen waren sich über diese Entscheidung einig, dann täuschen Sie sich. Meistens ist nur ein Insasse im Fahrstuhl mit sozialen Charakterzügen, der dann alle anderen zum Sozialsein auffordert. Genervt fahre ich in den engen Fahrstuhl, in den ich nur alleine reinpasse, und nehme mir für morgen vor, ein Schild hochzuhalten: "Bist DU wirklich (a)-sozial?" Viel zu spät (naja, 2 Minuten und 17 Sekunden) komme ich zum Seminar. Die Studierenden kommen oft zu spät, es wundert daher keinen. Meine befreundeten Kommilitonen wissen den wahren Grund. Vorne ist kein Platz mehr frei, ich muss hinten sitzen, was bei meiner Kurzsichtigkeit (auch das noch!) heißt, dass ich keines der Tafelbilder erkennen werde. Also könnte ich mir noch einen Kaffee holen!

Ach nee. Geht ja gar nicht. Ich kann in der Fachhochschule gar nicht auf die Toilette gehen – und das liegt nicht an mir. Das ist eine gesonderte Geschichte, die ich gern demnächst erzählen werde.

Bis dahin – denken Sie an mein Schild und tun Sie alles dafür, dass Sie sich nicht angesprochen fühlen!

PS: Ich habe einen neuen Rollstuhl, der so groß ist, dass ich nun gar nicht mehr in den Fahrstuhl passe. Jetzt fahre ich ganz entspannt mit dem Lastenaufzug – und komme dennoch zu den Vorlesungen immer zu spät! Da ist etwas faul.



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