Aktion Mensch-Blog

Strüßjer, Zöpfe, Pfauenfedern

Alaaf! Guido Osten, Helmut Dressler und Sina Ringel feiern seit Jahren begeistert den rheinischen Karneval. In diesem Jahr bilden sie als Prinz, Bauer und Jungfrau das erste Dreigestirn des Eichhofs in Much, einer Lebensgemeinschaft für Menschen mit geistiger Behinderung. Mit ihrer eigenen Tanzgarde treten sie jetzt zur Hoch-Session des Karnevals in vielen Sälen auf.

Auftritt des Eichhof-Dreigestirns: Mit Begeisterung gefeiert Fotos: Eichhof

Der Kopfschmuck hat es in sich. „Pfauenfedern“, erklärt Bauer Helmut stolz. Gut ein Meter lang ist die Zier an dem großen Hut. Und bietet damit auf dem Weg vom Reisebus zum Auftritt schon mal Angriffsfläche für den Wind. „Einmal war der Hut fast weg“, sagt er. Aber von solchen Überraschungen lassen er und Prinz Guido I. sowie Jungfrau Sina sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie genießen ihre Auftritte. Das Größte sei es, in einen Saal einzuziehen und von den Menschen mit Begeisterung empfangen und gefeiert zu werden. Prinz Guido I., Bauer Helmut und Jungfrau Sina sind das erste Dreigestirn des Eichhofs in Much, einer für Menschen mit geistiger Behinderung. Und da es in der Gemeinde im Rhein-Sieg-Kreis in diesem Jahr keine eigenen Tollitäten gibt, haben sich die drei kurzerhand bereit erklärt, auch dort als Dreigestirn aufzutreten.

Wunsch seit Kindertagen

Den Wunsch, einmal Prinz zu sein, hat Guido Osten (45) schon seit Kindertagen. Denn so lange ist er schon Mitglied der Ehrengarde Hürth-Efferen, sein Bruder Thomas Osten ist dort Präsident. Die Unterstützung aus der Familie war ihm also sicher. Bauer Helmut Dressler (52) arbeitet im Alltag gemeinsam mit Guido Osten in der Schreinerei des Eichhofs. „Wir machen schöne Sachen“, sagt er und zeigt stolz auf ein hölzernes Nachziehkrokodil. Seit sechs Jahren lebt er auf dem Eichhof. In seinem Zimmer sammelt Helmut Dressler seit Jahren Bücher von Prinz Eisenherz; er zeichnet und schreibt. Erste Erfahrungen mit öffentlichen Auftritten sammelte er als Musiker mit dem Eichhof-Orchester, zum Beispiel in Bonn auf dem Münsterplatz.

Sina Ringel lebt seit fünf Jahren auf dem Eichhof. Sie arbeitet im dortigen Dorfladen, sortiert die Waren in den Regalen. Vom Kölner Karneval ganz angetan, hat die 36-Jährige schon lange einen Wunsch: einmal Jungfrau zu sein. Das lange Kleid, die Perücke mit den Zöpfen, die Krone darauf – sie liebt ihr Ornat. Und obwohl sie sportlich ist, gerne schwimmt und reitet, befürchtet sie manchmal, auf der Bühne „zu steif“ zu sein. Deshalb zeichnen die Eltern in Mönchengladbach ihr alle Fernsehübertragungen vom Kölner Karneval auf. „Damit ich mir ganz genau anschauen kann, wie sich die Jungfrau bewegt“.

Die Begeisterung schwappt gleich über

Eines hat sich allerdings bei allen bisherigen Auftritten gezeigt: „Steif“ ist keiner in diesem Dreigestirn. Ihre Begeisterung schwappt beim Einzug in die Säle gleich über. Ebenso wie Bauer Helmut gefällt Prinz Guido I. vor allem das Schmeißen der „Strüßjer“, „richtig mit Schmackes“. Und das Bützen mögen sie. Und egal ob bei ihrer Proklamation im vergangenen Herbst oder bei den vielen Auftritten jetzt in der Session, die von ihren Betreuerinnen Wilfriede Tietz-Polonowski und Claudia Steimel organisiert werden, begleitet werden sie immer von ihrem Prinzenführer Philipp Heider sowie der eigenen fünfköpfigen Tanzgruppe des Eichhofs. Gemeinsam feiern sie dann „auch schon mal bis in die Nacht“, sagt Bauer Helmut.


Kleines Karnevals-Glossar:

Alaaf: Rufen die Feiernden im Kölner Raum zu Karneval. Der Ausspruch geht zurück auf einen Gruß in einer Bittschrift des Fürsten Metternich im 16. Jahrhundert „Cöllen al aff“, was so viel bedeutete wie „Köln über alles“.

Bützen: Küssen

Dreigestirn: In Köln – und eben oft auch in der Umgebung – steht kein Prinzenpaar, sondern das Dreigestirn – auch Trifolium genannt – an der Spitze des Karnevals. Es besteht aus dem edlen Prinzen, dem Bauern als Symbol der Wehrhaftigkeit und der Jungfrau, abgeleitet von der beschützenden Mutter Colonia.

Session: Anderer Begriff für die so genannte „Fünfte Jahreszeit“, die immer am 11. November beginnt und am Aschermittwoch endet.

Strüßjer: Kleine Blumensträuße, die beim Einzug in einen Festsaal, aber auch beim Karnevalszug geworfen werden.

Tollitäten: Zusammensetzung aus „toll“ und „Majestäten“, Umschreibung für die Regenten im rheinischen Karneval.


Linktipps:
Das Handlungsfeld "Inklusion leben: In der Freizeit" der Aktion Mensch
Karneval inklusiv. Ein Blogbeitrag von Ulli Steilen über Jecken mit Behinderung im Karneval
 

Bisher hat noch kein Besucher diesen Beitrag kommentiert – mach du den Anfang!


Mit Aktion Mensch-Nutzerkonto

Melde dich an und diskutiere mit!

Als Gast

Gib deinen Namen oder ein Pseudonym sowie deine E-Mail-Adresse an und kommentiere als Gast:

Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.


Filter

Schlagwort


Tags

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

Noch kein
Geschenk?