Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Streicheleinheiten, Schokolade und schöne Sprüche

Oder: Mit dem Rollstuhl unterwegs in der Vorweihnachtszeit

Seit ich denken kann, sitze ich im Rollstuhl. An Blicke, Kommentare und gute Ratschläge habe ich mich gewöhnt, genauso wie an kaputte Fahrstühle oder Treppenstufen. Jetzt in der Vorweihnachtszeit bekomme ich beim Einkaufen oder Fahrstuhlfahren oft etwas von Menschen, die ich nicht kenne – umsonst und ungefragt. Gerade gestern habe ich wieder so einen Tag erlebt.

Ein Einkauf mit Geschenken

Vor dem Supermarkt steht eine Frau und wiegt eine Obdachlosenzeitung in ihren Armen. Als sie mich sieht, hört sie auf, sich zu bewegen, seufzt und sieht zu Boden. Gleich bin ich mit einer Freundin in Steglitz verabredet. Ich muss noch schnell in den Supermarkt, um uns mit Süßigkeiten und einem leckeren Getränk für einen gemütlichen Nachmittag auszustatten. Der Supermarkt ist gut besucht, und mit dem Rollstuhl brauchen meine Assistentin und ich etwas Geduld und Zeit, um durch die gut gefüllten Gänge zu kommen. Bei den Regalen mit der Schokolade kommt eine ältere Dame auf mich zu. Sie lächelt, als sie mich sieht. "Na? Da freut sich aber wer, da freut sich aber wer auf Weihnachten, oder? Aber nicht zu viel Schokolade essen", sagt sie und schiebt ihren Einkaufswagen weiter durch die Regalreihe. Als sie wieder mit ihrem vollen Einkaufswagen an meiner Hand vorbei kommt, die wegen meiner Behinderung immer zu Seite gestreckt ist, ergreift sie sie, drückt sie viel zu fest und streichelt sie. "Hallo, hallo, hallo", sagt sie noch, bevor der Einkaufswagen um die Ecke verschwindet. Meine Assistentin sieht mich an und grinst. Dann suchen wir die Einkäufe zusammen. Als wir bezahlt haben, treffen wir die Frau wieder. Sie stellt sich mit ihrem Trolley, einem Einkaufskorb auf Rädern, in den Weg. "Warten Sie, warten Sie, warten Sie", ruft sie und kramt in dem Trolley herum. Sie grinst zufrieden und präsentiert mir einen kleinen Weihnachtsmann aus Schokolade. Dann sucht sie wieder und hält eine Mandarine in der Hand. "Zu dem Süßen auch was Gesundes, damit sie auch was Schönes hat in ihrem Leben." Ich überlege kurz, ob sie den Weihnachtsmann oder die Mandarine meint, aber ein Weihnachtsmann ist ja keine sie. Auch wenn er aus Schokolade ist. Sie zögert kurz, sieht auf meine Hände und legt mir ihre Geschenke stolz auf den Schoß. Die Mandarine rollt sofort los und fällt zu Boden. Aber das interessiert die Frau nicht mehr. Sie hat sich von uns weg in eine Ecke gestellt und sortiert ihre Einkäufe. Ich sehe zu ihr und sage zu meiner Assistentin, wir müssten uns beeilen, meine Freundin würde schon auf mich warten.

Gott und die Welt

Endlich haben wir den Supermarkt verlassen. Die Frau mit der Obdachlosenzeitung hat noch einmal geseufzt, als ich an ihr vorbei geschoben worden bin. Ein Mann kommt uns entgegen. Am liebsten würde ich die Straßenseite wechseln, denn jetzt bin ich mir sicher, ich werde meine Freundin warten lassen müssen. Der Mann bleibt vor uns stehen. Er hat eine Aktentasche dabei, die er umständlich und daher langsam öffnet. "Weiß du?", fragt er mich und sieht meine Assistentin dabei an. "Der Herr Jesus, der Sohn vom lieben Gott, hat alle Menschen lieb." Er lächelt. Er wiederholt den Satz, den er mir schon gesagt hat und öffnet umständlich und daher viel zu langsam eine braune Aktentasche. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich keine Zeit mehr habe, für ihn und seinen lieben Gott, aber das lässt er nicht gelten und macht den Weg nicht frei. Er schließt kurz die Augen und sagt: "Mit Erbarmen und Gottesliebe lässt sich jedes Schicksal überstehen." Ich muss grinsen, aber auch das scheint ihn nicht zu beeindrucken. Er erzählt mir, wie groß Gott und seine Liebe wären. "Auch für Menschen wie dich ist er da. Für alle Menschen auf der Welt. Immer." Seine Augen leuchten dabei, und ich weiß nicht, ob ich das nicht als Drohung verstehen sollte. Ich nicke, und er gibt meiner Assistentin endlich ein Faltblatt mit Informationen. Er sieht noch einmal zu mir, dann zum Himmel und sagt schließlich: "Gott schütze Sie." Meine Assistentin zeigt mir das Faltblatt, das das Logo einer bekannten deutschen Freikirche zeigt. Auf dem Faltblatt ist ein dunkler Himmel abgebildet, der immer heller wird. Darunter steht der Spruch: Der Herr ist das Licht und der Weg. "Na dann, auf zu meiner Freundin", sage ich zu meiner Assistentin, "und das ist doch etwas für den nächsten Papierkorb."

Eine Fahrstuhlfahrt mit Gesundheitseffekt

Ich warte an dem Fahrstuhl der U-Bahn-Linie U9, um endlich zu meiner Freundin zu kommen. Meine Assistentin hat schon dreimal auf den Fahrstuhlknopf gedrückt, aber noch tut sich rein gar nichts. Im Kopf plane ich schon eine Alternativroute, falls der Fahrstuhl wirklich kaputt ist. Ein älterer Mann tritt neben uns. Er drückt ebenfalls auf den Knopf und schüttelt den Kopf, als sich nichts tut. Er sieht mich an. Dann meine Assistentin, dabei schüttelt er noch einmal den Kopf. Nicht schon wieder, denke ich und meine Assistentin grinst verschwörerisch.
"Ihr muss doch kalt sein, bei dem Wetter. Das ist doch nicht gut für sie, bei so einem Wetter rauszugehen. Sie muss es doch immer schön warm haben." Meine Assistentin antwortet ihm nicht, und ich sage ihm, dass mich meine Daunenjacke gut wärmen würde. Der Mann reagiert nicht auf meine Worte. Endlich kommt der Fahrstuhl und wir steigen ein.
Um zum Bahnsteig zu gelangen, müssen wir einen zweiten Fahrstuhl nehmen, an dem bereits eine Frau wartet. Sie lächelt breit, als sie uns kommen sieht. Sie hat einen Einkaufskorb dabei und nimmt einen Werbezettel daraus. "Das ist gut für Sie!", sagt sie, und meine Assistentin und ich sind uns nicht sicher, wen sie meint. "Dann geht es auch ihr wieder gut. Das hilft ihrem Körper, diese Therapie." Sie zeigt mit dem Finger auf mich und nickt zufrieden.
Der Fahrstuhl kommt, und wir steigen ein.
"Sie machen das mit heißen Steinen und elektromagnetischen Feldern, aber Sie müssen ein weißes Handtuch mitnehmen. Auch für Sie", sagt sie und sieht meinen Rollstuhl an. "Das hilft ganz bestimmt. Aber denken Sie an das weiße Handtuch. Ohne weißes Handtuch klappt es nicht!", mahnt sie und steigt aus, als der Fahrstuhl anhält.

Endlich kommt die U-Bahn. Wir steigen ein. An der zweiten Station auf der Strecke betritt ein Verkäufer einer Obdachlosenzeitung das Abteil. Er sagt den so oft auf dieser Linie gehörten Spruch auf und präsentiert seine Zeitung. Als er zu mir kommt, lächelt er. Ich will ihm eine Zeitung abkaufen, aber er schüttelt den Kopf, legt mir die Zeitung auf den Schoß und zwinkert mir zu.

Und was habt ihr erlebt? Schreibt es mir hier als Kommentar!


Linktipps:
Berührungsängste abbauen. Ein Blogbeitrag von Carina Kühne über Probleme im Umgang mit Menschen mit Behinderung
Gehwalt. Ein Blogbeitrag von Raúl Krauthausen über seine Erfahrungen mit Gewalt
Einmal nichts Besonderes sein. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über das Gemeinschaftsgefühl bei Treffen von Selbsthilfegruppen

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