Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Stimmen zur Schulinklusion: Die Lehrer-Perspektive

Wir haben Lehrerinnen und Lehrer gefragt, welche Erfahrungen sie mit Inklusion gemacht haben, was sie von dem Konzept einer "Schule für alle" halten und was sie sich für die Zukunft unseres Schulsystems wünschen.

Es darf nicht kaputt gemacht werden, was gut funktioniert

Bettina (40, vollständiger Name ist der Redaktion bekannt) unterrichtet an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen:

"Letzten Endes ist es egal, wie ich das Konzept der Inklusion bewerte, denn durch die UN-Behindertenrechtskonvention weiß ich, dass Inklusion Menschenrecht ist. Aber genau DAS denke ich auch dazu. Unsere Gesellschaft darf es sich nicht weiterhin leisten, Menschen auszuschließen. Andere Länder sind wesentlich weiter.
Ich kenne viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer und Schulleiterinnen und Schulleiter. Sie alle brauchen auf dem Weg zur Inklusion viel Unterstützung. Es mangelt an Supervision, an Wissenschaft, am entsprechenden Personal an den Schulen.
Ich weiß, dass vor allen Dingen bei Eltern von Kindern mit schweren geistigen Behinderungen und bei Kindern, die an Schulen für den Förderbedarf Sprache sind, viele Ängste bestehen. Diese kann ich sehr gut nachvollziehen. Inklusion ist ein langer Prozess, und es darf nicht kaputt gemacht werden, was gut funktioniert.

Wir müssen uns der Frage stellen, wie der Mensch, den wir ausbilden, sein soll? Welche Ziele verfolgen wir mit Bildung? Was benötigt diese Welt, mit all ihren komplexen Problemen, in 20, 30 Jahren? Sind es Menschen, die schön an einer Linie entlangschneiden können, oder soziale Wesen, die bereit sind, für sich und andere jeden Tag aufs Neue ein Stückchen mehr die Welt zu retten?"

Klare Grenzen sind schwierig und ungerecht

Andreas Fürlinger (33) arbeitet in Oberösterreich an einer Höheren Bundeslehranstalt für Wirtschaftliche Berufe:

"Ich habe noch keine Erfahrungen mit Inklusion. Ich bewerte das Konzept aber positiv, weil ich es schwierig und teilweise ungerecht finde, eine klare Grenze zwischen "normal" und "nicht normal" bzw. "behindert" und "nicht behindert" zu ziehen.
Wenn ich das Thema Finanzierung einmal ausblende, wünsche ich mir: generell kleinere Gruppengrößen. Das bedeutet sowohl für inklusiven als auch für sog. "exklusiven" Unterricht, dass Lehrerinnen und Lehrer mehr Gelegenheit haben, Unterschiede hinsichtlich Begabungen, Motivationen, Vorlieben, Bedürfnissen, Schwächen und Beteiligungen wahrzunehmen und darauf reagieren zu können.
Wenn ich das Thema Finanzierung mit einbeziehe, dann wünsche ich mir: viel mehr Einbeziehung von behinderten Kindern und Jugendlichen in den Alltag von nichtbehinderten Schülern. Behinderung wird medial zu guten Teilen ausgeblendet, indem sie in Wort und Bild vernachlässigt wird. Wenn es für behinderte Schüler "normal" ist, in eine Schule zu gehen, die "gelegen" ist, dann ist es auch für nichtbehinderte Schüler normal, diese Realität wahrzunehmen und damit umzugehen."

Von der großen Nachfrage überrollt

Laura Mertens (35, Name geändert) unterrichtet an einer Hamburger Grundschule:

"An unserer Schule gibt es zwei Inklusionsklassen. In ihnen besitzen ca. ein Drittel der Kinder ein Paragraf-12-Gutachten, welches aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten, Lernschwächen oder Sprachdefiziten erstellt wurde. Körperlich behinderte Kinder besuchen bisher nicht unsere Schule, was wohl auch daran liegt, dass fast alle unsere Räumlichkeiten für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar sind.
Ich finde das Konzept der Inklusion in Prinzip sehr gut. In unseren Klassen wird es auch engagiert und erfolgreich umgesetzt. Natürlich gab es keine Zusatzausbildung, und man wird mal wieder mehr oder weniger ins kalte Wasser geschmissen. Die Zusammenarbeit mit den Sonderschulpädagogen an unserer Schule läuft aber wirklich gewinnbringend. Jede Inklusionsklasse verfügt jedoch nur über eine begrenzte Anzahl an Stunden mit Doppelbesetzung, die restliche Zeit stellt sich der Lehrer der neuen Herausforderung allein.

Besonders im ersten Jahrgang gibt es mehrere Schüler, für die bisher kein Gutachten erstellt wurde, die aber dieselben Bedürfnisse und denselben Unterstützungsbedarf hätten. Für diese Schüler gibt es kein zusätzliches Personal, und zurzeit herrscht sogar ein Antragsstopp, das heißt, die Eltern oder der Lehrer können auch gar keine Unterstützung für diese Kinder beantragen, weil kein Fachpersonal zur Verfügung steht! Hamburg scheint von der großen Nachfrage überrollt worden zu sein und stellt nun mit Schrecken fest, dass die Inklusion doch teurer zu werden scheint, wenn man sie sinnvoll umsetzen und nicht nur auf dem Papier bewundern möchte. Sonderschulpädagoginnen sind rar und nicht billig, und sie werden dringend gebraucht."

Weitere Informationen:
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Bildung
Lehrer Online: Inklusion als Konzept
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Was Lehrerinnen und Lehrer in inklusiven Schulen können müssen

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