Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Stimmen zur Schulinklusion: Die Eltern-Perspektive

Wir haben nach den Lehrern auch Eltern gefragt, welche Erfahrungen sie mit Inklusion gemacht haben, was sie von dem Konzept halten und was sie sich für die Zukunft unseres Schulsystems wünschen.

Jessica M. (38, Hamburg): Kids mit Behinderung können nur verlieren

Ihr elfjähriger Sohn Fabian hat Epilepsie, Hydrocephalus (Wasserkopf) und Autismus-Spektrumstörung. Er besucht eine Schule für Kinder mit geistiger Behinderung.

"Fabian war als Integrativkind in einem Regelkindergarten und in einer integrativen Kindergartengruppe. Inklusion bewerte ich durchweg negativ. Im ersten Kindergarten wurde auf ihn nicht eingegangen, er war grundsätzlich Schuld an allem, was passierte. Als zusätzlich zum Hydrocephalus die Epilepsie ausbrach, wurde die Kündigung ausgesprochen. Der Kindergarten war sicher sehr bemüht, aber schlichtweg überfordert. Ich empfand es so, dass das Maß an den gesunden Kindern angelegt wurde, Kids mit Behinderung also nur verlieren konnten.
Inklusion aufgrund von Zwang durch Gesetzgebung kann nicht funktionieren, nicht zuletzt weil es einfach zu wenig geschultes Personal gibt. Ein Lehrer an einer Regelschule ist nicht so ohne weiteres in der Lage, Kinder mit verschiedensten Behinderungen angemessen zu betreuen und zu fördern."

Nora Müller (38, München, Name geändert): Alle Beteiligten profitieren von Inklusion

Sie hat zwei nichtbehinderte Söhne (4 und 8 Jahre). Der Ältere geht in eine Montessori-Schule und hat bisher keine Erfahrung mit Inklusion.

"Ich halte Inklusion für wichtig und richtig, weil ich natürlich davon ausgehe, dass alle Beteiligten davon profitieren können. Ich glaube, das Thema Inklusion muss insgesamt in unserer Gesellschaft positiver und intensiver im Gespräch sein. Unsicherheiten müssen zerstreut werden, es muss Hilfe geleistet werden, wo Berührungsängste bestehen.
Ich arbeite in der Montessori-Schule meines Sohnes und höre immer wieder die Geschichten verzweifelter Eltern, die versuchen, ihren Kindern den Quereinstieg bei uns zu ermöglichen, weil diese durch geringfügiges "Aus-der-Norm-Fallen" - sei es durch Legasthenie, Dyskalkulie oder andere "Defizite" - bereits in ganz, ganz frühen Jahren schlimmes Leid in ihrer Schullaufbahn erfahren müssen. Das gängige Schulsystem und ein von der Norm abweichendes Kind gehen nicht zusammen - das macht Kinderseelen kaputt, hindert sie daran, Freude am Lernen zu haben."

Bettina Bäumler (52, Frankfurt/Main): Warum eine unsinnige Grenze aufbauen?

Sie hat drei nichtbehinderte Kinder im Alter von 12 bis 20 Jahren, die inklusiv beschult werden und wurden. Allerdings kritisiert die Mutter Spareinschnitte der Landesregierung.

"Meine drei Kinder drei gingen/gehen in die Ernst-Reuter-Schule II in Frankfurt/Main. Das ist die erste integrierte und integrative Schule gewesen. Sie haben den Unterricht zusammen mit Kindern, die aus allen Bildungsschichten kommen, die alle Formen der Behinderung haben können, und so leben sie Inklusion seit der 5. Klasse. Prinzipiell halte ich diese Schulform für die allerbeste. In Klassen mit Inklusion ist es nicht so einseitig, denn alle vorstellbaren Menschen leben und arbeiten zusammen. Ernährung durch Magensonden, Rollstuhl anstatt Beinen, Anfallkrankheiten sind für unseren Junior okay, denn das ist eben so. Man selber sieht sich mit den Vorteilen einer anderen Gesundheit und doch nicht als besseren Menschen. Wie schnell wird aus einem Gesunden ein nicht mehr Gesunder. Das Leben geht trotzdem weiter. Warum also eine so unsinnige Grenze aufbauen?
Die Hessische Landesregierung hat in verschiedenen Schritten diese Schule kaputt umstrukturiert und schiebt die Inklusionskinder wieder ab in die Sonderschule. Wir sind so verärgert über die Zerschlagung der funktionierenden Infrastruktur. Die Landesregierung will dieses gute Konzept nicht, setzt es nur auf Druck um und nutzt alles, um fortschrittliche Institutionen abzubauen. Furchtbar."

Jürgen Hauke (52, Müllheim): Ohne Inklusion scheitern wir

Seine jüngste Tochter, Helen, hat eine sog. Lernbehinderung. Rechtlich ist sie Schülerin einer Schule für Behinderte. Sie wird aber in einer Außenklasse an einer Realschule - rund 15 km vom Wohnort entfernt - unterrichtet.

"Das ist eine Insellösung, keine wirkliche Inklusion, Helen ist ja auch offiziell Schülerin der Sonderschule geblieben. Sie war außerdem bereits im Kindergarten eine der ersten hier, die Einzelintegration genießen durfte. Das Konzept Inklusion ist sehr positiv: Es gibt es so viele Gründe dafür. Meine These: Ohne Inklusion scheitern wir. Die Umsetzung steckt allerdings in den Kinderschuhen, da gibt es noch viele Widerstände. Ich wünsche mir eine vollständige Umsetzung ohne Rücksicht auf Erbhöfe.
Nahezu jeden Abend klagt Helen derzeit: "Ich möchte auf eine normale Schule. Ihr seid schuld, dass ich da hingekommen bin." Exklusion ist Ausdruck und Manifestation der immer weiteren Spaltung und Fraktionierung unserer Gesellschaft."

Weitere Informationen:
Inklusionskampagne der Aktion Mensch: Handlungsfeld Bildung


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P.M.N.S

Ich stimme Jessica M. vollkommen zu.Mein Sohn besucht derzeit die Sonnenschule(Schule mit Förderschwerpunkt Sprache).Diese soll aber zum nächsten Jahr geschlossen werden und nu frage ich mich als Mutter was dann?Nur weil die Schülerzahlen der Förderschulen sinken sollen die kinder die einen bestimmten Förderbedarf haben ihn nicht mehr bekommen?Die haben ein Recht darauf!!!Man kann mir erzählen was man will aber in der inklusion kann ein Kind nicht so gefördert werden wie es nötig ist.Wir haben bis heute immer Förderschulen gehabt und sind damit immer gut gefahren und weil es derzeit weniger Schüler gibt mit Förderbedarf(was ja schön ist)als es irgendjemand vorschreibt sollen die kinder drunter leiden die die förderungen brauchen?Aus u.a.dem Grund das es zu viel unnötiges Geld kosten würde was nicht da ist?!Dann sollte man mal weniger Steuergelder zum Fenster raus schmeissen und aufhören milliarden von Euros an Griechenland zu verschenken.Dann ist auch das Geld für eine individuelle Förderung Deutschlands kinder da.Ich hätte im grossen und ganzen nichts gegen die inklusion wenn wir als Eltern die Wahl hätten dran teil zu nehmen oder nicht.Dies wird uns aber durch die Schiessungen der Förderschulen genommen.Wir haben ja keine Wahl mehr!Hoffendlich werden dennächst nicht noch die Kindergärten geschlossen weil es in Deutschland immer weniger Nachwuchs kommt.Und wenn doch.. ..meine 3j.tochter wird es bestimmt verstehen...Woher das wohl kommt???

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