Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Städte zum Ertasten

Seit über 20 Jahren gestaltet Egbert Broerken (62) Stadtmodelle zum Ertasten. Sie bieten blinden Menschen ganz neue Möglichkeiten, eine Stadt mit den Fingerspitzen zu erkunden und sind auch für Sehende ein echter Hingucker. Rund 80 Innenstädte und Einzelobjekte wie Kirchen und Klöster hat er schon als Miniaturversionen in Bronze gegossen.

Kinder vor einem Blindenstadtmodell Foto: Egbert Broerken

Wie sind Sie dazu gekommen, Blindenstadtmodelle zu entwerfen?
Ich lebe im Raum Soest, in der Nähe der Westfälischen Blindenschule. Man sieht hier sehr viele blinde Kinder im Stadtbild, das findet man sonst selten. Schon bevor ich mit der Arbeit an den Stadtmodellen begonnen hatte, habe ich mit den Schülern künstlerische Projekte durchgeführt. Als ich eines Tages eine Gruppe Blinder bei einer Stadtführung beobachtet habe, war das der Anstoß für meine Modelle. Die Blinden konnten wenig anfangen mit Angaben wie: "Der Dom ist 67 Meter hoch." Was sind 67 Meter? Wie kann man die Dimensionen anders begreifbar machen? Das wollte ich ausprobieren. Wenn man die Modelle ertastet, dann spürt man zum Beispiel: Um die Kirche umfassen zu können, brauche ich eine ganze Hand. Die Bürgerhäuser sind im Vergleich viel kleiner. Blinde Mitbürger können so die Anordnung der Plätze und Gassen ertasten, Größenunterschiede erkennen und mehr über Architektur und Stadtgeschichte erfahren.

Wie entsteht so ein Modell?
Ich gehe von Katasterplänen und Fotos aus. Nach so vielen Jahren habe ich ein gutes Gespür für die Größenverhältnisse entwickelt. Dann baue ich maßstabgetreue architektonische Modelle und modelliere sie in Wachs. Das Objekt wird anschließend in Bronze gegossen und auf einen bildhauerischen Sockel montiert. Der gesamte Prozess dauert ungefähr ein Dreivierteljahr. Das Wachsausschmelzverfahren ist eine alte handwerkliche Kunst, die Detailtreue und Unverwüstlichkeit der bronzenen Reliefs garantiert.

Sie sind ja selbst nicht blind. Wie konnten Sie sicherstellen, dass die Modelle funktionieren?
Als ich vor 20 Jahren mit einem ersten Modell für Münster angefangen habe, haben mich Lehrer und Schüler der Blindenschule unterstützt. Sie testeten, ob die Modelle sich gut ertasten lassen und ob man die Informationen in Brailleschrift gut lesen kann.

Wie finanzieren sich die Projekte?
Viele Modelle wurden vom Rotary oder vom Lions Club bezahlt, manchmal gibt es auch Spenden von Firmen, Sparkassen und so weiter, die sich dann mit dem Logo auf den Modellen verewigen dürfen. Teilweise kommen auch Landes- oder EU-Mittel hinzu. Im Detail kümmere ich mich aber nicht um die Finanzierung, das machen meine Kunden.

An was arbeiten Sie im Moment?
Gerade wurde ein Stadtmodell für Straßburg eingeweiht. Als nächstes stehen Projekte für Chur und Basel in der Schweiz an, für Günzburg und Nördlingen und auch einzelne Objekte wie Schloss Burg in Solingen oder ein Wanderweg für Blinde.

Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Arbeit erhalten?
Ich erlebe oft, dass sich Blinde gar nicht von den Modellen losreißen können. Wenn blinde Mitbürger zum ersten Mal ihre Stadt befühlen, deren Mauern sie zwar berühren, deren Dimensionen sie aber nie begreifen konnten, so ist es für sie eine ganz neue Erfahrung. Aber auch für Sehende sind die Modelle natürlich interessant anzuschauen und anzufassen.


Linktipps:
Homepage der Blinden-Stadtmodelle des Bildhauers Egbert Broerken
Kunst für alle: Auch Hände können sehen. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert über die barrierefreien Ausstellungen des Künstlers Horst W. Müller
Welten entdecken – warum blinde Menschen gerne lesen. Ein Blogbeitrag von Domingos de Oliveira über Bücher für Blinde
Plötzlich blind! Ein Blogbeitrag von Ulrich Steilen über den Kölner "Blindwalk", eine blinde Stadtführung für Sehende
Street Art zum Anfassen. Ein Blogbeitrag von Stefanie Wulff über "Brailletags", ein haptisches Graffiti der anderen Art

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