Aktion Mensch-Blog

Special Olympics? Wir kommen!

Das wird ein Fest! 4.800 Athletinnen und Athleten mit geistiger und mehrfacher Behinderung gehen im Mai bei den deutschen Special Olympics in Düsseldorf an den Start. Sieben davon gehören zu einer Voltigiergruppe aus der Gemeinde Wedemark nördlich von Hannover. Die Kunststücke, die die drei Jungen und vier Mädchen des RVC Wedemark auf dem Rücken von „Merlins Magic“ zeigen, haben mit dem Ursprung der Gruppe im heiltherapeutischen Voltigieren nichts mehr zu tun.

Voltigierteam aus Wedemark: „Wie toll die sind“

Lampenfieber haben alle sieben. Vor jedem Turnier. Manchmal hilft es, wenn man ihnen sagt, dass das Pferd nervös wird, wenn sie sich zu sehr aufregen. Manchmal nutzt es, dass sie vor dem Wettkampf immer alle einen Moment lang wie die Footballspieler Schulter an Schulter im Kreis stehen und sich mental auf die Prüfungen konzentrieren – ein Team von drei Jungen und vier Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren, in eng anliegenden Voltigieranzügen mit schickem blau-gelbem Muster. Manchmal kann Iris Berthold sie auch in Einzelgesprächen entspannen, wenn sie ihnen einschärft, dass negative Gedanken ihnen im Wettbewerb nur im Weg stehen. Aber die erfahrene Trainerin kennt das schon: Lampenfieber gehört dazu. Und das wird sich nicht ausgerechnet dann ändern, wenn ihre Mannschaft im Mai bei den Special Olympics Deutschland startet.

Seit Bertholds Turniermannschaft weiß, dass sie bei den nationalen Spielen für Menschen mit geistiger Behinderung starten kann, ist die Freude groß. Das junge Team hatte sich 2013 beim Integrativen Voltigierturnier in Lüchow für die Teilnahme qualifiziert und ein bürokratisches Anmeldeverfahren erfolgreich durchlaufen. Sponsoren mussten her, denn die Olympiavorbereitung, turniergerechte Ausstattung und eine Woche Aufenthalt bei den Special Olympics für die Sportlerinnen und Sportler, ihre Trainerin, Assistentinnen, Betreuerinnen und das Pferd zu finanzieren, geht ins Geld. Es fanden sich Unterstützer – darunter die Aktion Mensch, die sich im Rahmen der Förderaktion „Miteinander gestalten“ mit 1.240 Euro an den Kosten beteiligte. Dann stand für die Kids des Reit- und Voltigierclubs Wedemark fest: Wir fahren nach Düsseldorf!

Zu wenig Turniere für Voltis mit Behinderung

„Die freuen sich wahnsinnig darauf“, lacht Iris Berthold. Nicht nur, weil es eine Olympiade ist. „Die Teilnahme an Turnieren ist immer ein Superhighlight. Wenn es nach meiner Gruppe ginge, könnte die jedes Jahr an einem Turnier teilnehmen.“ Leider gibt es noch zu wenige Ausschreibungen für Sportlerinnen und Sportler mit geistiger Behinderung im Leistungsbereich, erzählt die Sozialpädagogin, die auch als Trainerin für das therapeutische Reiten und Voltigieren ausgebildet ist. Doch jetzt steht im Mai gleich eine ganze Woche von Wettbewerben mit drei Starts bevor: Es warten eine Einlaufprüfung, eine Qualifikationsprüfung und das Finale. Jede Menge Gelegenheiten, um zu zeigen, was man kann.

Die erfolgreiche Gruppe entwuchs einer Initiative von Iris Berthold, die seit Ende der 90er Jahre an der Förderschule „Unter den Eichen“ in Mellendorf heilpädagogisches Voltigieren in einer Schul-AG anbot. „Es fing damit an, dass wir nur Kinder mit relativ schwerer geistiger Behinderung auf dem Pferd hatten“, erinnert sich die Trainerin. „Nach und nach kamen auch andere Kinder dazu, die motorisch ziemlich fit waren.“ Für diese Talente entstand eine zweite Trainingsgruppe, für die der Sport und nicht die Therapie im Mittelpunkt des Voltigierens stand. Ein gelassenes Pferd, zwei Lehrerinnen, die bei der Betreuung mithelfen, kleinere Trainingsgruppen als sonst – das ist nötig, um mit den Schülerinnen und Schülern mit geistiger Behinderung zu voltigieren. „Man erklärt Übungen langsamer und öfter und muss relativ viel vormachen“, sagt Iris Berthold. „Durch Visualisieren verstehen die Kids das einfach besser. Motorisch sind sie echt fit: Wenn sie sehen, wie es funktioniert, können sie es auch umsetzen.“

Aus dem Stand die beste Mannschaft

Seit 2001 kooperiert die Schule mit dem RVC Wedemark im Turnclub Bissendorf. 2006 nahm die sportliche Turniergruppe erstmals an den Special Olympics teil. „Wir fuhren völlig unbedarft nach Berlin und waren dann gleich die erfolgreichste Mannschaft des Turniers in den höchsten Klassen“, erinnert sich Iris Berthold und grinst. „Wie toll die sind, ist mir vorher noch gar nicht bewusst gewesen. „Zweimal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze hieß es dann 2008 bei den Special Olympics National Games in Karlsruhe.

Die damals so erfolgreichen Sportlerinnen und Sportler sind inzwischen dem Turnieralter entwachsen und nicht mehr dabei, aber die Nachwuchstalente Annalena Kretzmeyer, Patrick Lampe, Maximilian Mumme, Simon Hey, Feride Demir, Jennyca Karstens und Marie Sieber müssen sich nicht verstecken. Vor allem die drei Jungen zeigen sehr gute Leistungen, lobt Iris Berthold. Um in einer höheren Klasse starten zu können, üben sie grade auf einem Holzpferd eine neue Kür, die sie im Galopp turnen können. Die Trainerin lobt den Teamgeist: „Alle sind untereinander wahnsinnig sozial. Die Jungs sind sehr hilfsbereit, die Mädchen haben einen ausgleichenden Pol. Selbst wenn sie bei einem Wettbewerb eine Enttäuschung erlebt haben, können sie das gemeinsam auffangen. „Bis zur Olympiade wird der Trainingsaufwand für die Gruppe kontinuierlich steigern. Auch externe Trainer werden sie beraten. „Nach Ostern gehen wir ins ganz verstärkte Training mit zwei bis drei Terminen pro Woche“, erzählt Berthold.

Auch eine gute Ausstattung zählt

Ob die Gruppe bei den Special Olympics aufs Treppchen kommt, ist für Iris Berthold nicht das Wichtigste. „Wir möchten als Sportler aufgrund unserer Leistung ernst genommen werden. Und wenn wir diese Leistung so bringen, wie wir das trainiert haben, ist es gut.“ Es ist ihr wichtig, wie sich das Team präsentiert. Auch, was Ausstattung und Kleidung angehen: „Wir sehen immer gut und wettkampfkonform aus, haben ein tolles Pferd und die Voltigierer tragen neue Anzüge.“ Kleider machen Leute. Auch bei Olympia.


Linktipps:
Der Reit- und Voltigierclubs Wedemark im Turn-Club Bissendorf e.V.
Mehr Infos zu den Special Olympics in Leichter Sprache
Inklusion in Reinkultur. Ein Blogbeitrag von Christian Schmitz über ein inklusives Sportprojekt in Kiel
Rudernd übers Land. Ein Blogbeitrag von Cornelia Heller über „Street Rowing“, ein mobiles Sportprojekt für Kinder und Jugendliche

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