Filmfestival, Aktion Mensch-Blog

Spannung, Erotik, Kunst und viel Gefühl

„Wir müssen nicht auf jeder Hochzeit tanzen, aber wollen auch nicht von vornherein von vielem ausgeschlossen sein.“ Diesen Satz schreibt Zuhal Soyhan in ihrem Grußwort an das Münchner Kinopublikum. Die Fernsehmoderatorin ist hier Schirmherrin des inklusiven Filmfestivals „überall dabei“, das von Donnerstag, 25. April, bis zum 5. Mai in der bayerischen Landeshauptstadt gastiert. Mit „wir“ meint Zuhal Soyhan Menschen mit Behinderung. Die heute 48-Jährige weiß wovon sie spricht. Sie hat die Glasknochenkrankheit und sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl. Im Interview spricht sie über das „Ausgeschlossen- und Dabeisein“ und macht klar, warum die Zuschauer sich alle Filme von „überall dabei“ ansehen sollten.

Schirmherrin von "überall dabei" in München: Zuhal Soyhan.


In ihrem Grußwort für das Festival in München schreiben Sie: „Ein Filmfestival ganz wie es sein soll: voller Spannung, Erotik, Kunst und viel Gefühl!“ Welcher Film hat Ihnen besonders gut gefallen?
Also, mir hat tatsächlich „Rachels Weg“ besonders gut gefallen. Das Thema „Sexualität und Behinderung“ steht eben noch ganz weit hinten auf der Liste. Die Menschen wollen sich damit möglichst nicht auseinandersetzen. Der Film zeigt aber auf eine sehr gute Weise, dass Behinderte sich nicht nur wünschen, versorgt zu werden, sondern dass sie auch ureigenste Gefühle und Wünsche haben. Nämlich die nach Sexualität und Zuneigung. Und dann gibt es da eine Frau, die diese Wünsche erfüllt – Rachel. Das hat nichts Klebriges oder Anrüchiges, das geht einfach total zu Herzen.

Haben Sie die anderen Filme des Festivals auch bereits gesehen? Was macht die Filmauswahl von „überall dabei“ aus?
Ja, ich habe mir alle Filme angesehen. Wenn ich schon Schirmherrin von einem Festival bin, will ich auch wissen, worum es geht. Und ich bin wirklich sehr angetan von den Filmen und den Geschichten, die sie erzählen, weil sie so authentisch die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung wiedergeben. Letztlich geht es auch gar nicht darum, ob jemand behindert ist oder nicht, sondern die Themen sprechen einfach für sich. Abgesehen davon sind die Filme einfach hochprofessionell gemacht und haben nichts von dem Betulichen, was man sonst häufig sieht, wenn es um Behinderung geht.

Apropos Schirmherrin, wie kam es eigentlich dazu?
Michael Backmund, der das Filmfestival hier in München koordiniert, war mit mir gemeinsam auf der Journalistenschule. Wir kennen uns schon lange. Und da ich als Fernsehmoderatorin ein wenig Medienpräsenz habe und zudem eine Behinderung, hat er mich gefragt, ob ich das machen würde. Ich habe ihm sehr gerne zugesagt, weil mir das Thema Inklusion sehr am Herzen liegt. In meinem Leben musste ich immer dafür kämpfen und kämpfe immer noch dafür, dass ich all das machen kann, was ich heute mache.

Sie wurden in der Türkei geboren, haben in Deutschland studiert, sind jetzt als Frau mit Behinderung erfolgreich in ihrem Beruf als Fernsehjournalistin in Bayern. Ist Deutschland ein Inklusionsparadies?
Von dem Paradies sind wir noch ganz, ganz weit entfernt. In Sachen Barrierefreiheit hat sich zwar in den vergangenen Jahren einiges getan, Rollstuhlfahrer wie ich haben es etwas leichter als früher. Aber mir geht es auch um die Inklusion von Menschen mit anderen Behinderungen. Zum Beispiel denjenigen mit einer geistigen Behinderung oder mit einer psychischen Erkrankung. Diese werden noch viel stärker ausgegrenzt als Menschen mit Körperbehinderung. Ich habe mich irgendwann einmal gefragt, wieviele Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung ich eigentlich kenne und bin zu dem traurigen Ergebnis gekommen, dass es praktisch null sind. Diese Menschen gibt es aber und ich möchte wissen, wo sie sind!

Im Rahmenprogramm des Filmfestivals in München stellen Sie am 8. Mai Ihr neues Buch vor. Worum geht es in ihrem Buch?
Es geht um mein Leben und meinen Weg, der mich als Kind nach einem schweren Erdbeben in der Türkei nach Deutschland geführt hat. Ich hatte glücklicherweise die Kraft mich durchzukämpfen und mich nicht auf die Strukturen zu verlassen, so wie sie damals waren. Hätte ich mich auf diese Strukturen verlassen, wäre ich sicherlich keine Journalistin geworden, würde nicht in einer eigenen Wohnung leben und hätte möglicherweise jetzt auch keinen Mann. Ich möchte nicht überheblich wirken und mein Weg lässt sich nicht auf andere übertragen. Aber vielleicht kann ich mit meinem Buch andere Menschen dazu ermuntern, Dinge anzupacken und anzugehen, von denen sie träumen.

Zur Person

Zuhal Soyhan wurde 1965 in der Türkei geboren. Mit drei Jahren kam sie für eine Krankenhausbehandlung nach Deutschland und lebt seitdem in München. Dort besuchte sie die Journalistenschule und arbeitete für verschiedene Zeitungen und Fernsehsendungen vor und hinter der Kamera. Heute ist sie überwiegend für „Wir in Bayern“ und das TV-Reisemagazin „grenzenlos“ tätig.

Vorankündigung aus dem Programmheft München zur Lesung mit Zuhal Soyhan

:
Zusatzveranstaltung der Münchner Volkshochschule (MVHS):
Mittwoch, 08.05.13
20:00 Uhr Ungebrochen – Mein abenteuerliches Leben mit der Glasknochenkrankheit Lesung mit Zuhal Soyhan und Christoph Süß
Als dreijährige erhält die Türkin Zuhal Soyhan die Diagnose Osteogenesis Imperfekta, die sogenannte Glasknochenkrankheit. In München wird sie im Krankenhaus behandelt und in einem Heim für Körperbehinderte jahrelang verwahrt. Sie nimmt allen Widrigkeiten und Vorurteilen zum Trotz ihr Leben selbst in die Hand und verwirklicht ihre Träume. Heute ist die starke Frau eine beliebte Fernsehjournalistin und sagt von sich: „Ich bin ein Glückspilz.“
Christoph Süß, Moderator des BR-Magazins quer, der Zuhal Soyhan aus seiner Zivildienstzeit kennt, stellt der Autorin Fragen zum Buch.
Ort: Black Box, Gasteig, Rosenheimerstr. 5. Infos und Karten unter www.mvhs.de/barrierefrei-lernen oder an der Abendkasse.

Weitere Informationen zum Filmfestival in München

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