Inklusion, Aktion Mensch-Blog

Solche Filme können Türen öffnen

Der Kinodokumentarfilm „Body and Brain“ von Thomas Koerner und Hermann Hoebel über das Leben von Peter Radtke schafft eine Begegnung auf Augenhöhe. Margit Glasow war auf der Premiere in München und sprach dort mit dem Produzenten des Films, Hermann Hoebel.

Filmproduzent Hermann Hoebel: Herz und Seele zeigen Fotos: Margit Glasow / thalmannverlag!

Es ist ein Film über einen Menschen, der mit einer Behinderung lebt. Es ist kein Film über Behinderung. Es ist ein Film über das Können eines großen Schauspielers. Über die Frage nach dem Anderssein und was man daraus macht. Über die große Ambivalenz zwischen der Sehnsucht, so zu sein wie die anderen, und dem lebenslangen Streben nach Individualität. Nach Einzigartigkeit.

Berührungsängste abbauen

Wer Peter Radtke bisher vielleicht so nicht kannte: In dem Kinodokumentarfilm "Body and Brain. Peter Radtke – Ein Leben in tausend Brüchen" wird jedem das breite Spektrum dieses Schauspielers bewusst – egal, ob man sich je mit dem Thema Behinderung beschäftigt hat oder nicht, man muss den Hut ziehen. „Genau das ist der Anknüpfungspunkt für die Öffentlichkeit“, betont Hermann Hoebel, Produzent des Films, nach der Premiere am 1. September im Rio Filmpalast in München. „Man wird in dem Film konfrontiert mit den körperlichen Schwierigkeiten, die Peter Radtke aufgrund seiner Behinderung hat. Aber dann die Karrierestationen und Erfolge dieses Mannes zu erleben, das ringt Respekt ab. Einen Menschen zu sehen, der auf den ersten Blick vom Aussehen her sehr schockierend wirkt, aber zu solchen Leistungen fähig ist. Was für ein Charakter in diesem Körper steckt, was für ein freundlicher und humorvoller Mensch er ist. Es ist ganz klar, wer nichts mit behinderten Menschen zu tun hat, wird zunächst erst einmal Berührungsängste haben. Und diese so schnell abzubauen, wie es den Filmschauspielern und Kollegen von Radtke gelingt, ist wohl nicht jedem gegeben. Aber durch einen solchen Film können Türen geöffnet werden. Einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen, wozu Menschen mit Behinderung fähig sind, dass da ein Herz und eine Seele hinter stecken, eine große Leidenschaft für die Arbeit, wie Peter Radtke sie vorzuweisen hat. Das erwarte ich mir als Botschaft von dem Film für eine breitere Öffentlichkeit.“

Produzent Hermann Hoebel erzählt an diesem Tag, dass er Peter Radtke vor vielen Jahren bei Drehaufnahmen zum Krüppelkabarett kennen lernte. Die Zusammenarbeit setzte sich über die Jahre hinweg – mit Unterbrechungen – immer weiter fort und führte im Laufe der Zeit zu einer Freundschaft. Ein gleiches Verhältnis habe er zum Regisseur des Films Thomas Koerner. „Diese Dreierkonstellation von Protagonist, Regisseur und Produzent war unabdingbar notwendig, um ein solches Ergebnis hinzubekommen. Wir haben uns als Freunde für diesen Film verabredet, haben ihn durchgezogen gegen viele Hindernisse und Schwierigkeiten, haben ihn fertiggestellt und sind als Freunde wieder aus dem Film hinausgegangen. Das ist schon eine Erwähnung wert, denn es gibt natürlich bei künstlerischen Prozessen, die über mehrere Jahre andauern, auch Reibungsmomente.“

Behinderte Menschen haben es nötig

Entstanden ist ein 90-minütiger Dokumentarfilm, für den eine Fülle von historischem Bildmaterial aus dem Leben Peter Radtkes verwendet wurde: aus seiner Jugend, seinen Theaterauftritten, den Interviews mit bekannten Theater- und Filmregisseuren wie George Tabori und Michael Verhoeven, die ihm äußersten Respekt zollen. Aus seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft „Behinderung und Medien“, seiner Mitgliedschaft im Nationalen Ethikrat. Der Widerspruch zwischen seinen Eltern wird deutlich: Die Mutter, die immer wie eine Löwin für ihn kämpft. Und sein Vater, der über seinen Sohn sagt: „Er hält sich für gleichberechtigt, muss aber immer wieder die Erfahrung machen, dass er es in der Gesellschaft nicht sein kann.“

Gertrud, seine Ehefrau kommt zu Wort, die ihren Mann nach seinem ersten Bühnenauftritt fragt: „Warum tust du das? Das hast du doch gar nicht nötig!“ Und Radtke schließlich zu dem Schluss kommen lässt, dass gerade behinderte Menschen es nötig haben. „Das Theater zeigt uns von einer Seite, die uns unsere Umwelt nicht zutraut. Sie kann sich nicht vorstellen, dass wir kreativ sind, dass wir nicht nur nehmen können, sondern auch geben, dass wir durch das Theater eine Ganzheit bekommen, die man uns gemeinhin abspricht.“

Aus diesem Grunde ist dieser Film so wichtig. Aus diesem Grunde kann er Türen öffnen: Zu zeigen, dass Menschen mit Behinderung nicht nur einen Körper haben. Sondern dass darin ein Geist lebt – um zu denken, zu fühlen, kreativ zu sein.
„Natürlich müssen wir das Publikum für diesen Film suchen“, betont Hermann Hoebel, „da mache ich mir keine Illusionen. Und der Einstieg wird immer über Behindertenverbänden, über Inklusionstagungen, Veranstaltungen wie die REHACARE erfolgen. Aber das soll ja auch nur ein Sprungbrett sein.“

Der Film wurde auf der Eröffnungsveranstaltung der Aktionswoche gegen Diskriminierung behinderter Menschen gezeigt und mit großem Beifall aufgenommen. Nun gilt es, Filmtheater zu finden, die den 90-Minuten-Film in ihr Programm aufnehmen.


Linktipps:
Der Dokumentarfilm "Body and Brain. Peter Radtke – Ein Leben in tausend Brüchen"
Mein Weg nach Olympia. Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über Niko von Glasows Dokumenation über die Paralympics
Wir wollen alle nur geliebt werden! Ein Blogbeitrag von Margit Glasow über Niko von Glasows Film "Alles wird gut"
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